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H. Sarpei: "Schwarzer Humor und ...": Einen ruhigen Tag als Schalker erlebt man nur auf dem Friedhof

Zwischen Clemens Tönnies und den Schalke-Anhängern knatscht es gewaltig. Als der Vereinsboss am Wochenende Sportchef Horst Heldt verabschiedete, hagelte es Pfiffe. Doch sollten die Fans Tönnies nicht eher dankbar sein? 

Schalke-Sportvorstand Horst Heldt (l.) mit Vereinspräsident Clemens Toennies

Frustfoul in Richtung des Aufsichtsratsvorsitzenden: Schalke-Sportvorstand Horst Heldt (l.) am Samstag in der Veltins Arena mit Präsident Clemens Toennies.

"Da wo Ruhe ist, ist Erfolg. Da wo weniger Ruhe ist, ist weniger Erfolg." Horst Heldts Worte bei seinem eigenen Abschied vor dem Spiel am Samstag waren ein Frustfoul in Richtung des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies. Jenem Chef, dessen Rede von tausenden Pfiffen unterbrochen und mit Plakaten wie "26.6. den Zirkus beenden - Tönnies abwählen!" oder "MV 2016: Höchste Zeit für Veränderungen!" begleitet wurde. Die Mitgliederversammlung Ende Juni versprach auch schon vor dem Verpassen der Champions League durch das 1:1 gegen Augsburg eine heiße Kiste zu werden. Doch was ist eigentlich der Grund für die gewachsene Kritik an dem seit 2001 tätigen Boss auf Schalke?

Schalke in Uefa-Wertung noch sensationell gut

Unter dem erfolgreichen Berufsmetzger und passionierten Hobbyjäger Tönnies hat der Verein bis heute die wirtschaftlich stärksten Zeiten erlebt. In einer Zeit, in der Bremen, Hamburg, Stuttgart und Co. den nationalen Anschluss verpassten, hat der FC Schalke 04 fast ausnahmslos international gespielt, darunter viele Jahre in der Champions League. Aktuell liegt der Verein in der Uefa-5-Jahres-Wertung sogar noch auf einem sensationellen Platz 13, trotz des unnötigen Ausscheidens aus der Europa-League vor einigen Wochen. Mit dem Pokalsieg, mit zweiten und dritten Plätzen in der Meisterschaft, der Umschuldung und mit einer herausragenden Nachwuchsabteilung. Sollten Fans dem Aufsichtsratsvorsitzenden nicht mehr Dankbarkeit zeigen? Umso mehr, wenn man die Schicksale der anderen Traditionsvereine vor Augen hat?

Ich selbst habe auf Schalke zwischen 2010 und 2012 mehr erlebt, als in meiner gesamten Karriere davor: Magath, Mailand, München, Meiderich, aber auch Trainerwechsel, Tumulte und Torschusspanik. Nach der Bekanntmachung mit Medizinbällen folgten das Wunder gegen Champions-League-Titelverteidiger Inter Mailand, der Sieg im DFB-Pokalhalbfinale bei Bayern München und der Pokalsieg gegen den Meidericher SV, dem MSV Duisburg. Gleichzeitig rumorte, schepperte es hinter den Kulissen, wurden Spieler ein- und verkauft, wurde Unruhe in die Mannschaft getragen, als wären wir abgeschlagen auf Platz 18. Einen ruhigen Tag als Schalker erlebt man auch nur dann, wenn man auf dem Fan-Feld liegt – dem vereinseigenen Friedhof.

Druck von oben und Druck von Außen

Heldt wird gestärkt, Heldt wird entmachtet und gleichzeitig werden schon Gespräche mit seinem Nachfolger, mit einem neuen Trainer geführt - am besten im Doppelpass mit den Medien, damit dem Druck von Oben der Druck von Außen folgt. 

Der Fisch stinkt meist vom Kopf, sagt ein Sprichwort. Trifft dies auch auf Schalke und den Metzger aus Rheda-Wiedenbrück zu? Während in anderen Vereinen längst starke Teams das Sagen haben und Trainer über mehrere Jahre in Ruhe arbeiten dürfen (Watzke/Zorc/Klopp, jetzt Tuchel), (Rummenigge/Sammer/Heynckes, jetzt Guardiola), (Königs/Eberl/Favre, jetzt Schubert) wechselte mein Ex-Verein häufiger den Trainer als das Wetter. Konstanz ist für Schalke jahrelang kein Wert gewesen, den man (vor-)leben wollte.

Kann Tönnies seine Jagdlust zügeln?

Keine Frage: Der FC Schalke 04 hat dem Hobbyjäger viel zu verdanken. Seine Wiederwahl bei der Mitgliederversammlung scheint mangels einer Alternative nur eine Frage von Prozenten. Doch Tönnies letzte Patrone im Gewehr scheint der neue starke Mann auf Schalke zu sein: Christian Heidel.

Heidel hat in Mainz mit- (Strutz/Heidel/Klopp, Tuchel, Schmidt) bewiesen, dass er Verein, Team und Trainer formen und entwickeln kann. Es liegt an der Jagdlust von Tönnies, ob Heidel nach mehreren Monaten zum Abschuss freigegeben und den medialen Wölfen zum Fraß geopfert wird oder nicht. Sollte Tönnies seine Jagdlust nicht zügeln, könnte ausgerechnet der nächste Schuss ihn selbst treffen. Selbst - oder besser gesagt gerade auf Schalke, wo man sich nichts sehnlicher wünscht als einen Aufsichtsratsvorsitzenden, der sich medial zurücknimmt.

Euch allen eine ruhige Woche

Hans 

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