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Anti-Doping-Kampf: Lob der Reiter für Konsequenzen

Schwere Zeiten für deutsche Reiter: Das harte Durchgreifen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Sachen Doping wird von allen Seiten begrüßt, doch es herrscht Unklarheit. Für Bundestrainer Otto Becker wird das Planen für die Nominierung von Reitern schwierig, denn es steht noch lange nicht fest, welche außer Ludger Beerbaum bestraft werden sollen.

Breite Zustimmung für die Doping-Bekämpfung in der Heimat, Intrige im Weltverband und neue TV-Verhandlungen: Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat für ihre beispiellose Härte beim Vorgehen gegen Manipulation und Betrug viel Lob bekommen, ist aber gleichzeitig bei der Internationalen Reitervereinigung FEI in einen Machtkampf verwickelt. Das deutsche Vorstandsmitglied Hanfried Haring soll suspendiert, der Einfluss der unbequemen deutschen Föderation damit stark beschnitten werden. Die bisher mächtige FN ist als Vorreiter beim Anti-Doping-Kampf außerhalb von Europa nur wenig beliebt. Trotzdem wird der geplante Neuanfang mit Hochdruck vorangetrieben. ARD und ZDF wollen die abgebrochenen Gespräche fortsetzen.

"Das ist beispiellos und ein bemerkens- und begrüßenswerter Schritt", erklärte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, und nannte das "offensive Vorgehen" ein Symbol der Null-Toleranz-Politik im Anti-Doping-Kampf. Reiter und Funktionäre müssen sich der unabhängigen Untersuchungs-Kommission des DOSB unter Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner stellen. Nach Pfingsten sollen Reiter-Verbandspräsident Graf Breido zu Rantzau und der vorläufig suspendierte Ludger Beerbaum den Anfang machen. Im Juli werden erste Ergebnisse erwartet. Auf Bundestrainer Otto Becker werden Wochen der Ungewissheit zukommen, weil er bei seinen Nominierungen für die Nationenpreise und im Hinblick auf die EM im August nicht genau weiß, welche Reiter möglicherweise bestraft werden.

ARD: Vorgehen ist "bemerkenswert"

"Ich habe den Eindruck, es wird honoriert, was wir machen", sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach, "es wird als Befreiungsschlag empfunden." Am Vortag hatte der Verband die Kader der drei olympischen Pferdesport-Disziplinen aufgelöst und Springreiter Ludger Beerbaum vorläufig suspendiert. Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, lobte den "überfälligen Schritt", und ARD-Sportkoodinator Axel Balkausky kommentierte das drastische Vorgehen der FN mit den Worten "äußerst bemerkenswert".

ARD und ZDF hatten den Druck auf den Verband erhöht, indem sie die Verhandlungen über einen neuen TV-Vertrag nach den jüngsten Geständnissen und Enthüllungen über Manipulationen im Pferdesport auf Eis gelegt hatten. "In solcher Konsequenz habe ich das bei noch keinem Verband erlebt", betonte Balkausky das Vorgehen der FN. Nun sollen die Gespräche wieder aufgenommen werden. Befürwortet werden die scharfen Maßnahmen auch von Funktionären anderer Sportarten und von fast allen Reitern. Stellvertretend für viele Fachverbände erklärte Claus Umbach, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber: "Damit hat der Verband ein Exempel statuiert. Das spricht von Konsequenz."

Positive Signale gab es auch bei den betroffenen Sportlern, nur einige Dressurreiterinnen wie Heike Kemmer und Nadine Capellmann fühlen sich mit den Springreitern "in einen Topf geworfen". Der Doppel-Olympiasieger Hinrich Romeike hingegen befürwortete die scharfen Maßnahmen. "Das ist unbedingt zu begrüßen", sagte der Vielseitigkeitsreiter aus dem schleswig-holsteinischen Nübbel. Die Auflösung der drei Kader ist für den Aktivensprecher "keine Maßregelung", sondern ein notwendiges Vorgehen. "Dann kann keiner mehr sagen, dass er von nichts gewusst habe", meinte Romeike.

Nicht alle Reiter über einen Kamm scheren

Dass er als Vielseitigkeitsreiter sich einer Kommission stellen soll, obwohl die jüngsten Manipulationen und Dopingvergehen nur bei Springreitern vorkamen, nimmt der Doppel-Olympiasieger von Hongkong in Kauf: "Es wäre falsch, wenn die anderen Disziplinen auf die Springreiter mit dem Finger zeigen würden. Wir werden als ein Sport wahrgenommen." Ingrid Klimke, die mit Romeike Team-Gold gewonnen hatte, sieht es ähnlich: "Mehr kann man nicht tun", sagte sie, befürchtete gleichzeitig aber: "In der Öffentlichkeit werden wir alle über einen Kamm geschoren." Während der deutsche Verband bei der Doping-Bekämpfung nach einer kurzen Pause weiter vorangeprescht ist, muss er sich zugleich den Grabenkämpfen innerhalb der FEI erwehren. Der internationale Reitsport-Verband FEI will wegen eines noch nicht geklärten Vorgangs bei den Olympischen Spielen nicht nur den Reiter Marco Kutscher, sondern auch das deutsche Vorstandsmitglied Hanfried Haring suspendieren. Das FEI-Bureau hat dafür einen Antrag an das Sportgericht des Verbandes gestellt.

"Das ist äußerst ungewöhnlich", so FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach, "ansonsten möchte ich mich derzeit jedes Kommentars enthalten." Die FN ist mit ihrer offensiven Vorgehensweise schon öfter auf Widerstand gestoßen und gilt als Opposition zur FEI-Präsidentin Haya Bint Al Hussein, die vielen als undemokratisch gilt und durch die positive Dopingprobe beim Pferd ihres Mannes selber belastet ist. Haya Bint Al Hussein hat nun offensichtlich einen Weg gesehen, den deutschen Spitzenfunktionär kaltzustellen. Haring, bis Dezember 2008 FN-Generalsekretär, wollte den Vorgang nicht kommentieren. "Das hat mich sehr überrascht", sagte er nur - vor allem, weil er von der FEI keine Informationen bekam.

Von Michael Rossmann und Sven Busch/DPA / DPA

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