Jacques Rogge "Kleiner, stärker, fitter"


IOC-Präsident Jacques Rogge über die Zukunft der Olympischen Spiele und die Rolle des Sports in Zeiten von Terror und Krieg:

IOC-Präsident Jacques Rogge über die Zukunft der Olympischen Spiele und die Rolle des Sports in Zeiten von Terror und Krieg

Herr Präsident, werden Sie am 8. Februar in Salt Lake City die Olympischen Winterspiele auch dann eröffnen, wenn die Vereinigten Staaten noch gegen Afghanistan Krieg führen?

Ja. Denn dies ist kein Angriffskrieg der USA. Hier verteidigt sich eine internationale Koalition gegen Terroristen. Die Spiele dürfen nicht zum Opfer der Gewalt werden. Sie sind eine Antwort auf die Gewalt. Sie stehen als Symbol dafür, Menschen aus aller Welt im olympischen Dorf zusammenzuführen.

Soweit das Ideal. Aber das Risiko, dass die Spiele Ziel eines Terroranschlags werden, können Sie nicht bestreiten. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein?

Natürlich wirkt die Anwesenheit von so vielen Journalisten wie eine Einladung an Leute, die ihre Ideologie propagieren wollen. Aber wir haben die Risiken abgewogen und befunden, dass die Sicherheitsvorkehrungen ausreichen.

Salt Lake City als Hochsicherheitstrakt in Zeiten des Krieges - wäre diese Vorstellung das Ende der olympischen Idee, dass Frieden zu herrschen habe während der Wettkämpfe?

Der Gründer der modernen Spiele, Pierre de Coubertin, glaubte, dass der Sport der Welt den Frieden bringen kann. Aber er lebte in einer anderen Zeit, heute ist dies naiv. Die Religionen haben der Welt nicht den Frieden gebracht, die Regierungen auch nicht - wie sollte das ausgerechnet dem IOC gelingen? Wir können nicht mehr tun, als mit jedem Wettkampf ein Beispiel dafür zu geben, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen friedlich zusammenleben können. Und wir können nur die Politik bitten, das Symbol der Olympischen Spiele zu respektieren und für 17 Tage Frieden zu halten.

Sie selbst haben bereits als Athlet miterlebt, wie Terroristen bei Olympischen Spielen zuschlugen. Als Segler nahmen Sie 1972 in München teil, damals, als israelische Sportler ermordet wurden.

Ich war für das belgische Team in Kiel am Start. Während der Regatta hatte plötzlich ein Patrouillenboot das Boot der israelischen Kollegen gestoppt - wir hatten keine Ahnung, warum. Als wir zurück in den Hafen nach Schilksee kamen, hörten wir von dem Anschlag. Die Spiele wurden für einen Tag ausgesetzt ...

Wie haben Sie diese beiden Tage erlebt?

Ich war wie erstarrt. Elf Kollegen wurden umgebracht - waren die Spiele das wert? Ein paar Kameraden reisten ab, und sie hatten meinen großen Respekt. Ich war aus Egoismus geblieben. Ich hatte vier Jahre hart trainiert, und das sollte nicht umsonst gewesen sein. Aber die Stimmung hatte sich nach dem Anschlag völlig gedreht, auch bei mir. Heute sage ich: Die Entscheidung des IOC war richtig. Wären die Spiele abgebrochen worden, hätte man den Terroristen den Sieg überlassen. Und wer weiß, ob es dann je wieder Spiele gegeben hätte.

Aber jetzt führt die gastgebende Nation Krieg.

Der moralische Ausgangspunkt rechtfertigt es, die Spiele abzuhalten: Die USA und ihre Alliierten wollen kein Land erobern, sie wollen noch nicht einmal Ölquellen besetzen. Sie wollen die Freiheit verteidigen.

Ausgerechnet Afghanistan! 1980, nachdem die Sowjetarmee dort einmarschiert war, boykottierten die USA, die Bundesrepublik und andere westliche Nationen die Spiele in Moskau. Können Sie überhaupt verhindern, dass der Sport zum Spielball der Politik wird?

Natürlich steht der Sport unter dem Einfluss der Politik. Manchmal wird er missbraucht - von der Apartheid genauso wie von totalitären Regimen. Es gab den Boykott, den der damalige US-Präsident Jimmy Carter initiiert hatte, und vier Jahre später rächten sich die Kommunisten, indem sie den Spielen von Los Angeles fernblieben. Sport ist ein Teil der Gesellschaft, er leidet unter den gleichen Problemen: In der Gesellschaft wird betrogen - im Sport wird gedopt.

Die Tragödie von München hat Sie geprägt. Wie standen Sie zu den Spielen in Moskau?

Damals war ich Mannschaftsführer der Belgier, und ich habe sehr dafür gekämpft, dass wir nach Moskau fahren konnten. Aber eine Generation von Athleten wurde um ihre Chance betrogen. Thomas Bach, mein deutscher Kollege im IOC, wurde ein Opfer des Boykotts: Er durfte als Fechter nicht teilnehmen. Und das ist ein Jammer, denn der Olympiaboykott hat kein Problem in Afghanistan gelöst.

Auch die Sommerspiele 2008 in Peking werden politisch problematisch. Wie können Sie die olympischen Ideale glaubwürdig vertreten, wenn Sie gleich bei Ihrem ersten Besuch als Präsident in China erklären: Wir sind nicht der Wachhund für die Menschenrechte?

Wir sind eine Sportorganisation, die aus einem neutralen Land, der Schweiz, operiert und sich nicht in Politik im engeren Sinn einmischt. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Einhaltung der Menschenrechte in China zu überwachen. Dazu braucht man eine spezialisierte Organisation. Das kann Amnesty International, aber nicht das IOC.

Und was können Sie bewirken?

Wir bringen 25 000 akkreditierte Journalisten und so die Weltöffentlichkeit nach China - das wird die dortige Gesellschaft verändern. Der Chef der chinesischen Delegation hat ganz klar gesagt: Die Vergabe der Spiele nach Peking wird den sozialen Umbau beschleunigen. Aber erst am Ende des Weges werden wir sagen können, was sich getan hat.

Im schlimmsten Fall so wenig wie 1936 durch die Spiele in Berlin.

Henri de Baillet-Latour, der damalige IOC-Präsident, hatte Hitler gezwungen, jüdische Athleten teilnehmen zu lassen. Aber wir wissen, was nach den Spielen mit den Juden geschah.

Eben: Nach zweieinhalb Wochen waren die Spiele vorbei, das Ausland hatte Hitler hofiert, und die Gegner der Nazis waren entmutigt. Wie konnten sie dem deutschen Volk noch klar machen, dass dieser Mann ein Unglück war?

Die Spiele haben definitiv das Unheil nicht aufgehalten. Sie waren eine Oase ohne Diskriminierung jüdischer Sportler, aber sie haben den Lauf der Geschichte nicht beeinflusst. Andererseits das Beispiel Südkorea, 1988: Das Militärregime konnte den Studentenprotest nicht niederschießen, weil die Weltöffentlichkeit nach Seoul blickte. Widerstrebend mussten die Militärs Wahlen zulassen. Der heutige Staatspräsident saß vor den Spielen im Gefängnis.

Sie scheinen von der Zukunft Olympias überzeugt zu sein. Sie haben sogar Ihren einträglichen Beruf als Chirurg aufgegeben, um für mindestens acht Jahre einen unbezahlten Vollzeitjob zu übernehmen, und sind dafür von Gent nach Lausanne umgezogen. Was treibt Sie an?

Die Leidenschaft für den Sport. Als Segler hatte ich bis zu fünf Stunden am Tag trainiert, auch bei bitterer Kälte. Ich konnte auch damit kein Geld verdienen, ich bin im Amateursport aufgewachsen.

Das erklärt nur den Reiz, Sportler zu sein. Aber worin liegt der Reiz des Funktionärslebens?

Gut, ich könnte auch die nächsten Jahre als Chirurg die Anzahl meiner Operationen verdoppeln, dicke Zigarren rauchen und einen Bauch ansetzen. Aber dieses so genannte gute Leben interessiert mich nicht. Es gibt drei Arten, sich mit Sport zu befassen: ihn selbst zu treiben, Funktionär zu sein oder im Fernsehen zuzuschauen. Am liebsten wäre ich noch selbst Athlet, aber dafür bin ich zu alt. Also bleiben mir noch die beiden anderen Möglichkeiten. Und ich will den Sport gestalten.

Kommen Sie noch zum Segeln?

Ganz selten. Es kostet leider zu viel Zeit. Das letzte Mal saß ich im Frühjahr 2000 vor Sydney in einem Boot.

Sie haben früher auch in der belgischen Nationalmannschaft Rugby gespielt. Dieser Sport ähnelt dem Segeln wie Boxen dem Geigenspiel.

Ja, das ist Jekyll und Dr. Rogge. Rugby ist Aggression, kontrolliert durch klare Regeln.

Klare Regeln sind auch im Kampf gegen Doping nötig. Zum Amtsantritt haben Sie versprochen, energisch vorzugehen. Wann werden die Doping-Pässe eingeführt, die für jeden Athleten verzeichnen, wann er kontrolliert wurde?

Vor Salt Lake City werden wir das nicht mehr schaffen. Aber wenn es die internationale Anti-Doping-Agentur WADA beschließt, schreiben wir diese Pässe zwingend jedem Athleten vor, der an den Olympischen Spielen teilnehmen will. Wir dürfen da allerdings keinen Mythos aufbauen: Der Pass allein wird nicht die Lösung des Dopingproblems bringen. Genauso wichtig ist es, mehr zu kontrollieren und die wissenschaftliche Forschung zu intensivieren.

Weltweit wird mit Dopingsündern höchst unterschiedlich umgegangen, in manchen Ländern sehr lasch.

Deshalb werden wir die Sportminister bitten, sich zusammenzusetzen und die Dopinggesetze zu harmonisieren. Nur 30 Länder der Welt haben derzeit Dopinggesetze, 170 gar keine. Wenn du in Italien erwischt wirst, kommst du ins Gefängnis. In Frankreich oder Belgien dagegen wird der gedopte Athlet nicht strafverfolgt, sondern disziplinarisch durch seinen Sportverband bestraft. Dieses Modell bevorzugen wir.

In Sydney hat ein bislang unbekannter US-Leichtathlet eine Medaille gewonnen, obwohl er vorher positiv getestet worden war. Die amerikanischen Sportverbände decken ihn und verschweigen, wer er ist. Hat man Ihnen den Namen mittlerweile verraten?

Noch nicht. Wir haben die Amerikaner darum gebeten. Sie haben in einem langen Brief voller juristischer Formulierungen geantwortet, dass sie uns den Namen nicht nennen können. Wir akzeptieren das nicht. Ich will diesen Namen wissen!

Wenn Ihr Kampf gegen Doping Erfolg hätte, wäre auch die Zeit neuer Weltrekorde vorbei. Könnten Sie damit leben, obwohl das olympische Motto »schneller, höher, weiter« lautet?

Bei den Spielen zählt allein der Sieg. Zeiten und Rekorde interessieren mich nicht. Oder wissen Sie noch, mit welcher Zeit Carl Lewis die hundert Meter in Los Angeles gewonnen hat?

Olympische Spiele wurden immer gigantischer. Sie haben das Ende des Wachstums verkündet. Wie werden die Spiele der Zukunft aussehen?

Sie werden kleiner, stärker, fitter. Wir müssen die Kosten und den Umfang verkleinern. Es wird bei rund 300 Wettbewerben für 10 500 Athleten bleiben. Die Arbeitsmöglichkeiten der Medien werden wir nicht beschneiden, denn sie verbreiten die Spiele in die ganze Welt. Aber wir werden die Wettkampfstätten verkleinern, sie sind zu teuer: Während der Spiele könnten wir auch ein Stadion mit 200 000 Plätzen füllen, aber hinterher stünde es leer. Eine Arena mit 80 000 Plätzen reicht völlig aus.

In Sydney saßen zu viele Gäste der Sponsoren im Stadion, was der Atmosphäre nicht gut tat. Sie wollen die Arenen kleiner machen - finden die Wettbewerbe dann unter Ausschluss der Fans statt?

Wir müssen die Balance zwischen VIPs und Fans finden. Denn wir können nicht von der Wirtschaft Geld nehmen und ihr keine Tickets dafür geben ...

Mit weniger Geld kämen Sie nicht aus?

Wir brauchen das Geld der Wirtschaft. Sonst würden die Spiele wieder so unsozial wie zu den Zeiten unserer Väter: Damals waren sie eine Angelegenheit der reichen Länder wie Deutschland, Amerika, Belgien. Vor den sechziger Jahren konnten sich nur 60 Prozent aller Nationen die Teilnahme leisten. Heute können wir weltweite Spiele veranstalten, bei denen auch die Entwicklungsländer mitmachen: Wir zahlen den Athleten Reise und Unterkunft. Das Geld der Wirtschaft ist ein Segen für den Sport. Aber wir werden den Sponsoren nicht erlauben, dem Sport die Regeln zu diktieren. Und am Ende des Weges sollen auch diejenigen Kontinente Olympische Spiele ausrichten können, für die das heute noch zu anspruchsvoll ist: Afrika und Südamerika.

Wann wird es die ersten Spiele in Afrika geben?

Ich hoffe, dass ich sie noch erleben werde.

Interview: Detlef Hacke, Johannes Schweikle

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