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Olympia: Team Russland: Untergang eines Imperiums

Russland, einst die stärkste Wintersportnation, läuft und fährt in Vancouver meist hinterher. Regierungschef Putin schäumt - er hat Angst vor einem Versagen seiner Sportler auch bei den Spielen in Sotschi.

von Matti Lieske, Vancouver

Die Russen hatte ihre große Zeit in Vancouver vor Beginn der Olympischen Winterspiele . Da hat alle Welt über sie gesprochen, und sogar Jacques Rogge , der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), kam nicht umhin, sich in aller Ausführlichkeit mit ihnen zu befassen. Es ging um die zahlreichen Dopingfälle, die der russische Wintersport in den vergangenen zwölf Monaten aufzuweisen hatte. Nicht wenige forderten den generellen Olympiaausschluss des Teams. Rogge sagte, was das IOC auf alle kritischen Fragen antwortet. Man kümmere sich um die Sache, er habe mit den Verantwortlichen geredet, bestimmt werde bald alles besser.

Danach war von Russlands Sportlern kaum noch etwas zu sehen. Pressetermine wurden tunlichst vermieden, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Bei den Wettkämpfen fielen sie, sieht man einmal von Eiskunstläufer Jewgeni Pluschenko und dem Eishockeyteam mit dem unübersehbaren Alexander Owetschkin ab, selten auf. Manchmal schien es, als seien sie gar nicht da. Ob die russischen Sportler tatsächlich mehr dopen als ihre Konkurrenten oder ob sie sich einfach nur dümmer anstellen, ist ungeklärt. Tatsache aber ist: Sollten sie extensiv dopen, dann hat dies erstaunlich wenig Einfluss auf ihre Platzierungen bei den Spielen von Vancouver.

Die Medaillen gehen nach Deutschland, Norwegen, die USA

Denn statt an die Russen gehen die Medaillen nach Deutschland, in die USA, an Norwegen, Schweiz, Korea und in bescheidenem Maße auch an die so gewinnsüchtigen Gastgeber. Russland, die einstige Großmacht des Wintersports, steht im Wettbewerb der Erbsenzähler erstmals nicht gut da. Elf Medaillen nach elf Olympiatagen, nur zweimal Gold, im Biathlon und Langlaufsprint, selbst die einstige Dominanz im Eiskunstlaufen ist in Vancouver gebrochen.

Die Kritik in der Heimat ist heftig - in den Medien, aber auch von russischen Politikern, die sich traditionell sehr gern in den Sport einmischen. Anlässlich des Eiskunstlaufskandals 2002 in Salt Lake City trat sogar das Parlament zusammen. Ministerpräsident Wladimir Putin persönlich drohte schon vergangene Woche Konsequenzen für die Funktionäre an, wenn sich die sportliche Misere fortsetze. Dem Mann läuft die Zeit davon: Bereits in vier Jahren finden die Winterspiele in Sotschi statt, und als Gastgeberland unter ferner liefen zu landen, wäre eine Blamage - vor allem, nachdem die Kanadier neue Maßstäbe der Medaillensucht in Ausrichterländern gesetzt haben.

Reparatur eines einstmal erfolgreichen Systems

Die Russen täten gut daran, nicht dem Beispiel der mit ihrem "Own the Podium"-Programm an den eigenen Ansprüchen gescheiterten Kanadier zu folgen. Zwar investiert der russische Staat seit einigen Jahren wieder kräftiger in den Wintersport, doch Priorität haben die Bauvorhaben in Sotschi, die durch die Finanzkrise in Verzug geraten sind. Das Beispiel Kanada zeigt auch, dass es Zeit braucht, ein Sportsystem zu installieren, welches Erfolge garantiert. "Own the Podium" hat vor allem in Trainer und Leistungszentren investiert. So etwas zahlt sich meist langfristig aus - sofern das Programm nach Vancouver überhaupt weitergeführt wird, was höchst unsicher ist.

In Russland geht es um die Reparatur eines einstmals erfolgreichen Sportsystems, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahezu komplett kollabierte. Ganze Trainingszentren wie das der Langläufer in Estland oder der Biathleten in Weißrussland brachen weg, ohne adäquat ersetzt zu werden. Trainer wurden entlassen oder gingen ins Ausland. Investitionen in den Sport hatten keine Priorität in jener turbulenten Zeit, als sich die Wirtschaft des Landes neu ordnete, nicht zuletzt unter Ausnutzung von Korruption und Kriminalität.

Glorreiche Geschichte

In Albertville und Lillehammer profitierte man mit jeweils 23 Medaillen noch von den alten Strukturen, dann begann der Niedergang. 18 Medaillen in Nagano 1998, 13 in Salt Lake City 2002. Lediglich in Turin gab es vor vier Jahren mit 22 Medaillen ein überraschendes Hoch, das aber eher günstigen Fügungen als strukturellen Verbesserungen zu verdanken war und den Blick für die Realität trübte. Vor allem in Hinblick auf Sotschi wurde von Regierung und staatlichen Unternehmen wie Gazprom oder der Eisenbahngesellschaft zwar wieder mehr für die Sportförderung getan, doch nicht immer auf vernünftige Weise. Wahnsinnsprämien von 150.000 $ an Goldmedaillengewinner in Peking auszuschütten, nützt etablierten Athleten - der talentierte Nachwuchs hat nichts davon.

In den jungen olympischen Sportarten wie Snowboard, Freestyle oder Shorttrack ist Russland, ähnlich wie Deutschland, ohne Bedeutung. Medaillenchancen gibt es außer bei Eishockey und Eiskunstlaufen praktisch nur noch im - dopingverseuchten - Biathlon und Langlauf sowie in den Schlittenwettbewerben. Auch wenn sich die Anstrengungen des Staates zur Wiederbelebung des Wintersports weiter verstärken werden, sind vier Jahre definitiv zu kurz, um all die Defizite zu beheben. Das Podium wird in Sotschi mit großer Sicherheit nicht den Gastgebern gehören.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

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