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BOBSPORT Die Herren Der Rinne


Alfred Nischler steht im Arvenwald von St. Moritz und fluchtet. Er kneift ein Auge zu. Mit dem anderen visiert er den Baumstumpf an, der wie ein abgebrochener Torbogen aus dem Hang ragt und eine weiße Haube trägt. Dann steckt er Holzlatten senkrecht in den Schnee. Sie beschreiben eine leichte Linkskurve. Das einzige Präzisionsinstrument, das er braucht, sind seine beiden braunen Augen. Zum Fluchten, sein Bauwerk in eine gerade Linie zu bringen.

Perfekt gewölbt

Schweigend greifen seine Männer zu den Schaufeln. Einer lässt aus einem grauen Feuerwehrschlauch Wasser in den Schnee rinnen, die anderen schaufeln den nassen Matsch entlang der Latten zu einer Mauer. Als es an diesem Tag Anfang Dezember auf Mittag zugeht, ist eine Steilkurve zu erkennen: gut zwei Meter hoch, perfekt gewölbt wie eine von einer Maschine gezogene Röhre. Oben ragt die anderthalb Stiefel dicke Schneematschmauer nach innen. Unter Bobfahrern ist sie als Snake Corner bekannt, die Schlangenkurve.

Der letzte Natureiskanal der Welt

Die Bobbahn von St. Moritz ist der letzte Natureiskanal dieser Welt. Seit 97 Jahren wird er aus Schnee und Wasser gebaut. Die einzigen Werkzeuge: Schaufel und Schlauch. Hier sind Bobrennen noch ein sinnliches Wintervergnügen in Eis und Schnee. Andere Wintersportorte haben Betonrinnen in die Landschaft gesetzt, die mit einem Gewirr von Ammoniak-Rohren die Natur verschandeln.

5000 Kubikmeter Schnee

In St. Moritz rückt jedes Jahr Ende November Alfred Nischler mit seinen Männern an, um bis Weihnachten aus 5000 Kubikmeter Schnee und 4000 Wasser - das sind mehr als zwei Schwimmbecken voll - die größte Schneeskulptur der Welt zu bauen: den 1612 Meter langen Olympia Bob Run von St. Moritz in den Nachbarort Celerina. Nach 19 Kurven und einer Eisenbahnunterführung weicht die Länge der ältesten Bobbahn der Welt im Ziel höchstens sechs Meter vom Vorjahr ab.

Seit 20 Jahren Bahn-Arbeiter

Alfred Nischler ist 40. Wind und Wetter haben Falten auf seine Stirn und um die Augenwinkel gegerbt. Seine Zähne sind nicht ganz so strahlend wie bei der Zahnarztfrau. Im Frühjahr verdient er sein Geld als Waldarbeiter, im Sommer hütet er auf einer Alm 150 Rinder. Seit 20 Jahren kommen die Bahn-Arbeiter aus seinem Dorf in Südtirol. Nur einer von den 13 Mann stammt nicht aus Naturns.

»Im Wald ist¿s anstrengender«

Es hat rechtzeitig geschneit, und Naturschnee ist besser zu verarbeiten als der künstliche, der über Nacht hart gefriert. Eigentlich mag Alfred die Arbeit an der Schlittenbahn, »im Wald ist¿s strenger«. Nur dass er halt bis Anfang März seine Familie nicht sieht. Drei Kinder hat er, zwischen einem und zehn Jahren alt, und der 25. Dezember ist der einzige freie Tag, bis die Bahn unter der Frühjahrssonne schmilzt.

Tennis-Technik

Am schwierigsten ist die Zielkurve zu bauen. Hier hat ein Viererbob 145 Stundenkilometer drauf. Die langgezogene Steilkurve muss vollkommen rund sein, und Alfred hat nur einen kümmerlichen Erdwall als vage Vorgabe für seine Latten. Die Männer arbeiten wie Tennisspieler beim Aufschlag: werfen eine Schippe Schnee senkrecht in die Luft, klatschen sie über Kopf an die Schneemauer.

Noch ist Vorsaison in St. Moritz. Nur ab und zu pfeift ein feuerroter Zug der Rhätischen Bahn. Hammerschläge hallen über die verschneiten Wiesen, vor der Gunter-Sachs-Kurve nagelt einer von Alfreds Männern braunes Sackleinen an ungehobelte Holzlatten. Ohne diesen Schutz würde die Eisrinne in der Sonne schmelzen. Aber heute können sich die Wolken nicht entscheiden, ob sie regnen oder schneien sollen. Wäre der Himmel im Büromöbelgeschäft zu kaufen, hieße sein Farbton lichtgrau.

Sunny Corner

Ein paar Minuten vor zwölf schultert Alfred Nischler seine Schaufel. Gemächlich geht er mit seinen grünen Gummistiefeln zum Sunny Corner. Mitten in dieser Kurve steht ein Häuschen, aus Naturstein gemauert, die Bretter sind von der Sonne geschwärzt. Eine rostige Schneeschaufel ist über die Tür genagelt, soll ein Vordach sein. Eine Stunde Mittagspause.

Stammplatz am Kopfende

Oskar, der Koch, hat schon einen Topf Suppe auf dem Tisch stehen. Dreizehn Ellbogen stemmen sich schwer auf die Holztische, gemächlich schleppt sich die Unterhaltung, selten rafft sich einer zu einer Pointe auf. Aus großen Humpen gibt¿s Früchtetee mit Rotwein, Zahnstocher pulen nach Gulaschresten. Alfred, der Boss, hat seinen Stammplatz am Kopfende. Er macht sich nicht mit Arbeitsanweisungen wichtig - jeder weiß eh, was er zu tun hat. Kugelschreiber aus dem Merchandising-Sortiment des Olympia Bob Run füllen Formulare der Fremdenverkehrspolizei des Kantons Graubünden aus. Fünf vor eins steht einer wortlos auf, die anderen folgen. Dreizehn Gesichter sagen, dass Arbeit selbstverständlich zum Leben gehört.

Am dritten Advent ist der Rohbau fertig

Am dritten Advent ist die Bahn im Rohbau fertig. Jetzt wird sie vereist. Alle 80 Meter steht ein Hydrant neben der Bahn, nach Schweizer Manier in einem Kasten aus rostfreiem Edelstahl. Bahnsohle und Banden werden mit dem Schlauch gespritzt, über Nacht gefriert das Wasser. Mit Schaufel und Eishobel glätten die Männer Beulen und füllen Dellen mit Schneematsch auf. Einen Tag vor Heiligabend macht ein erfahrener Pilot vom Bobclub Celerina eine Testfahrt. Mit Argusaugen untersuchen die Bahnarbeiter die Spur, die seine Kufen auf dem blanken Eis hinterlassen: Ist die dünne weiße Linie irgendwo unterbrochen, ist die Kurve noch nicht rund. An Heiligabend schneidet der Präsident der Betriebskommission das Band am Startbalken durch, und der ehemalige Weltcupsieger Marcel Rohner schiebt an zur offiziellen Eröffnungsfahrt.

Die heikelste Steller der Bahn

Danach geht Alfred Nischler jeden Tag zum Horse Shoe. Diese hufeisenförmige Steilkurve, annähernd vier Meter hoch, ist die heikelste Stelle der Bahn. Zweieinhalb Tonnen Druck lasten auf den Kufen, der Bob rumpelt wie ein Güterwagen. Die Besatzung hängt bei Tempo 100 waagerecht in der Luft, fast fünffache Schwerkraft presst sie in den Schlitten. Einmal ist vor Alfreds Augen ein Schweizer Pilot in die Bretter gerast, die oben die Kurve begrenzen. Hat die Kontrolle verloren, der Bob schoss nach unten, bohrte sich in die vereiste Bande, die ihn von 100 Stundenkilometern auf null bremste. Wie es sich gehört, hatte der Bremser den Kopf eingezogen, damit dieser keinen Luftwiderstand bietet, hatte den Fahrfehler also nicht mitbekommen. Jetzt hing er mit gebrochenen Beinen im Schlitten, den die Bahnarbeiter aus dem Eiskanal hievten.

Wie ein Feldherr auf der Bande

Alfred steht wie ein Feldherr auf der inneren Bande, die Ärmel seines karierten Hemdes hochgekrempelt. In einer Hand hält er den Schlauch. Nach jedem Bob spritzt er die Eiswand. Sonst werden die Kufenriefen zu tief. Im März wird der Eispanzer im Horse Shoe einen halben Meter dick sein. An Spitzentagen rasen 250 Schlitten an Alfred vorbei. Zwischendurch geht er spazieren. Bei Rennen werden die drei Baucontainer im Horse Shoe zu einem Imbiss. Helferinnen, die hier Horse-Shoe-Ladys heißen, verkaufen Glühwein und Bratwurst. Weiter hinten sieht Alfred eine Seilbahn. »Wär schon schön, wenn man Ski fahren könnt.« Er hat es nie gelernt, obwohl er in den Bergen aufgewachsen ist. »Wir hatten daheim einen Bauernhof, da gab¿s immer was zu arbeiten.«

Wenigstens 15 000 Mark

Die Society sieht Alfred Nischler nur einmal im Winter. Dann, wenn die Mitglieder von Gunter Sachs? »Dracula Club« zum Tablet Race antreten, sich Mut antrinken und auf Serviertabletts die Bobbahn hinunterrutschen. Wenn Claudia Schiffer im »Palace«-Hotel von St. Moritz Silvester feiert, erfährt er das lediglich aus der Boulevard-Zeitung, die auf der Eckbank im Sunny-Häuschen liegt. Nach St. Moritz kommt er nur, wenn sie mal zu einem Essen eingeladen sind. Er wohnt mit seinen Männern in Celerina. Abends bleiben sie zu Hause, spielen Karten oder sehen fern. Jedes Bier in der Kneipe würde was vom Lohn fressen. Anfang März geht jeder mit wenigstens 15 000 Mark nach Hause.

Tipps für die Profis

An »Devils Dyke Corner« steht ein Bobfahrer mit seinen Nagelschuhen auf der Bande. Er hat die Augen geschlossen, hält die Hände vor die Brust, imitiert einen kleinen Zug an den Lenkseilen, fährt in Gedanken durch die Shamrock-Kurve. Nach jeder Trainingsfahrt gehen die Piloten die Bahn ab, balancieren wie in Zeitlupe auf der Banchina vom Ziel hoch zum Start. Kritisch beäugt der Lenker des Schlittens mit Startnummer 12 die hellen Stellen im Eis. Peter, der Bahn-Arbeiter, sagt: »Woll, woll, die breite Spur ist von dir.« Das gefällt dem Piloten nicht, denn eine breite Spur heißt, dass er die Kufe schräg gestellt hat, wo der Schlitten geradeaus am schnellsten laufen würde. »Aber ich bin parallel aus der Kurve gekommen?« Peter nickt, der Pilot bedankt sich mit einem Klaps auf die Schulter.

120 Kilometer nach Hause

Es gab Winter, in denen die Bahn-Arbeiter ihr eigenes Bobrennen ausgetragen haben. Aber sie haben die Lust daran verloren. Jetzt lassen sie nur noch fahren.

Mitte Januar sind alle kleinen Unebenheiten an der Bahn abgehobelt. Jetzt ist sie richtig eingefahren. Dann bittet Peter schon mal seinen Zwillingsbruder Paul, der eine Kurve weiter oben postiert ist, auf »Devils Dyke« aufzupassen, und fährt für einen Tag die 120 Kilometer über den Ofenpass nach Hause.

»Hopp, hopp, hopp«

Derweil folgt Rennen auf Rennen. Piloten machen ihre Bremser heiß, die brüllen zurück. Der Kinnschutz der Motorradhelme verzerrt ihre Anfeuerungsrufe ins Animalische. Sie klatschen sich ab, als ob sie Handgelenke stauchen wollten. Aus der Hocke werfen sich Zweizentnermänner gleichzeitig gegen den fünf Zentner schweren Schlitten. Rohe Kraft hat höchste Präzision gelernt. Aus vollem Lauf schwingt sich der Pilot in den engen Bob. »Hopp, hopp, hopp«, schreien die Betreuer hinter dem Startbalken.

Lob von Georg Hackl

Georg Hackl hat den Bahn-Arbeitern von St. Moritz das wohl schönste Kompliment gemacht. Der deutsche Rodel-Olympiasieger, der mit seinem leichten Rennschlitten jeden Pickel im Eis spürt, sagt über die Naturbahn von St. Moritz: »Ich kenne keine Strecke, die ruhiger zu fahren ist.« Und Alfred Nischler, der nun wirklich das Gegenteil von einem Sprücheklopfer ist, legt noch eine Schippe drauf: »Heuer ist die Bahn so gut, da könnt man auch einen Bob ohne Fahrer runterlassen.«

Von Johannes Schweikle

Fotos von Franz Killmeyer


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