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Olympia: Fabian Hambüchen: Der Turn-Ballack

In Peking wollte er Gold, aber es klappte nicht. Jetzt macht Fabian Hambüchen auf locker, doch er ahnt: Wenn es wieder nichts wird, bleibt er ein Unvollendeter. Treu an seiner Seite: die "Bild".

Von Wigbert Löer, London.

Da ist er wieder. Die Brille, anders, auffällig, breite, dunkle Bügel, sie dominiert sein Gesicht stärker als früher. Die Haare, schütterer. Der Körper, nicht drahtig, muskulös, wie immer. Die weiße Trainingsjacke kann die Gebirge nicht wirklich verbergen. Fabian Hambüchen, einstiger Turnfloh, Medienliebling und eine der großen deutschen Goldhoffnungen bei den Olympischen Spielen 2008, sitzt auf einer Terrasse im Olympischen Dorf von London. Es ist Zeit für ihn, wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Mit Leistungen, auch mit Worten. So hat Hambüchen das immer getan.

Der Turner aus Wetzlar ist jetzt 24 Jahre alt und zum dritten Mal bei Olympia. Er hat schwere, langwierige Verletzungen hinter sich und währenddessen zusehen müssen, wie andere deutsche Turner ihn einholten. Er holte am Reck in Peking Bronze, nur Bronze, so empfand er das und war unzufrieden. Er hat eine neue Freundin und das über die "Bild"-Zeitung, für die er auch wirbt, bekannt gemacht. Er hat zudem von einem "Bild"-Journalisten sein Leben aufschreiben und veröffentlichen lassen. Ein Buch über sich, mit Anfang 20. Manche Turnerkollegen fanden das peinlich. Oder lächerlich.

Einer wie Michael Ballack

Dieser Fabian Hambüchen, der sich immer wieder ins Gespräch bringt, der sich nach den Verletzungen zurück gekämpft hat und der heute um 17.30 Uhr mit der deutschen Turnmannschaft antritt, um hinter den großen Favoriten China und Japan die Bronze-Medaille zu gewinnen – dieser Hambüchen hat sich auf seinem Stuhl zurück gelehnt. Um ihn herum sitzen acht Journalisten, er zeigt sich lässig. "Wenn man als Favorit ins Rennen geht, ist das eine ganze andere Sache, als wenn man Jäger ist", sagt er, und, als es um die Richter bei Olympia geht: "Turnen ist eben ein Stück weit subjektiv." Sätze sind das, die seine Erfahrung hervor streichen. Darum geht es, Hambüchen hat Erfahrung. Er ist schon lange dabei. Das soll man ruhig bemerken.

In der deutschen Turnermannschaft ist Hambüchen vielleicht so einer wie Michael Ballack bei der Europameisterschaft 2008 in der Fußball-Nationalelf. Er ist das Gesicht, er hat viel gesehen, er geht voran. Die Frage ist wie damals auch bei Ballack, ob er noch gut genug ist. Ob er die anderen auch mit Leistung mitreißen kann und nicht nur auf das verweisen kann, was hinter ihm liegt.

Hambüchen, der Unvollendete?

Fabian Hambüchen hat für alle Fälle schon mal das Wort vom unvollendeten Athleten aufgenommen. Ein solcher sei er nicht, wenn er nun mit der Mannschaft nichts hole und auch nicht allein am Reck und im Mehrkampf. Sagt er. Ballack galt auch immer als der Unvollendete, weil er so oft Zweiter wurde.

Hambüchen hat die Lehre, die er aus Peking gezogen hat mit seinem Vater, der ihn trainiert und mit seinem Onkel, der ihn als Mentaltrainer betreut, bereits öffentlich gemacht. "Indem ich mich selbst so sehr unter Druck setzte und die ersehnte Goldmedaille so viel Macht über mich und meinen Alltag gewinnen ließ, machte ich mich selbst zu einem Gefangenen. Dabei hatte ich selbst den Schlüssel und hätte meiner Zelle jederzeit entfliehen können. Aber ich traute mich nicht und dachte jeden Tag ununterbrochen daran, den Fokus auf Gold richten zu müssen." So ließ er sich in der "Bild"-Zeitung zitieren. Außer Gold zähle nichts, das werde er ganz bestimmt nicht mehr sagen. "Ich werde mich selber nie wieder so unter Druck setzen und es auch nicht zulassen, dass ich so unter Druck gesetzt werde."

Auch ohne große Schlagzeilen im Mittelpunkt

In der Presserunde im Olympischen Dorf wird er zum Thema Gold nicht mehr gefragt, dafür zu seiner Zukunft. Er werde auch nach London weiterturnen, sagt Hambüchen. Dann ruft sein Manager an, bei dem befreundeten Journalisten. Der reicht das Handy geschwind an Hambüchen weiter. Hambüchen berichtet seinem Manager, dass er mit Michael Vesper gesprochen habe, dem Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. Es ging um seine Kritik, Hambüchen hatte es als "Sauerei" bezeichnet, dass sein Vater Wolfgang keine Akkreditierung für die Olympischen Spiele bekam. Sein Manager hatte noch assistiert und gesagt, der "Verband tue nichts dafür, dass Fabian optimale Bedingungen habe. Wenn die gewollt hätten, hätten sie Wolfgang problemlos eine Akkreditierung besorgt."

Wie laut dürfen ein Sportler und sein Manager Sportfunktionäre kritisieren – ein spannendes Thema ist das. Doch der "Bild"-Journalist gibt Hambüchen einen Wink, er solle mal ein paar Meter weiter gehen. Das tut Hambüchen, und so kann niemand mehr hören, was er seinem Manager sagt. An diesem Morgen braucht er noch keine große Schlagzeile. Es soll jetzt ja um die Turner-Mannschaft gehen.

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