Sportjahr 2004 Fußballwelt steht Kopf: König Otto führt Griechenland auf EM-Olymp


Triumphe und Tragödien - Außenseiter Griechenland wird Europameister, Schumi rast von einem Rekord zum nächsten und so viele Dopingfälle wie nie überschatten Olympia.

Griechenland war der Nabel der Sportwelt im Jahr 2004. Als die 28. Olympischen Spiele der Neuzeit im August an ihren Ursprung zurückkehrten, steckten die Hellenen noch mitten im kollektiven Freudentaumel. Otto Rehhagel hatte Griechenland bei der Fußball-Europameisterschaft Anfang Juli sensationell zum Titel geführt und die Akropolis damit zum Beben gebracht.

Jahrhundert-Rennfahrer Michael Schumacher hob die Welt der schnellen Autos aus den Angeln. Irgendwie hatte die Triumph-Fahrt zu seinem siebten Weltmeistertitel in der Formel 1 - dem fünften in Serie - auch eine Verbindung zu Griechenland. Just an jenem Tag, an dem in Athen die letzten Olympia-Entscheidungen fielen, raste der siegverwöhnte Ferrari-Pilot aus Kerpen in Spa Francorchamps ein weiteres Mal auf den Thron. Platz zwei beim Großen Preis von Belgien genügte dem "Phänomen", um die Konkurrenz an seiner Dominanz schon nach 14 von 18 Rennen verzweifeln zu lassen. "Ich habe das Rennen im Blut, die Formel 1 ist mein Leben", sagte Schumacher und enttäuschte alle, die auf einen Abschied des Unbesiegbaren gehofft hatten.

Lance Armstrong schreibt Radsportgeschichte

Bei der Tour de France verlängerte Lance Armstrong sein Sieg-Abonnement auf bis dahin nie erreichte sechs Gesamterfolge. Jan Ullrich, der auch bei Olympia enttäuschte, konnte dem Amerikaner erneut nicht folgen und wurde sogar von Andreas Klöden als Gesamtzweiter abgelöst. Die Tennisszene beherrschte der Schweizer Roger Federer, der als erster Spieler seit Mats Wilander 1988 drei von vier Grand-Slam-Turnieren gewann und obendrein Weltmeister wurde.

Kein Medaillenregen für deutsche Olympia-Athleten

Während die Siegesfeiern von Federer, Armstrong und Schumacher scheinbar schon zur Routine geworden sind, war Gold-Jubel bei den deutschen Olympioniken rar. Umso nachhaltiger blieben Momente wie der Gewinn der ersten Goldmedaille durch Judoka Yvonne Bönisch, die Überraschung durch die Hockey-Damen, der medaillenlose, aber herzerfrischende Auftritt von Turn-"Professor" Fabian Hambüchen oder die Silbermedaille für die bereits mit dem EM-Titel dekorierten Handballer in Erinnerung. Stars der deutschen Paralympics-Mannschaft, die sich drei Wochen später in Athen mit den Behindertensportlern der Welt maß, waren Schwimmerin Kirsten Bruhns mit vier Goldmedaillen und Leichtathlet Wojtek Czyz, der drei Mal Erster wurde.

Nichts zu deuteln gab es bei Olympia an der überragenden Kanu-Flotte, die angeführt wurde von der 42 Jahre alten Paddel-Legende Birgit Fischer. Die erfolgreichste deutsche Olympionikin krönte ihr Comeback mit Gold im Vierer- und Silber im Zweier-Kajak. Acht olympische Goldmedaillen hat die Brandenburgerin nun in ihrem Besitz - die erste gewann sie 1980 in Moskau, die bislang letzte 24 Jahre später in Athen.

Für eine andere "Grande Dame" des deutschen Sports endete die Karriere mit einer Enttäuschung. Auch im vierten Anlauf blieb Franziska van Almsick ein Olympiasieg verwehrt. Schlechter noch als die Schwimmer schnitten die Leichtathleten ab, die lediglich zwei Mal Silber gewannen. Segler, Ringer und Gewichtheber gingen komplett leer aus und waren mitverantwortlich dafür, dass es für Deutschland in den Sommersportarten weiter bergab geht. Nach 65 Medaillen in Atlanta und 56 in Sydney gab es diesmal nur noch 48 Plaketten für die 450 entsandten Athleten.

Wie gewonnen, so zerronnen

Das war gleichbedeutend mit Platz sechs in der Nationenwertung, der Bestand hat, obwohl die Springreiter im olympischen Nachspiel wegen einer nicht angemeldeten Behandlung von Ludger Beerbaums Pferd "Goldfever" Gold in Bronze umtauschen müssen. Dafür winkt Marco Kutscher und "Montender" im Nachhinein Platz drei im Einzel, weil Olympiasieger Cian O’Connor aus Irland sein Pferd "Waterford Crystal" mit leistungssteigernden Mitteln dopte. Die Entscheidung steht aus.

Die Reiter waren nicht die einzigen, die für Ruhm und Geld manipulierten. In Athen wurden 23 Doping-Sünder entlarvt, so viele wie nie zuvor bei Olympia. Diese Zahl verbreitet jedoch nicht nur Schrecken, sondern macht auch Hoffnung. Dank schärferer Kontrollen werden immer mehr Betrüger ertappt und bestraft. Bis Mitte Dezember wurden allein in der US-Leichtathletik 20 Urteile gefällt.

Als Vorsitzender der Disziplinar-Kommission hatte Thomas Bach in Athen reichlich Arbeit. Nach acht Jahren verabschiedete er sich mit der Schlussfeier turnusmäßig als IOC-Vizepräsident und ist seither nur noch einfaches Mitglied. Bei den Fusionsplänen von Nationalem Olympischen Komitee (NOK) und Deutschem Sportbund (DSB) wird er als möglicher Präsident einer neuen Dachorganisation gehandelt. Mit dem Scheitern der Leipziger Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012 musste der deutsche Sport am 12. Mai eine herbe, aber absehbare Schlappe einstecken.

Dopingsünder immer dreister

Mit welcher Unverfrorenheit im Sport betrogen wird, wurde auch am Fall von Triathletin Nina Kraft deutlich. Die Braunschweigerin ließ sich im Oktober als erste deutsche Siegerin auf Hawaii feiern, gestand dreieinhalb Wochen später aber freimütig eine Kur mit dem Blutdopingmittel EPO und warf so auch einen Schatten auf die vorzügliche Leistung von Ironman Normann Stadler, der den ersten deutschen Doppelerfolg scheinbar perfekt gemacht hatte.

Das Doping der griechischen Fußball-Helden bei der EM war die von Otto "Rehhakles" verordnete kontrollierte Offensive, mit der die Hellenen selbst Gastgeber Portugal im Endspiel am 4. Juli im Estadio da Luz von Lissabon überrumpelten. Die nach dem blamablen Vorrunden-Aus der Völler-Elf enttäuschten deutschen Fans fanden Trost in der Tatsache, dass bei der Vergabe des Titels drei der Ihren die Finger mit im Spiel hatten: "König Otto" als Europameister-Macher, Angelos Charisteas vom deutschen Meister und Pokalsieger Werder Bremen mit seinem "goldenen Tor" im Finale und Markus Merk als Schiedsrichter.

"Rudi" hat fertig

Während der Rest Europas zwischen Faro und Braga begeisternden Fußball zelebrierte, gab es aus dem deutschen Lager Hiobsbotschaften. Zwei Jahre nach dem Vize-Weltmeistertitel blieb der dreimalige Welt- und Europameister bei der EM-Endrunde sieglos. In der Nacht nach dem 1:2 im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien zog Rudi Völler die Notbremse und trat nach 29 Siegen, 11 Unentschieden und 13 Niederlagen als Teamchef zurück. Das Chaos, das sich bei der Suche nach einem Nachfolger abspielte, warf knapp zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land kein gutes Licht auf den vom Machtkampf zwischen Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger gezeichneten Deutschen Fußball-Bund.

Schließlich präsentierte die "Trainerfindungskommission" in Jürgen Klinsmann doch noch einen Sympathie- und Hoffnungsträger. Das Cleverle aus Schwaben mit Hauptwohnsitz in Kalifornien sprach denn auch aus, was man in Fußball-Deutschland gerne hört: "Wir wollen Weltmeister werden." Der von ihm eingeführte Jugendstil trug sofort Früchte. Auf das 3:1 gegen Österreich folgten ein 1:1 gegen Weltmeister Brasilien, ein 2:0 in Iran und ein 3:0 gegen Kamerun.

Deutsche Erfolge in Weiß

Den Erfolg, dem die Fußballer hinterher laufen, haben Deutschlands Wintersportler seit Jahren. Auch 2003/2004 war eine Erfolgssaison für die Athleten auf Eis und Schnee. Vierer-Pilot Andre Lange raste wie Susi Erdmann im Bob zum WM-Titel, Diana Sartor war beim Skeleton Kopf voran die Schnellste. Im Rodeln löste David Möller Altstar Georg Hackl als Weltmeister ab, Silke Kraushaar und Patric Leitner/Alexander Resch waren in Nagano ebenfalls ganz vorn. Asien war auch ein gutes Pflaster für die Eisschnellläuferinnen. Anni Friesinger hängte in Soul über 1000 und 1500 Meter alle ab, ihre Konkurrentin Claudia Pechstein hatte über 3000 Meter die Nase vorn.

Bei der Heim-WM in Oberhof im Februar schenkte die Biathlon-Staffel der Herren Frank Luck zum Abschied Gold. Weiter macht Ricco Groß, der auch Erster in der Verfolgung wurde und bereits elf WM-Titel hamsterte. Bei der Eiskunstlauf-WM in Oberhof im März sorgte Stefan Lindemann für einen Paukenschlag. Der Erfurter wurde Dritter und holte damit die erste WM-Medaille für Deutschlands Herren seit 21 Jahren. Hoffnung auf die Zukunft machte auch der aufstrebende Ski-Star Maria Riesch mit Platz drei im alpinen Gesamtweltcup. Dort sorgte der Österreicher Hermann Maier für das Comeback des Jahres. Zweieinhalb Jahre nach seinem schweren Motorrad-Unfall gewann er wieder die Trophäe für den besten Allrounder.

Absturz der Überflieger

In der Loipe brachte dieses Kunststück zum ersten Mal ein Athlet des Deutschen Ski-Verbandes fertig. Der Oberwiesenthaler Rene Sommerfeldt steht damit stellvertretend für den Aufschwung, den die Skilangläufer unter Bundestrainer Jochen Behle genommen haben. Die Sorgenkinder des Winters bleiben die Skispringer, seit sich der am Burn-out-Syndrom leidende Sven Hannawald zurückzog und Martin Schmitt in der Dauerkrise ist. Doch die Geschichte des Weitenjägers, der am Erfolgsdruck zerbrach, ist nicht die einzige Tragödie, die 2004 sportliche Siege zur Nebensache werden ließ.

Ende Februar wurde Italiens Rad-Star Marco Pantani in einem Hotel in Rimini tot aufgefunden. "Il Pirata", der mit seinen Siegen bei der Tour de France und beim Giro d’Italia 1998 berühmt wurde, starb an einer Überdosis Kokain. Für den Turner Ronny Ziesmer nahm der Traum von Olympia in Athen ein jähes Ende, als er sich am 25. Juli beim Sprungtraining in Kienbaum die Halswirbelsäule brach. Der 25 Jahre alte Cottbuser sitzt seither gelähmt im Rollstuhl.

Ines Reichelt und Andreas Bellinger/DPA DPA

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