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Affäre um Nadja Drygalla: Rückendeckung und Ahnungslosigkeit

Rückendeckung für Ruderin Nadja Drygalla von ihrem Heimatverein: Man wusste von den Kontakten ins NPD-Milieu. Die Olympia-Verantwortlichen und der Ruderverband geben weiterhin die Ahnungslosen.

Die von den Olympischen Spielen abgereiste Ruderin Nadja Drygalla kann sich auf die Unterstützung vom Vorsitzenden ihres Heimatclubs verlassen. "Nadja ist bei uns nie durch rechtsradikales Gedankengut aufgefallen. Ich finde es erbärmlich, dass ein junges Mädchen in Sippenhaft genommen wird", sagte der Vorsitzende des ORC Rostock, Walter Arnold, dem Nachrichtenmagazin "Focus". Arnold befürchtet, dass damit die sportliche Karriere der Ruderin beendet sein könnte.

Drygalla soll mit einem Mann liiert sein, der im vergangenen Jahr in Rostock als Direktkandidat der rechtsextremen NPD zur Landtagswahl angetreten war. Die 23 Jahre alte Rostockerin hatte am Donnerstagabend nach einem Gespräch mit der deutschen Mannschaftsleitung freiwillig das olympische Dorf verlassen.

Wer hat es gewusst? Und wann?

Chef de Mission Michael Vesper hatte zuvor betont, die Athletin habe sich nach einem 90-minütigen Gespräch selbst zur Abreise entschieden, um jede mögliche Belastung von der Mannschaft zu nehmen. Zudem hat sich Drygalla seinen Angaben nach von rechtsradikalen Haltungen in ihrem Umfeld distanziert.

Beim Landessportbund in Mecklenburg-Vorpommern war die Beziehung zwischen Drygalla und dem führenden Mitglied der regionalen Kameradschaft "Nationale Sozialisten Rostock" offenbar schon seit einem Jahr bekannt. Das bestätigte laut des Senders NDR 1 Radio MV" der Vorsitzende Wolfgang Remer. Das Innenministerium hatte den Sportbund informiert, nachdem die Sportlerin Ende September den Dienst bei der Polizei quittiert hatte. Warum diese Information den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nicht erreicht habe, konnte Remer nicht erklären. Die Schuld für dieses Kommunikationsproblem will er jedoch nicht übernehmen. Auch das Innenministerium hätte den DOSB informieren könne.

Landesruderverband war im Bilde

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) wirft dem Landesruderverband und dem Landessportbund vor, sich zu wenig mit dem Umfeld von Drygalla beschäftigt zu haben. Der Leiter der Olympia-Stützpunkte im Land, Michael Evers, entgegnete, er könne und wolle sich nicht mit dem Privatleben der 160 von ihm betreuten Athleten beschäftigen.

Auch der Landesruderverband wusste über die politischen Ansichten des Freundes von Drygalla Bescheid. Offiziell wurde das dem Deutschen Ruderverband jedoch nicht mitgeteilt. "Es hat aber Gespräche am Rande gegeben. Wenn der Deutsche Ruderverband jetzt von dem Thema überrascht worden ist, kann ich das nicht kommentieren", sagte Hans Sennewald, dem Vorsitzenden des Landesruderverbandes Mecklenburg- Vorpommern.

Drygalla sei nach ihrer Abreise "am Boden zerstört", berichtete Sennewald aus einem Gespräch mit der Ruderin vom Samstagmorgen. "Wir haben es hier nicht mit einem Medienprofi zu tun oder mit jemandem, der sich permanent und mit letzter Konsequenz vor Augen führt, in welcher Extremsituation persönliche Beziehungen münden können", sagte der frühere Weltklasseruderer. "Dass sie jetzt extrem leidet, finde ich ganz natürlich."

Bach: Olympia-Team nicht hineinziehen

Derweil versucht der DOSB jegliche Verantwortung von sich zu weisen. "Ich bin erbost über Äußerungen aus der Politik in Deutschland, die sagen, dies sei bekannt gewesen. Warum hat man es uns dann nicht gesagt?", erklärte Thomas Bach. Der DOSB-Präsident verurteilte diese Vorwürfe als "inakzeptables Vorgehen". Er appellierte, das Olympia-Team aus der Affäre Drygalla rauszuhalten. "Kein Athlet der Olympia-Mannschaft hat es verdient, in diese Geschichte hineingezogen zu werden", erklärte Bach, "das hat mit unserer Olympia-Mannschaft, die sich deutlich zu unseren Grundwerten bekennt, nichts zu tun."

Für Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, besteht dagegen Aufklärungsbedarf. Die Politikerin hält es für erklärungsbedürftig und kaum vorstellbar, dass sowohl der DOSB als auch der Deutsche Ruderverband (DRV) nichts von dem Fall gewusst haben wollen. Zwar dürfe es keine "Sippenhaft" geben, aber einen solch gravierenden Vorwurf hätte sie "gerne im Vorfeld" der Olympischen Spiele geklärt gehabt. Sie stelle sich die Frage, warum die zuständigen Sportfunktionäre nichts gewusst hätten. Vesper und DRV-Präsident Siegfried Kaidel hatten am Freitag versichert, erst tags zuvor von den Gerüchten um Drygallas Umfeld gehört zu haben.

Bei der traditionellen Sitzung zur Nachbetrachtung der Olympischen Spiele würden sich die Sportfachleute der Fraktionen "zwangsläufig" auch mit dem Fall Drygalla beschäftigen. Freitag will dabei empfehlen, die Sitzung öffentlich zugänglich zu machen, rechne aber mit Widerstand der schwarz-gelben Koalition, sagte Freitag.

swd/DPA/AFP / DPA

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