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Schwimmstars Bruhn und Deibler im Doppelinterview: "Nachwuchsförderung lief zu DDR-Zeiten besser"

Die deutschen Schwimmer Steffen Deibler und Kirsten Bruhn sprechen vor dem sportlichen Großevent in London über Doping, Trainingsbedingungen und Nachwuchsförderung im deutschen Sport.

Zu den zahlreichen deutschen Athleten, die in London 2012 bei den olympischen und paralympischen Spielen dabei sind und um Medaillen kämpfen, gehören auch Schwimmweltrekordler Steffen Deibler und die Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn. Im stern.de-Interview sprechen sie gemeinsam über Doping, Trainingsbedingungen und Nachwuchsförderung im deutschen Sport. Themen, die kürzlich erst von Fechtstar Imke Duplitzer ihm Rahmen ihrer DOSB-Kritik diskutiert wurden.

Zum Thema Doping: "Ich bin sauber, das reicht mir"

Frau Bruhn, nehmen paralympische Sportler dieselben Dopingmittel wie olympische Sportler?


Kirsten Bruhn: Wir nehmen keine! Ich jedenfalls nicht. 2008 in Peking wurde ein Rollstuhlbasketballspieler erwischt, der hatte ein verbotenes Haarwasser benutzt, um schöner auszusehen und musste direkt am zweiten Tag zurück. Ich habe keinen Kontakt zu Dopern – und es interessiert mich auch nicht, was die nehmen. Ich weiß für mich, dass ich sauber bin, das reicht mir.

Kann man daraus schließen, dass paralympische Sportler generell sauberer sind?


Kirsten Bruhn: Nein, das glaube ich nicht.

Man könnte ja sogar vermuten, dass im paralympischen Sport aufgrund des größeren Selbstbestätigungswillens eher mehr gedopt wird.


Kirsten Bruhn: Ich glaube grundsätzlich, dass wir keine andere Motivation haben als die olympischen Athleten, das steht für mich fest. Der Ansatz, sich unerlaubt pushen zu wollen, ist daher kein anderer als bei nichtbehinderten Leistungssportlern. Ich würde mir daher allerdings auch nicht anmaßen wollen, dass im paralympischen Sport weniger gedopt wird. Man kann sich nur wünschen, dass alle die Fairness an den Tag legen, "sauber" in die Wettkämpfe zu gehen. Eines ist aber auch klar: Ich würde für niemanden meine Hand ins Feuer legen, nicht mal den kleinen Finger!

Thema Unterstützung: Deutsche Sporthilfe ist wichtig

Machen Erfolge erst weitere Erfolge möglich? Durch Medaillen bekommen Sie Ihre Förderung, dank der Förderung können Sie besser trainieren und mehr erreichen. Ohne diesen Kreislauf könnten Sie Ihren Sport ja gar nicht in dieser Form ausführen.


Kirsten Bruhn: Definitiv, aber nur wenn ich mich auf meine eigene Leistung konzentriere, kann dieser Kreislauf ja überhaupt beginnen. Durch erste Erfolge werden die Leute hellhörig und fangen an, die weitere Entwicklung zu beobachten. Dann machen sich auch Sponsoren bemerkbar, das zahlt sich am Ende aus. Natürlich könnte es auch mehr sein, aber ohne die Stiftung Deutsche Sporthilfe wäre ich nicht da, wo ich bin. Berufstätig zu sein, 40 Stunden in der Woche, und dann noch 25-30 Stunden trainieren, das habe ich vor Athen 2004 ein Jahr lang gemacht und musste sehr schnell feststellen, dass ich an meine Grenzen kam. Länger hätte ich das nicht durchgehalten.

Wie wichtig ist für Sie die Unterstützung durch die Sporthilfe?


Steffen Deibler: Es ist natürlich wichtig, schon früh unterstützt zu werden. Wenn es nach dem Abitur heißt, Studium oder Leistungssport oder sogar beides, dann ist bei einigen die Entscheidung nicht leicht zu fällen. Wer mit vollem Einsatz schwimmt, kann vielleicht noch nebenbei studieren, aber Vollzeit zu arbeiten wird schwierig. Ich könnte mir derzeit jedenfalls nicht vorstellen, wie es gehen soll, nebenbei noch Geld zu verdienen. Und dann reicht das Geld eben oft nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Vermissen Sie die Unterstützung durch die Politik? Horst Köhler war ja sehr engagiert, ist ja aber nun schon länger nicht mehr Bundespräsident.


Kirsten Bruhn: Es hat sich nicht merklich etwas geändert. Herr Wulff war ja auch sehr engagiert, bei Herrn Gauck lasse ich mich gerne positiv überraschen. Dank Herrn Köhler haben wir überhaupt die Sporthilfe im paralympischen Bereich und finden in ARD und ZDF auch live statt. Ich hätte ihn gern behalten, auch menschlich. Er hatte das richtige Gefühl für Menschen mit Behinderungen. Es gibt ja in Deutschland noch viele Bereiche, in denen Behinderte hinterwäldlerisch behandelt werden. Andere Länder sind uns da um Welten voraus, obwohl wir ein sehr reiches Land sind. Für die Politik gibt es da noch viel Gestaltungsspielraum.

Integration der Paralympics in Olympia?

Frau Bruhn, nach Peking 2008 haben Sie gesagt: Ich hoffe, jetzt versinkt der Behindertensport nicht wieder für vier Jahre im Dornröschenschlaf. Sind Sie aus heutiger Sicht enttäuscht?


Kirsten Bruhn: Enttäuscht, aber in gewissen Bereichen auch zufrieden. Es ist sicherlich so, dass seit Athen 2004 immer eine stetig positive Entwicklung für den Behindertensport zu verzeichnen war. Dank der besseren Sportförderung, der verbesserten Kaderförderungen, aber auch durch das gesteigerte Interesse der Medien, die sensibler geworden sind. Mir wäre nur lieb, wenn sich die Aufmerksamkeit nicht immer nur auf wenige Köpfe verteilen würde. Wir haben eine Nationalmannschaft und eine Jugendnationalmannschaft und den gesamten breiten Nachwuchsbereich. Ich würde mir wünschen, dass man früher Interesse an behinderten Sportlern zeigt, damit diese merken, dass Sie auch gesehen werden und wichtig sind und daraus zusätzliche Motivation ziehen.

Kann es ein Ziel sein, eine komplette Integration der Paralympics in den olympischen Wettbewerb anzustreben? Oder ist das unrealistisch?

Kirsten Bruhn: Meiner Meinung nach ist das überhaupt kein Problem und es sollte auch das Ziel sein. Dadurch könnten beide Seiten motiviert werden. Der nichtbehinderte Sportler jammert vielleicht weniger über Schmerzen im Arm und denkt sich: Ich habe wenigstens noch beide Arme. Und Der Gehandicapte nimmt sich vielleicht den runderen Stil des Nichtbehinderten zum Vorbild und trainiert noch härter. Es wäre eine absolute Win-Win-Situation.

Nachwuchsförderung muss "länderübergreifend" funktionieren

Wie sehen Sie die aktuelle Nachwuchssituation? Gibt es bei den Kids noch genügend Biss, um es dahin zu schaffen, wo Sie beide um Medaillen kämpfen?


Steffen Deibler: Was ich aus meinem Heimatbundesland Baden-Württemberg mitbekomme, hat die Beanspruchung an den Schulen enorm zugenommen. Zu meiner Zeit gab es zwei-, höchstens dreimal pro Woche Nachmittagsunterricht. Und selbst wenn ich viel trainiert habe, hatte ich noch Zeit für mich. Heute kommen die Kids teilwiese um sieben aus der Schule und müssen dann noch Hausaufgaben machen. So hätte ich es mit dem Leistungssport eventuell nicht durchgezogen.

Die Eliteschule des Sports in Hamburg hat in den letzten zehn Jahren eher wenige erfolgreiche Sportler hervorgebracht. Ist das Zufall oder eine Frage des Ausbildungskonzepts?


Steffen Deibler: Es braucht natürlich immer die richtigen Talente am richtigen Ort. Ich finde das Konzept der Eliteschulen genau richtig, aber die Faktoren Zeit und Talente entscheiden am Ende über den "Output".

Aber läuft nicht etwas falsch, wenn nach zwölf Jahren keine einziger "Eliteschüler" den Sprung in die Spitze geschafft hat?


Steffen Deibler: Am Modell liegt es nicht. Ich weiß nicht, ob man jemandem da die Schuld zuschieben sollte. Am Olympiastützpunkt wurde in den letzten Jahren einiges verändert. Das wird sicher Früchte tragen, aber eben nicht von heute auf morgen.

Kirsten Bruhn: Vor allem reicht es nicht, wenn solche Änderungen nur punktuell, in einzelnen Bundesländern vorgenommen werden. Das muss natürlich länderübergreifend passieren. So dass schon im Kindergartenalter Talente gesichtet und gefördert werden. Auch wenn man es nicht gerne hören mag, aber zu DDR-Zeiten lief das wesentlich besser. Die Frühsichtung von Talenten funktioniert bei uns nicht.

In Hamburg gibt es ja seit Neuestem Ansätze, die Sichtung in der zweiten und dritten Klasse zu verstärken.


Kirsten Bruhn: In Hamburg passiert das. Aber es müsste natürlich eine ähnliche Sichtung und Förderung in allen Bundesländern geben.

Interview: Frank Schneller und Gunnar Hassel

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