Lance Armstrong Der unersättliche Sieg-Roboter

Er ist schon jetzt wieder der unumschränkte Star der Tour de France. Auch wenn die Rückkehr von Lance Armstrong bei vielen umstritten ist - eines ist klar: Das größte Radsport-Ereignis der Welt profitiert von seiner Präsenz. Seine Gegner wissen, dass die alten Verhältnisse wieder hergestellt sind.
Von Tom Mustroph, Montpellier

Wenige Männer nur können zugleich Freudenkreischen und entsetzte blutleere Gesichter erzeugen. Der Amerikaner Lance Armstrong gehört zu ihnen. Der Bus seines Teams Astana war nach dem historischen Zeitfahren von Montpellier, das den Rückkehrer Armstrong erst ins gelbe Trikot gespült, es ihm dann aber wieder entrissen hatte, von einer Meute jubelnder Fans umringt. Kameramänner mussten die Fähigkeiten von Rugby-Spielern entwickeln, um durch dieses wogende Menschenmeer zu dringen und jene Bilder zu produzieren, die das Ereignis erst zum Ereignis machen.

Aus den Gesichtern derjenigen, die vom Epizentrum der Begeisterung ein paar Schritte entfernt waren, wich hingegen das Blut. Die meisten Journalisten, Tour-Angestellten und auch viele Fahrer schüttelten nur mit dem Kopf. Selbst Fabian Cancellara, der doch das gelbe Trikot verteidigt hatte, war so blass wie es gewöhnlich Verlierer sind. Sie alle hatte die Erkenntnis durchdrungen: Die alten Verhältnisse sind wieder hergestellt.

Gewiss, Lance Armstrong ist ein Held. Ein Held wie aus Ilias oder Orestie. Er hat den Krebs besiegt und war danach stärker als jeder andere, der je ein Zweirad mit der Kraft seiner Beine voran getrieben hat. Mit seiner fulminanten Rückkehr nach drei Jahren Rennpause schreibt Armstrong die eigene Saga fort. In diese ist sogar ein raffiniertes erzählerisches Element eingebaut: Der Triumph ist da. Aber er ist nicht vollendet. Die Winzigkeit von 22 Hundertstel Sekunden fehlt an der feierlichen Übernahme des gelben Trikots, das sieben Jahre lang das bevorzugte Kleidungsstück des Texaners in Frankreich war. Die Spannung, ob Armstrong es auch im achten Jahr überziehen kann, oder ob er ihm nur so nahe wie überhaupt vorstellbar gekommen ist, bleibt erhalten.

Es gibt viele Zweifler

Nach der dritten Zeitnahme des Mannschaftszeitfahrens in Montpellier durfte sich Armstrong bereits als Sieger fühlen. Sekunde um Sekunde hatte der Astana-Express auf Saxo-Bank wettgemacht und Armstrong sogar um eine Sekunde ins gelbe Trikot gefahren. Doch am Ende waren Cancellara und Armstrong zeitgleich. Die Sekundenbruchteile aus dem Prolog von Monaco sprachen für den Schweizer. 22 Hundertstel trennen gewöhnlich im 100m-Lauf Sieger und Platzierte. In Frankreich gibt diese Differenz nach 438 km den Ausschlag. Nach menschlichem Dafürhalten ist dies ungerecht. Dem einst unersättlichen Sieg-Roboter Armstrong verleiht diese Konstellation nun auch eine Spur Tragik.

Dass Armstrong dennoch nicht uneingeschränkt als Held gefeiert wird, liegt daran, dass die aktuellen Beobachter dieses Schauspiels mittlerweile der Antike entwachsen sind. Es gibt keine uneingeschränkte Bewunderung epischer Helden, bei einem wie Armstrong hat sich das Instrument des Zweifels etabliert. Stellvertretend für dieses Zuschauersegment bezeichnete der frühere Präsident des Tourveranstalters ASO, Patrice Clerc, die Rückkehr des Lance Armstrong als "die Rückkehr des Zweifels".

Den Zweifel pflanzte Armstrong bereits während seines ersten Toursiegs vor zehn Jahren, als er den Gebrauch einer als Dopingmittel verbotenen Kortison-haltigen Salbe nachträglich mit einem wundgescheuerten Hintern erklärte und dank dieser laxen Aussage im Rennen belassen wurde. Die Zweifel bekamen weitere handfeste Nahrung, als zwei seiner Helfer Epo-Doping zugaben. Die im Hause der ASO erscheinende Sportzeitung "L'Equipe" schließlich fand 2005 - zeitgleich mit dem damaligen Karrerieende Armstrongs - heraus, dass eine aus Forschungszwecken vorgenommene Nachanalyse bei 1999 genommenen Urinproben des Amerikaners Spuren von Epo nachgewiesen hatte. Neue Zweifel nährte Armstrong in diesem Frühjahr selbst. Er ließ einen Dopingkontrolleur der französischen Antidoping-Agentur AFLD mit der Schutzbehauptung, er kenne ihn nicht, 20 Minuten vor der Tür warten. "20 Minuten reichen aus, um eine Infusion zu machen und die Spuren von Doping zu beseitigen. Das weiß jeder Arzt", erklärte am Rande der Tour Jean-Pierre Verdy, der Anti-Doping-Chefermittler AFLD.

Armstrong attackiert

Trotz dieses Wissens wurde Armstrong aber weiter zum Wettkampfbetrieb zugelassen. Wissen ist nicht gleichbedeutend mit einem juristisch gültigen Beweis. Wenn das Wissen aber nicht die Qualität eines Beweises erreicht, dann wächst in diesem Zwiespalt der Zweifel.

Ein französischer Journalist konfrontierte Armstrong in Montpellier mit der Aussage Clercs. Die Antwort des Amerikaners war eine Attacke. Clerc sei nur "sauer, dass er den Job verloren hat", behauptete Armstrong. "War die Tour in meiner Abwesenheit denn perfekt?", fragte er und wies darauf hin, dass Probleme beim Managment eines Unternehmens immer auch auf den Chef zurückzuführen seien. Da hat er Recht. Armstrong mochte in Frankreich umstritten sein. Die Tour profitierte jedoch immer von seiner Präsenz.

Die Zweifel an seiner eigenen Lauterkeit beseitigt er mit dem Hinweis auf die Fehler der anderen aber nicht. Ein Held ist er nur für jenen Teil des Publikums, der vom Zweifel nichts wissen will. Allen anderen weicht das Blut aus dem Gesicht.

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