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Eishockey: Zehn Fragen an Justin Morrison

Der Eishockey-Stürmer, seit voriger Woche bei den Hamburg Freezers, hat 2008 für Klubs in fünf Ländern gespielt - der US-Amerikaner führt das Vagabundenleben eines Profisportlers. Wie fühlt es sich an, wenn man überall der Neue ist und von Fans als Söldner beschimpft wird?

Herr Morrison, vor wenigen Tagen lebten Sie noch in Davos, vor acht Wochen in Weißrussland, davor in Finnland und Schweden. Wissen Sie, wo Sie gerade sind?

Hamburg heißt die Stadt, oder? Im Ernst, ich bin heilfroh, dass es Navigationsgeräte gibt. Die letzten Wochen waren wirklich verrückt. Und ehrlicherweise habe ich keine Ahnung, ob mein Hotel in der Innenstadt liegt oder an der Autobahn. Ich hatte ja am zweiten Tag gleich mein erstes Spiel.

Es ging verloren, Ihr Team, die Hamburg Freezers, wurde gnadenlos ausgepfiffen. Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Fans im Eishockey, aber auch im Fußball, Basketball oder Handball es leid sind, wild zusammengekaufte Truppen anzufeuern? Dass die Sie als Söldner empfinden?

Den Frust der Freezers-Fans über die Niederlage konnte ich verstehen, umso schöner, dass mir im nächsten Spiel gegen die Adler Mannheim gleich ein Tor gelang. Mit dem Wort "Söldner" habe ich ein Problem: Was manche nicht sehen, ist, dass Profisport, egal, in welcher Disziplin, nur funktioniert, wenn es Leute wie mich gibt. Die selbst vielleicht gern länger bei einer Mannschaft bleiben würden. Die kurzfristig angeheuert werden, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, und, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, wieder verkauft werden. Zuletzt, in der Schweiz, musste ich gehen, weil sie einen Ausländer zu viel hatten, da hat es halt mich getroffen. Sport ist ein Geschäft, für jede Seite. Was einem bleibt, ist die Liebe zum Spiel.

Sie zahlen einen hohen Preis, sind immer und überall der Neue, Gast auf Zeit.

Ich bin jetzt 29, ich habe mich daran gewöhnt. Wenn man sich als kleiner Junge in Südkalifornien fürs Schlittschuhlaufen begeistert, denken ohnehin alle, man sei bescheuert - auch die eigenen Eltern. Aber das war mir egal. Manchmal musste mich meine Mutter Stunden zu einem Spiel fahren, mit 18 hat mich ein Klub in Nebraska verpflichtet, da war ich dann auch ganz allein. Nun gondele ich durch Europa. Ich war schon immer Außenseiter. Ich bin schwarz, Kalifornier, liebe HipHop und spiele Hockey. Die einen sagen: coole Mischung, die anderen: Was ist das denn für ein Kauz?

Das muss man wohl auch sein, wenn man sich von Dynamo Minsk, dem Klub des diktatorisch regierenden Präsidenten Lukaschenko, verpflichten lässt. Wird dort eigentlich auch Eishockey gespielt oder gleich das Geld gewaschen?

So heftig war es nicht, aber um ganz ehrlich zu sein: Ich habe mich dort von Anfang an nicht wohlgefühlt. Auf der Mannschaft lag ein unfassbarer Druck, Lukaschenko wollte, dass wir immer gewinnen. Auch mit der völlig anderen Kultur und Sprache kam ich nur schwer zurecht. Ich war froh, als ich nach drei Wochen weiterverkauft wurde.

Das ist doch ein Drecksjob, oder?

Oh, nein! Ich empfinde es nach wie vor als Privileg, mit Eishockey mein Geld zu verdienen. So lerne ich Menschen und Orte kennen, die ich sonst nie gesehen hätte. Wenn es schwer wird, redet man sich ein, dass bei der nächsten Station alles gut wird. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob mein Leben so möglich wäre, wenn es das Internet nicht gäbe. Egal, wo ich bin, mein Computer ist immer bei mir. Da ist meine Musik drauf, meine Fotos, ich lese Zeitung, schreibe Briefe. Mein Mac ist mein Zuhause. Als ich in Finnland gespielt habe, ist mir das Ding mal kaputtgegangen. Glauben Sie mir: Meine Welt blieb für einen Moment stehen. Ich rief meine Frau an und sagte: Das überlebe ich nicht.

Was hat Ihre Frau gesagt?

"Fahr in die Stadt und such dir eine Werkstatt." Hätte ich natürlich auch selbst draufkommen können.

Wie oft besucht sie Sie?

Meine Frau ist Anwältin in San Diego und hat einen guten Job. Aber über Weihnachten ist sie in Deutschland. Nach Hause fahren könnte ich nicht - wir haben ja ständig Spiele.

Wann haben Sie Ihre Frau zum letzten Mal gesehen?

Oh, das ist nicht lange her. Anfang November bin ich nach San Diego geflogen, nach der Zeit in Minsk. Es war ein Segen, genau zu dieser Zeit heimzukehren, so konnte ich sogar wählen gehen.

McCain oder Obama?

Das fragen Sie im Ernst? Barack Obama natürlich. Nicht, weil er schwarz ist. Ich habe sehr aufmerksam beobachtet, ob seine Berater diese Tatsache irgendwann politisch einsetzen. Haben sie aber nicht. Ich bilde mir ein, dass ich eine ganz gute Menschenkenntnis habe. Und bei Obama spürte ich ein Gefühl der Ehrlichkeit, das ich lange Zeit nicht mehr hatte in der amerikanischen Politik. Meine Frau und ich waren am Wahltag zu Hause, ich habe für sie gekocht, und dann saßen wir einfach da und sogen den Augenblick in uns auf. Meine Familie hat angerufen, mein Vater ist ja schwarz, meine Mutter weiß. Wir konnten es alle nicht fassen, waren so überschwänglich und glücklich. Wir haben die Geschichte der USA an uns vorüberziehen lassen und gesagt: Diesen Moment werden wir alle nicht mehr vergessen, er war wie aus der Zeit gefallen, one moment in time. Als ich dann wieder nach Europa flog, war das Land, in dem ich aufgewachsen bin, nicht mehr dasselbe wie früher.

Und für Sie, wie geht‘s nun weiter?

Sonntag spielen wir in Hannover, von der Stadt habe ich schon gehört. Aber vorher zu Hause gegen … hm.

Straubing.

Ja. Strau-Bing. Haben Sie eine Ahnung, wo das liegt?

Interview: Iris Hellmuth / print

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