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Die Olympia-Nacht: Diese Spiele werden für ihr unfaires Publikum in die Geschichte eingehen

Die deutsche Olympia-Mannschaft im Ausnahmezustand: Jubel, Kampf, Drama. Die brasilianischen Fans freuen sich derweil über einen Rekord, obwohl sie doch sonst so gerne pfeifen. Was Sie gestern (Nacht) verpasst haben.

Olympia Renaud Lavillenie

Opfer der unfairen Olympia-Fans von Rio: Der Franzose Renaud Lavillenie weint während der Siegerehrung unter Pfiffen

Alle Events, alle Entscheidungen der Nacht und des gestrigen Olympia-Tages finden Sie hier in unserem Livecenter.

Die wichtigsten Entscheidungen:

Laura Ludwig und Kira Walkenhorst haben Geschichte geschrieben. Das deutsche Beachvolleyball-Duo holte gegen Gastgeber Brasilien die Goldmedaille - als erstes europäisches Frauen-Team.

- Die Chance auf Olympia-Gold war riesig - aber die deutschen Springreiter haben sie vergeben. Trotz glänzender Ausgangsposition reichte es nur zu Bronze. Im Stechen gegen Kanada sicherte sich das Quartett um Ludger Beerbaum zumindest den dritten Platz. Zu viele Fehler in der zweiten Runde kosteten den zum Greifen nahen Sieg. "Man braucht mehrere Null-Runden", sagte Bundestrainer Otto Becker. Doch die fehlten seinem Team im Olympiapark Deodoro, nur Beerbaum blieb im Normalparcours fehlerfrei. Weil die fehlerfreien Runden zumindest im Stechen klappten, gab es immerhin Bronze. Becker musste den Franzosen zum Sieg gratulieren. Silber ging an die USA.

- Die brasilianischen Fußballer gewinnen mit 6:0 gegen Honduras und machen damit das Traumfinale gegen Deutschland perfekt. Superstar Neymar gelingt mit dem Führungstreffer nach 15 Sekunden das schnellste Tor der Olympia-Geschichte.

- Spaniens Basketballer haben mit einem deutlichen Sieg über Dauerrivale Frankreich zum dritten Mal nacheinander das olympische Halbfinale erreicht. Der Europameister bezwang das Team um Superstar Tony Parker in der Runde der besten acht Teams am Mittwoch in Rio de Janeiro mit 92:67 (43:30).

- Die indonesische Mixed-Paarung Liliyana Natsir und Tontowi Ahmad hat die erste olympische Goldmedaille bei den Badminton-Wettbewerben gewonnen. Im Endspiel bezwang das Duo Liu Ying Goh/Peng Soon Chan aus Malaysia mit 21:14, 21:12. Bronze ging an die Chinesen Zhao Yunlei und Zhang Nan. Damit ist bereits klar, dass die Chinesen nicht wieder wie vor vier Jahren in London alle fünf Goldmedaillen im Badminton holen.

Wie läuft's für Deutschland?

Nach dem gestrigen Medaillenregen konnte es nur ruhiger zugehen - tat es dann auch. Immerhin: Es gab Bronze für die Springreiter und die Tischtennis-Männer, außerdem haben die Fußballer von Trainer Horst Hrubesch nach dem Sieg gegen Nigeria Silber bereits sicher. Der Sieg der Beach-Girls überstrahlte natürlich alles.

Der größte Aufreger:

Es ist weniger ein Aufreger des Tages, sondern der Aufreger der gesamten Spiele: Die Zuschauer in Rio verhalten sich allzu oft unwürdig - weil sie entweder unfair oder gleich gar nicht erst da sind. Wo es normalerweise zur Folklore von Olympia gehört, die von den Gastgebern geschaffene Atmosphäre ausdauernd über den grünen Klee zu loben, gehen selbst den nachsichtigsten Beobachtern in Brasilien langsam die Argumente aus, denn: Die brasilianischen Fans sind eine ziemliche Zumutung. Dass viele Arenen auch bei entscheidenden Wettbewerben geradezu gähnend leer bleiben - daran hat man sich nach anderthalb Wochen bereits gewöhnt. Außerdem kann man von einem krisengeschüttelten Volk nicht erwarten, dass es in Scharen überteuerte Tickets für eine Sportveranstaltung kauft.

Von den Zuschauern, die aber tatsächlich an den Sportstätten auftauchen, kann man zumindest Fairness gegenüber den Athleten einfordern. Aber nichts da: Die Brasilianer buhen und schimpfen Spitzensportler aus anderen Ländern aus - besonders, wenn sie gegen ihre Landsleute antreten. Besonders bitter bekam dies der französische Stabhochspringer Renaud Lavillenie zu spüren, der sich ob der Pfiffe aus dem Publikum seine Tränen nicht mehr verkneifen konnte. Vorher hatte der enttäuschte Franzose das Publikum von Rio mit jenem der Nazi-Propaganda-Spiele von Berlin im Jahr 1936 verglichen, entschuldigte sich aber prompt.

"Pfiffe und Buhrufe sind kein korrektes Verhalten, selbst nicht in Eins-gegen-eins-Wettkämpfen und mit einem Brasilianer, der Chancen auf den Olympiasieg hat", sagte Mario Andrada, Pressechef des Organisationskomitees, zu dem Vorfall. Auch Thomas Bach, deutscher IOC-Präsident ließ sich entsprechend zitieren: "Schockierendes Verhalten des Publikums, Renaud Lavillenie auszubuhen. Inakzeptabel bei Olympia."

Olympische Spiele bleiben nicht selten wegen des Publikums der Ausrichterstadt in Erinnerung - wie zum Beispiel in Barcelona (1992) oder Sydney (2000). Zumindest daran wird sich diesmal nichts ändern: Auch das Publikum von Rio wird in Erinnerung bleiben, weil es einmalig ist - einmalig unfair.

Das hätten Sie auf keinen Fall verpassen sollen:

Trotz erheblicher Nacken-Schmerzen gelang Tischtennis-Ass Timo Boll der entscheidende Sieg zum 3:1 der Mannschaft gegen Südkorea. "Bei seinen vielleicht letzten Spielen will man nicht als Vierter aus der Box gehen mit so einer Enttäuschung", sagte er. "Danke an meine Jungs. Die haben mich mit durchgezogen." Sein Kollege Dimitrij Ovtcharov sagte anschließend über Boll: "Da sieht man, dass er hart im Nehmen ist. Das traut man ihm gar nicht immer zu. Ich habe die Spritzen gesehen, das sah schon böse aus, als er da behandelt wurde."

Gewinner des Abends:

Klar, die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig Kira Walkenhorst. Aber auch ein Herr: DFB-Trainer Horst Hrubesch hat vor dem Start der Olympischen Spiele nie gemeckert, obwohl er wegen mangelnder Unterstützung der Profifußball-Klubs in Deutschland seinen Kader auf den letzten Drücker zusammenwürfeln musste. Vielleicht ahnte er da schon, dass er es trotzdem allen zeigen würde: Zwei Jahre nach dem WM-Triumph der Nationalmannschaft greift der DFB-Nachwuchs im legendären Maracanã-Stadion erstmals nach Olympia-Gold. Dank eines 2:0 (1:0)-Sieges im Halbfinale gegen Nigeria zogen die deutschen Fußballer wie die DFB-Frauen ins Endspiel der Olympischen Spiele in Rio ein und haben schon vor dem Duell mit Gastgeber Brasilien mindestens Silber sicher. Vor 41.000 Zuschauern in São Paulo erzielten Lukas Klostermann in der 9. Minute und Nils Petersen (89.) die Tore.

Verlierer des Abends:

Nur kurz flossen nach dem verlorenen Halbfinal-Krimi bei den deutschen Hockey-Damen die Tränen, dann richtete der Bundestrainer schon den Blick auf das Trostpflaster.
"Wir sind noch nicht fertig", kündigte Jamilon Mülders an. "Die Mädels haben sich wieder überragend präsentiert. Sie waren gut, als sie mussten." Denkbar knapp musste sich seine Auswahl mit 3:4 im Penaltyschießen dem Topfavoriten Niederlande geschlagen geben. Was die Niederlage allerdings schon ein bisschen bitter macht: Zwischendurch war Deutschland nach zwei verschossenen Penalties der Niederländer im Shoot-out bereits deutlich im Vorteil - nur nutzen konnte es die Mannschaft nicht. Nun will der Olympiasieger von 2004 nach acht Jahren ohne olympische Medaille am Freitag (17.00 Uhr MESZ) zumindest Bronze gewinnen.

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Was wird heute bei Olympia interessant?

Deutsche Medaillen könnte es bei den Kanuten geben. Für Max Rendschmidt und Marcus Groß ist im Kajak-Zweier über 1000 Meter der Olympiasieg das Ziel (14.08 Uhr/MESZ). Im Kajak-Zweier-Finale über 200 Meter (14.47 Uhr) kämpfen Ronald Rauhe und Tom Liebscher um einen Platz auf dem Podium. Um Bronze geht es auch für die deutschen Hockey-Herren. Nach dem bitteren Halbfinal-Aus will sich der Olympiasieger von 2008 und 2012 gegen die Niederlande Platz drei sichern (17.00 Uhr/MESZ).

Im Modernen Fünfkampt gibt es zwar noch keine Entscheidung, aber eine der großen deutschen Medaillenhoffnungen beginnt mit der Disziplin Fechten (15.00 Uhr). Kommt die Olympiasiegerin von 2008, Lena Schöneborn, gut in den Wettbewerb?  

mit DPA-Material

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