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Eishockey: Männer wie der Hans

In ihrer Liga sind deutsche Spieler oft nur zweite Wahl. Doch bei der Eishockey-WM will Trainer Zach mit ihnen wieder die Besten ärgern

Es ist genauso wie früher. Die alten Helden sind ins Stadion gekommen, der Ambros Paul, der immer ohne Helm spielte, und der Unsinn Xaver, Altbundestrainer, Mister "Eishockai" mit seinem Pepitahut. Die "Harmoniemusik Füssen" rummst im Lodengewand die deutsche Hymne, zwo, drei, vier. Der Hans steht da, breit die Beine, geschwellt die Brust. Und bald darauf wird er wieder explodieren. So wie damals, als er noch selbst furchtlos in die Ecken polterte. Als man mit Bleiweste zum Training die Berge hoch sprang und auf dem Eis ohne Schulterschutz die Gegner zusammenfallen ließ. Er hätte selbst ein paar solcher Geschichten erzählen können, vorher im Bierzelt bei den geladenen Alten an diesem Jubiläumstag: 30 Jahre Bundesleistungszentrum für Eishockey in Füssen. Der Zach Hans ist die Vergangenheit des deutschen Eishockeys.

Aber zum Geschichtenerzählen kam er nicht nach Füssen. Er steht an diesem Abend als Trainer an der Bande, und seine deutsche Nationalmannschaft spielt gegen die Schweiz zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Tschechien (24. April bis 9. Mai, live im DSF). Zach, Hans, 55, Metzgermeister aus Bad Tölz, wo man das Bayrisch knurrt und das Eishockey nicht spielt, sondern kämpft, ist auch die Zukunft des deutschen Eishockeys. Und das ist das eine Wunder.

In einer Zeit, in der sein Sport zum global business zählt. In der amerikanische Milliardäre wie Philip F. Anschutz Vereine als Geldanlage kaufen und sie von München in den Norden verschieben wie die Hamburg Freezers, um sie dort in modernen Arenen vor eishockeyfremden Schaulustigen spielen zu lassen. Die einst skandalverrufene Deutsche Eishockey Liga (DEL) boomt. In Köln wurde sogar der europäische Zuschauerrekord gebrochen: 18500 kamen zum Spiel der Haie gegen Düsseldorf. "Diesen Aufschwung", sagt Franz Reindl, Geschäftsführer des Deutschen Eishockey Bundes (DEB), "verdanken wir auch dem Erfolg des Nationalteams."

Das ist das andere Wunder:

dass es überhaupt eine Zukunft gibt. Sie begann 1998, als man vom Untergang sprach. Die Ausländerbeschränkung war aufgehoben, in der DEL hatten von 312 Profis nur 106 einen deutschen Pass. Das Nationalteam stieg ab in die B-Gruppe. Da haben sie Zach, Vereinstrainer bei Kassel, gefragt, ob er nicht nebenbei den Bundestrainer machen könne. Er war zuvor mit Düsseldorf dreimal Meister geworden.

"Der Reindl hat zu mir gesagt, wenn's einer machen kann, dann du", sagt Zach. Zachs Frau sagte das auch. Also hat er's gemacht. Zach ist zwei Jahre nach Amtsantritt wieder aufgestiegen.

Und viermal in Folge hat Deutschland nun das Viertelfinale bei großen Turnieren erreicht, scheiterte im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft erst in der Verlängerung gegen die Kanadier, gegen die Topstars aus der berühmten nordamerikanischen Profiliga NHL. Die Deutschen, denen in ihrer eigenen Liga die Stammplätze meist von Ausländern weggeschnappt werden, die nicht gut genug sind für die NHL.

Hans Zach spricht von Stolz. Von der geschwellten Brust, mit der seine Spieler zurück zu ihren Vereinen kehrten. Hans Zach spricht, wie er Eishockey spielte. Mit Feuer. Ohne Vorsicht. Er hat einen kantigen Schädel und lange Augenbrauen, die etwas abstehen; man könnte sie als Seismograph nutzen vor dem nächsten Erdbeben in Zachs Gesicht. Hans Zach bebt häufig. Er wetterte damals am lautesten gegen die übertrieben hohe Ausländerquote. Für mehr Eishallen. Mehr Trainingszeiten für den Nachwuchs. Dafür, dass nur deutsche Torhüter in der DEL spielen sollten. Hoffnungslos. Aber egal. "Ich sag nur was, wenn man mich fragt. Das ist dann jedem selbst überlassen, ob er es macht: Wenn ihr es richtig machen wollt, dann macht es so, wie ich es sag. Und wenn ihr es anders probieren wollt, dann seid ihr nicht erfolgreich."

Der Zach hat Recht. Der Zach gibt nie auf. Der Zach ist ein Fuchs. Und so hat er genommen, was sie ihm gebracht haben, die so beklagten harten Zeiten: harte Spieler. "Die Ausländer haben das Spielniveau erhöht", sagt Zach. "Es ist sehr viel schwerer, an die Fressnäpfe zu kommen. Das hat die jungen Deutschen geprägt." Kämpfer. Disziplinierte. Solche braucht er.

Als Zach den Job des Bundestrainers übernahm

, kegelte er die alten Stars aus dem Team. Den Jungen sagt er nun, dass sie sich gefälligst bedanken sollen, wenn der Betreuer ein Schlägerband reicht. Und das Tragen einer Baseballmütze am Mittagstisch bringt einen Anpfiff. Die Nationalspieler, Zachs Auswahl, lassen sich's gefallen. "Was heißt gefallen? Dann muss er halt daheim bleiben. Das versteht jeder, der ein normales Hirn hat." Schon manches Großtalent ohne selbiges hat er zu Hause gelassen.

"Alpenvulkan" hat ihn ein Journalist mal genannt. Das hat ihm gefallen. Seine Autobiografie betitelte er so. Kämpfermythen. Aber natürlich ist es Unfug, dass Zach in seiner Jugend Stierblut getrunken habe. Schweineblut war's, "und das musst du machen als Metzger, zum Abschmecken." Stierblut: Das könnte es dennoch sein, was in Zachs Adern kocht. Wenn er an der Bande steht, steigt es gern mal auf, der Kopf wird rot, und dann schraubt sich seine Stimme hoch und kracht auf Spieler hinab in einem Ur-Tölzer-Idiom, das auch Bayern nicht mehr ganz verstehen. Früher ist er noch als Coach im Training mit Spielern in die Ecke gefahren, "damit die mal sehen, was Härte ist".

Nicht jeder Spieler will sich den Zach antun. Aber manche sind ihm dankbar. "Der Hans reißt einen mit", sagt Stefan Ustorf, Kapitän der Deutschen. In Köln, wo Zach nun Vereinstrainer ist, macht er Extratraining für die Deutschen. Er sei einer der wenigen, die sich die Zeit nähmen, denen die Kleinigkeiten zu erklären, die einem Kanadier schon in den Windeln beigebracht werden, sagt Daniel Kreutzer.

Kreutzer ist kürzlich zum zweitbesten Außenstürmer der Liga gewählt worden. Er ist 24, deutsch, hatte vier Jahre Zach als Vereinstrainer in Kassel. Immer mehr junge Deutsche beißen sich durch in der DEL, ein paar haben es bereits in die NHL geschafft.

An diesem Abend spielen die Deutschen 2:2 gegen die Schweiz, ZachEishockey, defensiv und diszipliniert in der neutralen Zone. Modernes Eishockey, kanadischer Prägung, vom Tölzer gelehrt. Mit Biss und Konzentration. Und in Phasen, wo sie beides vermissen lassen, kocht wieder Zachs Stierblut. Wie früher.

Die Deutschen könnten in Tschechien bei der WM erneut den Einzug ins Viertelfinale schaffen. Könnten dort erneut treffen auf Mannschaften, die gespickt sind mit NHL-Idolen. Die meisten ausländischen Stars der DEL aber werden zu Hause vor ihren Fernsehern sitzen und zusehen müssen, wie ihre manchmal belächelten Klubkameraden mal wieder die Helden ihrer Traumliga ärgern.

Bernd Volland / print

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