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Alexander Zverev: Der nächste deutsche Tennis-Weltstar

Alexander Zverev gilt schon länger als größtes deutsches Tennis-Talent seit den Tagen von Boris Becker und Michael Stich. Warum dem 19-Jährigen in diesem Jahr der Durchbruch an die Spitze gelingen könnte.

Alexander Zverev

Alexander Zverev: Nicht nur für John McEnroe ist er das größte Talent auf der Tour

Im Spitzensport erkennen sich die Großen untereinander. Und vor ein paar Tagen beim Hopman Cup in Perth war Roger Federer deutlich anzusehen, dass er Alexander Zverev für einen Großen der Zukunft hält - das verriet sein anerkennendes Lächeln, als er dem 19-Jährigen am Netz zum Sieg gratulierte. Gerade hatte das deutsche Talent den Schweizer Großmeister in einem packenden Match mit 7:6, 6:7, 7:6 bezwungen. Federer verliert auch mit 35 Jahren noch überhaupt nicht gerne, aber er weiß es zu schätzen, wenn ihm ein Klassespieler alles abverlangt.

Ein solcher Klassespieler ist Alexander Zverev, genannt Sascha, schon jetzt. Für John McEnroe ist er gar das größte Talent von allen auf der Tour, wie die US-Tennislegende in der "Sport-Bild" bekräftigt hat: "Wenn er sich weiter so entwickelt, wird er in ein paar Jahren die Nummer eins der Welt sein." Der tschechische Top-10-Profi Tomas Berdych glaubt ebenfalls: "Alex ist einer der zukünftigen Nummer-eins-Spieler der Welt." Und Philipp Kohlschreiber, in den vergangenen Jahren der erfolgreichste Spieler im deutschen Tennis, wird beim Vergleich mit der deutschen Nachwuchshoffnung ganz bescheiden: "Ich bin ein solider Arbeiter, er ist ein Gesegneter."

Alexander Zverev: Seltener Typ im Tenniszirkus

Bei aller Wertschätzung der Kollegen sorgt Zverev aber immer mal wieder auch für negative Schlagzeilen, weil er auf den ersten Blick seine eigene Karriere vor die Interessen des deutschen Tennis stellt: 2016 stand er in der Kritik, als er sowohl seine Teilnahme an den olympischen Spielen als auch am Abstiegsspiel mit dem DTB-Team im Davis Cup gegen Polen absagte; hinzu kam sein bisweilen lustloses Auftreten im vergangenen Juli beim Heimturnier in Hamburg, das Turnierdirektor Michael Stich so kommentierte: "Im Einzel hat er seine Leistung nicht gebracht, mit seinem Auftritt im Doppel hat er sich selbst am meisten geschadet." Zverev hatte die Doppel-Partie an der Seite seines Bruders Mischa im Anschluss an das Ausscheiden in der Einzel-Konkurrenz mehr oder weniger abgeschenkt.

Aber Zverev ist jung und er unterliegt Leistungsschwankungen. Da ist er nicht der erste hochbegabte Tennisspieler - auch Federer oder Boris Becker waren als Teenager in ihren Leistungen oft unberechenbar. Zudem hat Zverev bereits angekündigt, in diesem Jahr wieder für Deutschland anzutreten: "Ich werde natürlich beim Davis Cup dabei sein, und ich denke, dass wir durchaus Chancen haben, für ein paar Überraschungen zu sorgen." Die vielen Diskussionen um ihn belegen außerdem: Zverev ist ein Typ, wie sie auch im Tenniszirkus seltener werden. Sein Athletiktrainer Jez Green, der schon den aktuellen Weltranglistenersten Andy Murray fit für die Weltspitze machte, sagte im Interview mit der "FAZ": "Er ist so motiviert wie Andy, das gibt der Persönlichkeit manchmal Ecken und Kanten. Aber das brauchst du - das ist das Zeichen von Hunger und Entschlossenheit, und genau das willst du als Coach sehen." Darüber hinaus sei Zverev aber "easy going" und er komme sehr gut mit ihm zurecht, so Green.

Viele Experten glauben, dass Zverev in dieser Saison der endgültige Durchbruch an die Weltspitze gelingen wird - nicht nur, weil er eine starke Frühform an den Tag legt und nach Federer gerade auch Novak Djokovic bezwang, wenn auch in einer Showveranstaltung im Rahmen der Vorbereitung auf die Australien Open. Zverev, der sich bisher vor allem auf sein Talent zu verlassen schien, wirkt in diesen Tagen mental gefestigter und nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen, kurz: bereit für den nächsten großen Schritt. Trotzdem ist er immer noch 19 Jahre alt, kleine Krisen müssen weiter einkalkuliert werden. 

Sein Bruder Mischa als warnendes Beispiel

Ein warnendes Beispiel, was einem jungen Wilden auf dem Weg an die Weltspitze widerfahren kann, findet Zverev im engsten Familienkreis: Sein Bruder Mischa stand 2009 auf Platz 45 der Weltrangliste, als er sich das rechte Handgelenk brach. Auf eine monatelange Pause folgten später weitere Verletzungen, die ihn den Anschluss an die Top 100 über einen langen Zeitraum verlieren ließen.

Das soll Zverev nicht passieren, weshalb jeder seiner Karriereschritte penibel geplant wird. Seine Familie und sein Manager Patricio Apey schotten ihn von medialem Rummel ab, so gut es geht - auch der stern erhielt auf mehrere Interviewanfragen freundliche, aber bestimmte Absagen. Für Apey, einen 50-jährigen Chilenen, der schon Topspieler wie Gabriela Sabatini oder Petr Korda betreute, war Zverev von Anfang an ein großes Versprechen: "Sascha ist der erste Spieler in meinem Leben, mit dem ich einen Vertrag unterschrieben habe, in den ich investiert habe, ohne ihn jemals spielen gesehen zu haben."

2017 könnte nun das Jahr werden, in dem das Versprechen Zverev eingelöst wird. Seit der Ära von Boris Becker und Michael Stich brachte kein Spieler so viele Voraussetzungen mit, der nächste deutsche Tennis-Superstar zu werden. Stich selbst würde sich über einen Sprung Zverevs in die Top 20 freuen, warnt aber vor überzogener Erwartungshaltung: "Nach oben zu kommen, ist vergleichsweise einfach, oben zu bleiben, das ist das Schwierige." Zverev genießt in der Branche inzwischen den Ruf als "next big thing", deswegen werde jeder gegen ihn gewinnen wollen. Allerdings räumt Stich ein: "Er hat eine konstante und dennoch rasante Entwicklung genommen, die ich ihm in dieser Geschwindigkeit nicht ganz zugetraut hätte."

Nun steht mit den Australian Open das erste Saison-Highlight an. In der vergangenen Nacht hat Zverev zum Auftakt den Niederländer Robin Haase in fünf hart umkämpften Sätzen bezwungen. Aller Anfang in einem Turnier ist schwer. Aber: Im vergangenen Jahr war er noch in der ersten Runde gegen Andy Murray ausgeschieden - keine Schande für einen damals 18-Jährigen. Aber schon für den 19-jährigen Zverev stehen die Chancen diesmal deutlich besser: 2017 könnte ein ganz besonderes Jahr für ihn werden. Das Jahr seines Durchbruchs zum Weltstar.

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