Lance Armstrong Heiland und Leibhaftiger


Lance Armstrong will bei seinem Comeback nicht nur gewinnen, sondern der am häufigsten getestete Athlet werden. Bei seinem ersten Rennen in Australien feiern sie ihn. Doch der Dopingverdacht bleibt.
Von Martin Henkel

Am Dienstag geht er also wieder auf Tour. Es ist noch nicht die Tour, natürlich nicht, Lance Armstrong startet ja in Australien und nicht in Frankreich, aber es ist eine richtige Profirundfahrt. Und sein erster Test für die große Tour im Sommer. Schon am Sonntag hatte Armstrong ein professionelles Rennen bestritten. In Adelaide, Südaustralien, bestieg der siebenmalige Gewinner der Tour de France dreieinhalb Jahre nach seinem Abschied sein Rennrad und ließ sich im Peloton 31 Runden lang treiben. Nach 51 Kilometern überquerte er die Ziellinie der Cancer Council Classic, stieg aus dem Sattel und resümierte: "Das hat großen Spaß gemacht."

Jubel im Zielbereich und auf den Straßen: 135.000 Zuschauer säumten Adelaides Straßen, schließlich war ihnen versprochen worden, der Rückkehr einer Legende beiwohnen zu dürfen - wenn nicht sogar der Wiedergeburt eines Gottes. So hatte zuvor ein australischer Journalist bei der Präsentation Armstrongs zum Auftakt der am Dienstag beginnenden Tour Down Under die Erwartungen beschrieben. "Ganz so, als würde Jesus Christus wiedergeboren", hieß es wörtlich.

Rückkehr des Leibhaftigen

Armstrong sollte sagen, wie er das findet. "Ich glaube nicht, dass Jesus Christus auf ein Rad gestiegen wäre", antwortete er und erntete Lachen in der Pressekonferenz. Nur in den hinteren Reihen, da, wo Europas Journalisten Platz genommen hatten, verzog sich keine Miene. Denn was den einen die Wiedergeburt des größten Radsportlers der Neuzeit ist, erscheint manch anderen eher als die Rückkehr des Leibhaftigen.

Allein schon der Aufmarsch von 400 Reportern zum unbedeutendsten Rennen im Pro-Tour-Kalender des Weltverbands UCI lässt erahnen, mit welch weiterer Bürde der Radsport künftig leben muss - den hatten die Dopingskandale der letzten Jahre sowieso schon in die Knie gezwungen. Armstrong, der als Jungprofi eine Hodenkrebserkrankung überlebte, befindet sich auf einer gigantischen Mission: Er will die Welt zum Kampf gegen Krebs mobilisieren.

Elf Rennen will er fahren

Elf Rennen hat er dafür ausgewählt, darunter die beiden großen Rundfahrten Giro d'Italia und Tour de France. Dass er damit für seine Zwecke, seien sie noch so nobel, eine gesamte Sportart vor seinen Karren spannt, ficht ihn nicht an. Mit dem Hinweis, dass er bei seinem neuen Arbeitgeber, dem kasachischen Rennstall Astana, auf eine Gage verzichtet und werben dürfe wie alle anderen Teams auch, hat der Gründer der Krebsstiftung "Lance Armstrong Foundation" die Rechtmäßigkeit seines Vorhabens verteidigt.

Formal ist dagegen nichts zu sagen, doch es regt sich auch sonst kein Widerstand gegen den Egotrip des US-Amerikaners. Ungeachtet des Schattens, den Armstrong auf sämtliche Profis und ihre Teams wirft, preisen Verbände und Veranstalter dessen Rückkehr als die Wiederbelebung eines siechen Leibes. Weltverbandspräsident Pat McQuaid etwa jubelte: "Seine Rückkehr tut unserem Sport gut. Er bringt uns positive Publicity." Bei der Amaury Sports Organisation, Ausrichterin der Tour de France, äußerte sich der Jubel in beredtem Schweigen. Noch im Jahr 2005 hatte ihr Hausblatt "L'Equipe" den "Tourminator" erstmals nachweislich mit Doping in Verbindung gebracht. Sie veröffentlichte positive Testergebnisse seiner 1999 eingefrorenen Proben auf den Blutbeschleuniger Epo. Als Armstrong vergangenen September seine Rückkehr ankündigte, verschwieg die Tour-Zeitung ihre Enthüllungen.

Man ist auf Versöhnung aus. Mittlerweile spricht man sogar wieder miteinander, wie vor ein paar Tagen in einer Hotellobby in Adelaide. Und merkt dabei doch nicht, dass Armstrong alles ist, nur kein Heiland, der den Radsport von seinen Leiden erlösen könnte. Da mag er sich noch so vielen Antidopingprogrammen unterwerfen. Vier sollen es sein: die des amerikanischen Radsportverbands, der Weltantidopingagentur, der UCI und einem eigenen, erstellt vom renommierten Dopingexperten Don Catlin. Dessen Plan sieht vor, Armstrong zum "am häufigsten getesteten Athleten der Welt" zu machen, mit Tests alle drei Tage, deren Ergebnisse er im Netz veröffentlichen will. Nur, die Website ist immer noch nicht zugänglich. Und einen neuen Test seiner Blutproben von 1999, wie von der französischen Antidopingbehörde angeboten, stimmt Armstrong nicht zu, obwohl der seine oft beteuerte Unschuld endgültig beweisen könnte. Armstrong hat das Angebot als "Affentheater" zurückgewiesen.

FTD

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