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Boxen: Boxing Day - Skandale aller Orten

Die Boxkämpfe mit fragwürdigem Ausgang reihen sich in letzter Zeit aneinander und bilden einen Roten Faden, der das Boxen in den Abgrund führt. Mayweahter, Cunningham und nun Hopkins und Petkovic. Wir haben uns der Lust am Untergang gewidmet und Ahmet Öner zu seinem misslungenen Boxabend befragt.

"Das war keine Werbung für den Boxsport“, sagte Promoter Ahmet Öner kleinlaut nach dem von ihm veranstalteten Box-Abend in Obertraubling bei Regensburg der Mittelbayrischen Zeitung. Unter dieses Motto kann man das ganze vergangene Kampf-Wochenende zusammenfassen.

Wir werfen einen Blick zurück auf unwürdige Kämpfe, schlechte Schauspieler und seltsame Entscheidungen dies- und jenseits des Atlantik und haben mit dem Chef des Arena-Boxstalls gesprochen.

14. Oktober 2011, Mehrzweckhalle Obertraubling
WBA International Championship im Schwergewicht
Alexander Petkovic besiegt Cisse Salif durch Disqualifikation in der sechsten Runde

Alexander Petkovic, seines Zeichens immerhin ehemaliger WM-Herausforderer im Cruisergewicht, wollte bei seinem "Heimspiel“ in Obertraubling, bei dem er als Co-Promoter auftrat, eigentlich gegen den ungeschlagenen Ghanaer John Napari antreten. Weil Napari kein Visum bekam, sorgte Mit-Veranstalter Ahmet Öner kurzerhand für Ersatz und lotste mit Cisse Salif einen alten Bekannten in die bayerische Provinz. Salif hatte 2008 in München gegen Odlanier Solis und 2010 in Cuxhaven gegen Konstantin Airich jeweils nach Punkten verloren.

Allerdings machte der in Mali geborene und in den USA lebende 120-Kilo-Koloss spätestens in der vierten Runde deutlich, dass er diesmal nicht zum Verlieren nach Deutschland gekommen war. Nach drei ereignisarmen Runden schickte Salif Petkovic, von dessen 117 Kilo augenscheinlich der geringste Teil Muskelmasse war, mit einer sehenswerten Links-Rechts-Kombination auf die Bretter. Der selbsternannte "bayerische Löwe“ schaffte es zwar, wieder auf die Beine zu kommen, aber das sollte seine mit Abstand stärkste Leistung des Abends bleiben.

Nachdem er in Runde vier noch ein zweites Mal zu Boden gegangen war, verlegte sich Petkovic dann ab der fünften Runde ausschließlich darauf, Körpertreffer seines Gegners als Tiefschläge zu bemängeln. Der schwache Ringrichter Manfred Küchler stieg voll auf das schlechte Schauspiel ein, verwarnte Salif und zog ihm in der fünften Runde zwei Punkte ab. In Runde sechs fand die Farce ihren unrühmlichen Höhepunkt, als sich Petkovic nach einem weiteren vermeintlichen Tiefschlag scheinbar weigerte weiterzuboxen und Küchler daraufhin die Disqualifikation gegen Salif aussprach.

Auch nach mehrfacher Ansicht der Fernseh-Bilder sind beim besten Willen keine Tiefschläge auszumachen. Ein paar Mal mag Salif die Gürtellinie Petkovics gestreift haben, aber die meisten Angriffe in Richtung Körper landeten auf dem massiven Schwabbel-Bauch des Münchners. Petkovic konnte sich zwar den WBA-International-Titel sichern, wurde aber von seinem eigenen Publikum für seine unterirdisch schlechte Leistung ausgebuht.

14. Oktober 2011, Mehrzweckhalle Obertraubling
IBF Intercontinental Championship im Schwergewicht
Konstantin Airich besiegt Varol Vekiloglu durch K.o. in der ersten Runde

Im zweiten Hauptkampf in Obertraubling präsentierte Ahmet Öner ein weiteres Schwergewichts-Duell zwischen Konstantin Airich und Varol Vekiloglu. Ursprünglich hatte Öner das Comeback von Klitschko-Gegner Odlanier Solis gegen Vekiloglu für diesen Kampfabend angekündigt. Aber nach dem, was Airich mit dem Berliner anstellte, muss man sich fragen, wie dieser einen Kampf gegen Solis hätte überstehen sollen.

"Meine Taktik sah vor, dass Varol Konstantin die ersten Runden auf Distanz hält, um dann zu punkten und in der zweiten Hälfte Druck zu machen“, sagte Vekiloglus Trainer und Manager Robert Rolle gegenüber figosport. Diese Taktik ging für eine knappe Minute auf. Dann stellte Airich seinen Gegner an den Ringseilen und deckte ihn mit einer Schlagserie ein, die Vekiloglu so schwer zu Boden schickte, dass er nicht mehr auf die Beine kam.

15. Oktober 2011, Staples Center Los Angeles
WBC Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht
Chad Dawson besiegt Bernard Hopkins durch t.K.o. in der zweiten Runde

Nicht nur in Bayern sondern auch jenseits des Atlantiks sorgte an diesem Wochenende ein seltsamer Kampfausgang für Negativ-Schlagzeilen. Alt-Meister Bernard Hopkins wurde zum Verlierer durch technischen KO erklärt, nachdem er von Chad Dawson in der zweiten Runde der WBC-WM im Halbschwergewicht zu Boden geschleudert wurde und den Kampf aufgrund einer dabei erlittenen Schulterverletzung nicht fortsetzen konnte.

Was bis dahin geschah, fasst ESPN-Box-Experte Dan Rafael wie folgt zusammen: "Was für ein Desaster! Was auf dem Papier nach einem ordentlichen aber unspektakulären Kampf aussah, wurde noch viel schlimmer, als irgendjemand sich hätte vorstellen können. (...) Die erste Runde war einfach nur Mist, weil nichts passierte. Und in der zweiten gab es nur noch mehr davon, bis zum fürchterlichen Ende.“

Hopkins und sein Team haben mittlerweile Protest gegen das Urteil eingelegt. In der Tat ist schwer nachzuvollziehen, warum Ringrichter Pat Russell auf TKO. für Dawson entschied. Russell selber argumentierte, dass die Verletzung nicht durch ein Foul herbeigeführt wurde. Es bleibt aber die Frage, ob ein verletzungsbedingter Abbruch innerhalb der ersten vier Runden nicht eher als "no contest“ (Kampf ohne Entscheidung) gewertet werden müsste. Schließlich war die Verletzung mit Sicherheit keine Folge legitimer Schlagwirkung. Dass Hopkins zu Boden ging, lag an einem Tackle von Dawson, den man im Football-Stadion oder vielleicht noch beim Ringen erwarten dürfte, aber der mit Sicherheit nichts in einem Boxring zu suchen hat.

Insofern wird der Kampf, der keiner war, mit Sicherheit ein Nachspiel am grünen Tisch haben. An einem Rückkampf, den der Weltverband WBC anordnen könnte, scheint keine der Parteien ein Interesse zu haben. Und nach der Enttäuschung vom vergangenen Wochenende ist auch fraglich, ob die Box-Fans diesen Kampf sehen wollen. Insgesamt haben Dawson, Hopkins und Referee Pat Russell dem Boxen in den USA einen Bärendienst erwiesen.

"Wer ein großer Box-Fan ist und sich Pay-Per-Views kauft, hat im letzten Monat knapp 130 Dollar zum Fenster rausgeschmissen“, fasst Dan Rafael auf espn.com das Debakel um Hopkins, aber auch Mayweather zusammen. "Erst wurden wir bei Mayweather gegen Ortiz am 17. September durch das seltsame Ende regelrecht betrogen und jetzt noch diese Ungeheuerlichkeit. Und da fragen sich die Leute wirklich, warum das Boxen in der Krise steckt?“

Diese Frage haben wir direkt an Promoter Ahmet Öner weitergegeben.

sportal.de: Warum steckt das Boxen in der Krise, Herr Öner?

Ahmet Öner: "Das hat unterschiedliche Gründe. In den USA ist das Problem, dass es immer weniger große Namen und große Kämpfe gibt. Pacquiao und Mayweather sind im Moment die einzigen beiden Top-Seller. Die zweite Reihe ist nicht so stark besetzt wie noch vor ein paar Jahren. Dass Hopkins gegen Dawson als Pay-Per-View angeboten wurde, zeigt schon, dass es gerade nicht viele wirklich gute Kämpfe gibt. Hier in Deutschland fehlt im Moment vor allem das Geld. Seit sich das ZDF zurückgezogen hat – oder besser: von Universum regelrecht vergrault wurde – fällt der deutsche Box-Markt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Die Einzigen, die nach wie vor ihr Ding machen, sind die Klitschkos. Alle anderen haben Probleme. Die ARD hat bei Sauerland Gelder gestrichen, so dass die sich verstärkt in Richtung Skandinavien orientieren. Felix Sturm jammert vor jedem Kampf darüber, dass er mit dem Geld von Sat1 keine starken Gegner bezahlen kann. SES wurschtelt sich mit kleinen Veranstaltungen auf Sport1 oder irgendwo in Osteuropa durch. Und wir machen unsere Eurosport-Abende. Die Budgets sind nicht groß, und niemand hat Lust, auf Dauer tief in die eigene Tasche zu greifen. Unter dem mangelnden Geld leidet die Qualität.“

Ihr Boxabend am letzten Freitag in Obertraubling geriet zur Farce. Sie müssen entschuldigen, aber das war schon grotesk, was Ringrichter Manfred Küchler sich da geleistet hat. Wie sehen Sie das Geschehen in der Rückschau?

Ahmet Öner: "Ich habe noch direkt an dem Abend zu den Kollegen vor Ort gesagt, dass diese Veranstaltung keine Werbung für den Boxsport war. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass es einer der schlechtesten Abende war, die wir in fünf Jahren Arena gemacht haben. Aber so was passiert. Das müssen wir abhaken und beim nächsten Mal eben wieder ein Programm bieten, das auch unseren eigenen Ansprüchen entspricht. Alexander Petkovic hat sich mit seinem schwachen Auftritt mit Sicherheit keinen Gefallen getan und sollte ans Aufhören denken. Manfred Küchler hatte natürlich auch keinen guten Tag, aber man darf nicht vergessen, dass der Ringrichter sofort entscheiden muss. Er hat keine Zeitlupe und keine verschiedenen Kamera-Einstellungen. Ich weiß zwar nicht, wo er Tiefschläge gesehen haben will, aber letzten Endes sind das Tatsachen-Entscheidungen, die eben manchmal auch falsch sind.“

Küchler war doch wahrscheinlich nicht nur aus Eigenmotivation getrieben, sondern wollte ihnen dienlich sein, also tragen sie doch auch eine Verantwortung an diesem Ergebnis?

Ahmet Öner: "Von diesen Fehlentscheidungen profitiere ich doch nicht, sie schaden mir eher, weil jetzt wieder jeder sagt: ‚Guck mal, der Öner, bei dem wird beschissen!’ Nein, das ist Unsinn. Petkovic steht bei mir nicht unter Vertrag, wir haben den Kampfabend mit ihm gemeinsam veranstaltet. Ich habe nichts davon, dass er gewonnen hat – und die Art und Weise nervt mich natürlich, weil dieser Mist auf mich als Promoter zurückfällt, obwohl ich damit nichts zu tun habe. Petkovic selber hat mit seinen Beschwerden und seinem Lamentieren natürlich auf den Ringrichter eingewirkt, und der hat sich davon beeindrucken lassen. Das ist ärgerlich.“

Haben Sie danach mit Küchler und Petkovic gesprochen und Ihren Unmut über die Geschehnisse klar gemacht?

Ahmet Öner: "Petkovic hat sich für seinen schwachen Auftritt bei mir entschuldigt. Er sagte, er sei richtiggehend schockiert gewesen, als er das Video gesehen hat. Ich denke, das wird ihm viel zum Nachdenken geben. Aber dafür können wir uns jetzt nichts kaufen, der Schaden ist angerichtet. Mit Küchler habe ich nicht gesprochen. Es ist nicht meine Aufgabe, die Offiziellen auf ihre Fehler hinzuweisen. Dafür gibt es die Verbände.“

Zuletzt wurde im Zusammenhang mit Sauerland-Kämpfen (Huck vs. Lebedev, Hernandez vs. Cunningham) über die Unparteilichkeit von Ringrichter, Punktrichter und Ring-Ärzten diskutiert, früher stand Universum oft im Zentrum dieser Diskussionen. Jetzt der Petkovic-Kampf. Ist der Boxsport überhaupt noch glaubwürdig in Deutschland?

Ahmet Öner: "Ich glaube, das ist kein spezifisch deutsches Problem. Fragwürdige Urteile gibt es überall auf der Welt – die Nummer mit Hopkins und Dawson stinkt zum Beispiel zum Himmel. Das ist ähnlich wie bei unserer Veranstaltung, da gibt es nur Verlierer. Und Heim-Urteile gibt es auch überall auf der Welt. Schauen Sie sich mal den nächsten Klitschko-Gegner Jean Marc Mormeck an. Seit der 2009 ins Schwergewicht aufgestiegen ist, hat er drei Kämpfe in Paris bestritten, und ich kenne viele Leute, die der Meinung sind, er hätte keinen dieser drei Kämpfe gewonnen. Trotzdem hat er – bei sich zu Hause – drei Mal den Punktsieg zugesprochen bekommen. Felix Sturm verlor zu unrecht gegen Oscar de la Hoya, Axel Schulz wurde gegen George Foreman um die Schwergewichts-WM betrogen. Als Auswärts-Boxer hat man es schwer. Das ist überall auf der Welt so und war auch schon immer so.“

Wie könnte man mehr Unabhängigkeit der entscheidenden Personen schaffen?

Ahmet Öner: "Die Verbände müssten stärker und unabhängiger werden. Im Moment bezahlen die Promoter die Verbände und damit auch die Verbands-Offiziellen. Titelkämpfe kosten richtig Geld. Damit sind natürlich diejenigen Promoter im Vorteil, die viel Geld haben, weil sie für Umsatz sorgen und das System am Laufen halten. Und die Ring- und Punktrichter, die auf viele Einsätze hoffen, werden immer eher denjenigen Boxer unterstützen, von dem sie erwarten, dass er den Titel schnell verteidigt, so dass sie wieder eingesetzt werden können. Vielleicht müsste man das irgendwie entkoppeln. Die Frage ist nur, woher die Verbände ihr Geld bekommen sollen, wenn nicht von den Promotern oder von den Boxern. Ich habe keine Antwort darauf.“

Airichs KO-Sieg wirkte auch etwas seltsam, da Gegner Vekiloglu verzögert zu Boden ging, war da etwas faul?

Ahmet Öner: "Jeder, der Konstantin schon mal im Gym oder im Ring erlebt hat, weiß, dass der Junge hauen kann wie ein Pferd. Varol Vekiloglu kommt aus dem Halbschwergewicht, der hat noch nie so viel geballter Schlagkraft gegenüber gestanden. Der Ringarzt hat Varol direkt im Ring untersucht und von einem kompletten Systemausfall gesprochen. Man konnte ja auch an der Art, wie der Junge zu Boden gegangen ist, genau sehen, dass das einfach ein schwerer KO war. Seltsam sieht die Szene im Video nur aus, weil Konstantin noch weiter schlägt, als Varol schon auf dem Weg nach unten ist.“

Glauben Sie, dass das Boxen in einer ernsthaften Krise steckt, an der es vielleicht sogar ganz zu Grunde gehen könnte?

Ahmet Öner: "In einer Krise steckt das Boxen bestimmt, aber wir werden diese Krise überstehen. Boxen ist die ursprünglichste Form des Zweikampfes. Stell zwei Leute einander gegenüber, zieh ihnen Handschuh über und lass sie aufeinander los. Das wird nie langweilig und nie ganz außer Mode kommen. Wie in jedem anderen Bereich auch gibt es Höhen und Tiefen. Wir sind gerade in einem Tal, aber aus dem Tal geht es nur bergauf!“

Michel Massing

sportal.de / sportal

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