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Interview mit Bundestrainer Müßiggang zur Biathlon-WM Die neue Neuner steht noch nicht bereit


Die Biathleten nähern sich dem Höhepunkt der Saison; der WM in Ruhpolding. Im deutschen Lager muss man den angekündigten Rücktritt von Magdalena Neuner verkraften. Bundestrainer Uwe Müßiggang spricht über Medaillenchancen und mögliche neue Stars.

Es erschütterte die Biathlon-Welt, als vor Wochen Magdalena Neuner ihren Rücktritt zum Saisonende bekannt gab. Das bevorstehende Karriereende überschattet auch die Weltmeisterschaft in Ruhpolding, die an diesem Mittwoch beginnt. Bundestrainer Uwe Müßiggang erklärt im Interview, ob es eine Nachfolgerin geben kann, mit welchem Ziel der DSV in die Wettkämpfe geht und wie es nach der WM für ihn persönlich weitergeht.

Herr Müßiggang, wie beurteilen Sie die Entwicklung des Biathlonsports in den letzten 25 Jahren?

Sehr positiv. Es hing natürlich mit den Leistungen zusammen, dann auch damit, dass Biathlon im Westen Deutschlands eine No-Name-Sportart war. In Garmisch haben wir probiert, die Gestaltung der Disziplin sehr flexibel zu handhaben. Was ist medienwirksam und wie kommt der Sport gut rüber. Deswegen wurde später der Mixed-Wettkampf ins Programm genommen. Die Medien haben den Sport dann entdeckt und die Einschaltquoten stiegen. Damit wurde eine Spirale nach oben in Gang gesetzt. Man hat gemerkt, dass das Equipment der Sender besser wurde und eine Professionalisierung einsetzte. Das Interesse war da, auch weil die Sportart den Laien schnell zugänglich war. Gegenüber anderen Disziplinen hielt die Spannung bis zum Schluss. Beim alpinen Ski ist es so, da sieht man im Kampf zwischen Lindsey Vonn und Maria Riesch sehr schnell, wer vorne ist. Bei uns geht es immer bis zum Schluss.

Das Geheimnis des Biathlons ist also...

... die Spannung, die in der Sportart selbst liegt. Die durchgehende Spannung vom ersten bis zum letzten Läufer.

Ihre Erfolgsgeschichte ist fast einmalig, wenn man sich die Erfolge anschaut, für die auch Sie verantwortlich sind. Unter Ihrer Leitung gewannen Martina Beck, Kati Wilhelm, Andrea Henkel und Magdalena Neuner den Gesamtweltcup und die Bilanz bei Weltcups und Olympischen Spielen ist ebenfalls enorm. Erklären Sie uns doch, was einen guten Trainer ausmacht und was er mitbringen muss.

Die Teamfähigkeit ist sehr wichtig, denn die Sportart ist aus vielen einzelnen Komponenten zusammengesetzt. Da gibt es die Physiotherapie, den Arzt, die Techniker, die Wissenschaftler und andere Trainer. Da macht keiner was alleine, sonst funktioniert es nicht. Da geht es bis zum Waffenmeister, der die Munition testen muss. Der Teamgedanke ist sehr wichtig. Zumindest für mich war es so, dass alle an einem Strang ziehen müssen. Wenn eine Größe nicht stimmt, ist das Gesamtergebnis infrage gestellt.

Biathlon ist also bei dem Aufwand nicht unbedingt für die Breite geeignet.

Als Breitensport ist er sicher nicht geeignet, denn alleine durch das Waffengesetz, mit der Möglichkeit schießen zu können, und dem finanziellen Aspekt ist es nicht ganz einfach. So ein Gewehr kostet alleine dreieinhalbtausend Euro. Ein Breitensport ist es nicht, aber wir sind gut aufgestellt und der Nachwuchs ist da. Man kann aber nicht einfach sagen, ab morgen mache ich Biathlon. Das geht vielleicht im alpinen Ski und im Langlauf.

Was muss ein Athlet können, um ein erfolgreicher Biathlet zu sein?

Es geht um den Leistungswillen, die Leistungsbereitschaft, eine klare Zielstellung und die Bereitschaft, auch auf viele Dinge zu verzichten. Nicht zuletzt geht es natürlich auch um persönliches Engagement. Denn in diesem Leistungssport sollte dies die einzige Zielstellung sein, wenn wir also von der Nationalmannschaft sprechen. Das sind die Grundbausteine.

Schaut man sich Magdalena Neuner an - gerade in ihrer Anfangszeit -, könnte man meinen, starke Langläufer würden gute Aussichten haben, auch im Biathlon gute Leistungen zu bringen.

Wir legen auch heute noch viel Wert auf die Laufleistung. Gerade im Damenbereich sieht man es an den Ergebnissen, die zwar in einer Komplexleistung erbracht wurden, aber generell eben von extrem guten Läufern. Kaisa Mäkäräinen, Magdalena Neuner oder Darya Domracheva sind die Akteure, die die schnellsten Laufleistungen bringen. Ich habe immer gesagt, eine von denen muss durchkommen. Die müssen am Start stehen und von der Laufleistung in der Lage sein, das Podest zu erreichen. Wenn dann eine am Schießstand mit einem guten Ergebnis durchkommt, dann ist sie auch oben. Wenn man eine Null schießt und trotzdem nicht oben ankommt, dann wird es schwierig zu sagen, morgen läufst du eine Minute schneller. Das passiert nicht.

Magdalena Neuner ist auch ein gutes Stichwort, denn die beste deutsche Starterin wird Ende der Saison ihre Karriere beenden und die Heim-WM in Ruhpolding soll der Höhepunkt werden. Was trauen Sie speziell ihr zu?

So wie sie im Moment drauf ist, traue ich ihr alles zu. Sie kann sicherlich mehrere Medaillen holen.

Wie gedenken Sie, diese große Lücke nach der Saison schließen zu können?

Das wird sicher nicht ganz einfach sein, aber wir werden auf die Suche gehen müssen. Auch nach den Ausnahmeathleten, die ihrer Altersklasse schon überlegen sind. Es reicht nicht mehr, nur normal gut zu sein. Man muss schon besondere Fähigkeiten mitbringen.

Wo findet man diese Athleten?

Man muss da nicht nur bei den Langläufern schauen, man könnte auch im Schülerbereich gute Leichtathleten finden. Kinder, die außergewöhnliche sportliche Fähigkeiten mitbringen und sich in dem Bereich ein wenig abheben. Das gibt es ja im künstlerischen Bereich mit den Spezialschulen auch, wo man die außergewöhnlichen Kinder weiter fördert und sich derer Entwicklung annimmt. Das wird bei uns nicht anders sein. Wir müssen auf die Suche gehen und sehen, wer diejenigen sind. Da denke ich, ist der Skiverband gut aufgestellt, da wir ein gutes Nachwuchskonzept haben. Ob diese Ausnahmeathleten dann gefunden werden, wird die Zeit zeigen.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht der Verlust für den Sport allgemein, da Magdalena Neuner eins der Zugpferde überhaupt ist?

Das kann man schwer abschätzen. Martin Schmitt und Sven Hannawald waren auch absolute Größen, auf die sich alles fokussiert hat und trotzdem ist es im Skispringen weitergegangen. Aber sie haben eine Lücke hinterlassen und so wird es auch bei Magdalena Neuner sein. Wie lange es dauert, um so ein Gesicht oder so eine Persönlichkeit wiederzufinden, kann man nicht sagen. Das muss sich auch ein Stück weit ergeben.

Gibt es denn schon Nachwuchsläuferinnen, die Sie im Auge haben?

Es gibt da schon Namen. Wenn man Franziska Preuß bei den Jugendspielen in Innsbruck nimmt, die schon wieder einen guten Eindruck hinterlassen hat. Das sind so Namen, die auftauchen und ihrer Altersklasse voraus sind. Da muss man hoffen, dass die körperliche und geistige Entwicklung so weiter geht. Wobei ich sagen muss, in den 23 Jahren, in denen ich jetzt Trainer bin, habe ich nur eine Magdalena Neuner gehabt und ich glaube auch nicht, dass solch eine Athletin so schnell wieder auftaucht.

Doch zunächst geht es darum, die vier WM-Titel aus dem vergangenen Jahr zu verteidigen. Haben Sie ein spezielles Ziel in Augenschein genommen?

Ich denke, wir hatten immer ein Ziel, das hieß, bei jedem Wettkampf mit Athleten an den Start zu gehen, die aus eigener Kraft eine Medaille erreichen können. Das wird auch so bleiben und wir werden immer um die Medaillen mitkämpfen. Es wird nicht einfach sein, denn die Menge der Athleten, die vorne auf die Plätze laufen können, ist bei den Damen weniger geworden - im Herrenbereich sieht das ein wenig besser aus. Wir werden aber nicht hinfahren, um nur teilzunehmen.

Insgesamt haben 45 Nationen gemeldet. Von welcher Seite aus erwarten Sie die härteste Konkurrenz für das deutsche Team?

Ich würde nicht so die Nationen in den Vordergrund rücken, sondern die Einzelpersönlichkeiten. Bei den Nationen vielleicht Russland im Herrenbereich und ansonsten die beiden Fourcades. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass zwar die Nationen melden, aber die Einzelpersonen das Maß aller Dinge sind. Ob das eben die Fourcades sind oder der Emil Hegle Svendsen bei den Norwegern. Bei den Schweizern ist es Benjamin Weger. Bei den Damen sieht es genauso aus und auf diese Einzelpersonen wird sich der Fokus legen.

Mit einem Armenier und einem Starter aus Neuseeland gibt es zwei Exoten zu bewundern. Was trauen sie diesen Sportlern zu?

Diese Athleten können vielleicht mal eine gute Platzierung schaffen, aber nicht im Medaillenbereich. Da hätten sie im Vorfeld schon Ergebnisse bringen müssen, die hätten aufhorchen lassen. Aber von Platz 40 auf Platz eins, das gibt es nicht. Ich will nicht sagen, dass es Einzelschicksale sind, aber meist doch kleine Familienunternehmen. Aber es sind da keine Nationen, sondern Einzelkämpfer, die es ohne Technikerteam, Arzt und Physios einfach schwer haben.

Die WM geht über insgesamt 13 Tage. Dabei werden 416 Sportler und 440 Offizielle sich in Ruhpolding aufhalten. Man kennt die Filme der Fußballer und Handballer, die bei Ihren Weltmeisterschaften Einblicke in den Tagesablauf gaben. Wie sieht das im Biathlon aus, was erwartet Sie in diesen knapp 14 Tagen?

Wir versuchen das seit Jahren so normal wie möglich zu machen. Ich sage immer, die Scheiben sind ja auf einmal nicht kleiner und die Strecken auch nicht länger. Warum soll man den Athleten also jeden Tag darauf hinweisen, dass eine Weltmeisterschaft ist? Das macht es im Kopf nicht einfacher. Deswegen versuchen wir, die Abläufe dem normalen Tagesablauf anzugleichen. Ob es die Essenszeiten oder die physiologische Betreuung ist. In der Normalität findet man mehr Ruhe, als wenn man sich jeden Tag vor Augen hält, dass man bei der WM ist.

Haben Sie auch spezielle Rahmenprogramme entworfen, damit die Athleten bei Laune bleiben? Und wie groß ist der Zusammenhalt untereinander - gerade zwischen den Herren und Damen?

Die sind untereinander schon viel zusammen, wir sind ja auch im gleichen Haus. Da sind sie Zimmer an Zimmer und es ergeben sich schon genügend Kontaktpunkte. Ob das beim Essen ist oder dann am Abend nochmal. Aber wir brauchen kein Rahmenprogramm. Denn die meisten Athleten werden alle Rennen gehen und dann ist es schon ein sehr hartes Programm, bei dem sie froh sind, wenn sie einen Ruhetag genießen können.

Zum Abschluss: Was ist Ihr persönliches Ziel, wie lange werden Sie noch als Bundestrainer arbeiten und auf welche Ziele arbeiten Sie hin?

Das Ziel ist eindeutig Sochi. Dass wir da noch einmal erfolgreich von den Olympischen Spielen weggehen, ist mein persönliches Ziel im Moment. Weiter will ich auch gar nicht denken, denn das ist Ziel genug. Alle weiteren Gedanken schließen sich nach den Spielen an. Aber in der Funktion werde ich so wohl nicht weiterarbeiten.

Das Interview führte Gunnar Beuth

sportal.de sportal

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