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Viertelfinale der Handball-WM Deutschland gegen Katar, Schiedsrichter und Reglement


Überraschungsteam gegen Skandaltruppe: So kann man das Viertelfinale Deutschland - Katar bei der Handball-WM beschreiben. Katars Söldnertruppe ist umstritten; und gilt als Liebling der Schiedsrichter.

Ich glaube, Katar wird Weltmeister." Behält Patrekur Jóhannesson recht, dann endet heute das deutsche Handball-Märchen aus 1000 und einer Nacht, wenn die schwarz-rot-goldene Überraschungstruppe im WM-Viertelfinale auf das Team des Gastgebers trifft. Stimmen die Unkenrufe, haben die Deutschen keine Chance, die Kataris aufzuhalten. Denn mehr noch als in Jóhannessons lakonischem Satz war im Gesichtsausdruck des isländischen Coachs in Diensten Österreichs nach dem Ausscheiden gegen Katar abzulesen, dass in den Hallen von Doha und Umgebung wohl nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Ungeschminkter ausgedrückt: Es verfestigt sich der Eindruck, dass das Emirat nicht nur Top-Events des Welt-Sports einkauft, sondern sich womöglich auch Titel auf verschlungenen Wegen sichern will.

Der Grund für das Misstrauen liegt keineswegs nur in der Enttäuschung eines Verlierers. Heftig diskutiert wird vor allem der Kader des Gastgebers. Dank einer höchst fragwürdigen Einbürgerungspraxis trifft Deutschland heute (16.30 Uhr/Sky) im Grunde nicht auf Katar, sondern auf eine internationale Auswahl. Nur vier Spieler der vom spanischen Startrainer Valero Rivera gecoachten Truppe stammen ursprünglich aus dem Emirat. Das Gros der Spieler wurde in den vergangenen Jahren aus den Balkanländern, Frankreich und Nordafrika rekrutiert. Wohl nur so war der Einzug ins Viertelfinale möglich. Niemals zuvor sind Katars Handballer bei einer WM so weit gekommen.

Fußball als Vorbild

"Einen faden Beigeschmack" attestierte gegenüber dem Sport-Informationsdienst daher auch Ex-Welthandballer Daniel Stephan dem katarischen Erfolg. Die Gastgeber machten sich dabei die aktuellen Statuten der Internationalen Handballföderation IHF zunutze. Die erlauben jedem Spieler, der mehr als drei Jahre lang kein Länderspiel absolviert hat, den Verband zu wechseln. Auf dieser Grundlage hat Katar kräftig "eingekauft" - Einbürgerung inklusive. "Es gibt keine Regel, die so etwas verbietet", kritisierte Spaniens Top-Stürmer Joan Canellas vom THW Kiel. Und Schwedens Kapitän Tobias Karlsson klagte im schwedischen Fernsehen: "Es tut mir im Handballherzen weh, dass so etwas möglich ist."

"Die bestehende Regel muss vom Weltverband geändert werden", forderte Daniel Stephan. "Der Fußball wäre ein gutes Vorbild." In der Tat kann Katar eine ähnliche Strategie bei der ohnehin umstrittenen Fußball-WM 2022 nicht verfolgen. Denn der Welt-Fußballverband Fifa erlaubt es einem Spieler nicht, für mehrere Nationen A-Länderspiele zu bestreiten. Wer schon in Junioren-Länderspielen eingesetzt wurde, muss sich bis zum 21. Lebensjahr entscheiden, für welches Land er auflaufen will.

"Wir sind gut in Form, die Sonne scheint"

Eine Regelung, die auch Österreichs Kapitän, der frühere Bundesliga-Profi Viktor Szilagyi, "gut heißen" würde. Zuvor hatte er - freilich ohne direkte Worte zu wählen - die Ansicht durchblicken lassen, dass seine Mannschaft im Achtelfinale gegen Katar verpfiffen worden sei. "Ich habe noch nie in meinem Leben eine Halbzeit erlebt, in der es so viele Offensivfouls gegeben hat", beschwerte er sich. Zur Halbzeit hätten die kroatischen Schiedsrichter vollkommen ihre Linie verändert. "Vielleicht muss man das erwarten", ließ sich Szilagyi zitieren, "ich kann das schwer akzeptieren".

Muss man also erwarten, dass die deutsche Mannschaft heute "notfalls" von den Unparteiischen aus dem Turnier gepfiffen wird? Die deutsche Delegation hält sich aus der Diskussion heraus, wohl um die Atmosphäre vor dem wichtigen Spiel nicht zusätzlich anzuheizen und die positive Stimmung in den eigenen Reihen zu behalten. "Da mache ich mir keinen Kopf drüber", kommentierte Erfolgscoach Dagur Sigurdsson Fragen nach möglichen Problemen mit den Unparteiischen. "Wir sind gut in Form, die Sonne scheint, und die Halle wird voll sein." Die während des Turniers erspielte Euphorie in den eigenen Reihen gilt als Erfolgsfaktor. "Das sollten wir jetzt nicht wegnehmen", so Sigurdsson.

"Deutschland kann den Titel holen"

Gleichwohl wissen die Deutschen, was auf sie zukommt. "Die Fifty-Fifty-Entscheidungen werden gegen Katar wohl nicht zu unseren Gunsten ausgehen", sagte Kapitän Uwe Gensheimer gleich nach dem Achtelfinalsieg gegen Ägypten. Ein kühler Kopf, eine gute Chancenauswertung, ein erneut überragender Torwart Carsten Lichtlein und möglichst ein ausreichendes Torepolster in der voraussichtlich besonders hitzigen Schlussphase dürften die Erfolgsfaktoren sein. Kurz: Das deutsche Team braucht eine starke Leistung gegen einen starken Gegner. "Katar hat bei diesem Turnier gezeigt, dass sie gegen jede europäische Spitzenmannschaft mithalten können", beurteilt Sigurdsson den Gegner. Sportliche Niederlage also nicht ausgeschlossen.

Doch die Chance aufs Halbfinale ist da: "Es gibt bei dieser WM keine Mannschaft, die alle überragt. Das deutsche Team präsentiert sich gut", urteilte Ex-Nationalspieler Martin Schwalb in der "Bild"-Zeitung. Der frühere Bundesliga-Coach beim HSV Hamburg ging sogar noch weiter und widersprach damit seinem Kollegen Jóhannesson: "Deutschland kann den Titel holen."

Dieter Hoß mit Agenturen

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