NBA-Finals Mit Härte zum Ausgleich


Mit einer überragenden Defensivleistung glich Miami Heat die Siebener-Serie der NBA-Finals aus. Dirk Nowitzki half dem Gegner mit einer unterirdischen Wurfbilanz.
Von Helmut Werb, Los Angeles

"Vernichtende Niederlage?", schnauzte Dallas-Coach Avery Johnson einen Reporter an. "Das sind die NBA-Finals. Teams gewinnen hier!" Wohl gemerkt: Das war vor dem vierten Spiel, das Dallas mit erschreckenden 98:72 verlor. Vor einem Meer weißer T-Shirts, die das Miami-Publikum in Anlehnung an den heimischen Anfeuerungsruf "White Hot Heat" trug, machten die Heat da weiter, wo sie im Spiel Vier aufgehört hatten. Sie deklassierten eine offensichtlich demoralisierte Dallas-Mannschaft und glichen die Serie mit 2:2 Spielen aus.

Jetzt geht das Ganze wieder von vorne los. Dabei fing das Spiel an wie gehabt: Nach 15 Sekunden gelang dem gigantischen Miami-Center Shaquille O'Neal der erste Wurf, und 20 Sekunden später landete Shaqs Ellenbogen wieder mal an Dirk Nowitzkis Backe. Der erste Hinweis darauf, dass das vierte Spiel in der Best-of-Seven-Serie der NBA Endspiele deutlich körperbetonter sein würde als alle anderen zuvor. Miami-Coach Pat Riley hatte seine Mannschaft deutlich defensiver eingestellt, vor allem Nowitzki wurde diesmal härter ran genommen. Es dauerte ganze drei Minuten, bis der Würzburger Center der Mavericks sein erstes Fieldgoal erzielen konnte. Ein deutliches Zeichen, was noch kommen sollte.

"Passt auf Wade auf"

Shaq, der dieses Mal auch von harten Doppelteams nicht gestoppt werden konnte, und Team-Kollege Dwyane Wade, der das dritte Spiel dominiert hatte, zogen im Tandem auf und davon. Zur Hälfte des ersten Viertels lag Miami mit 16:12 vorne. Avery Johnson schien Fürchterliches zu ahnen und pfiff sein Team an der Seitenlinie an. "Ihr könnt euch hier verdammt-noch-mal nicht entspannen! Passt auf Wade auf", verzeichneten die TV-Kameras die Johnsonsche Tirade, aber auch die schien nicht zu fruchten: Die Mavs konnten in einem Spielzug selbst nach drei Offensiv-Rebounds den Ball nicht im Korb versenken.

Hinzu kam, dass Nowitzki immer mehr in der Versenkung verschwand. Die unzarte Kontaktaufnahmen von James Posey und dem NBA-Altstar Alonzo Mourning machten dem "Dirkster" so sehr zu schaffen, dass er sich erst mal setzen musste. Zu Ende des ersten Quarters führte Miami mit 30:25, und Dirk hatte gerade mal ein Fieldgoal erzielt. Nach einer Minute des zweiten Viertels versenkte Nowitzki einen 3-Punkte-Wurf, was Posey veranlasste, Dirk noch enger decken zu lassen.

"Diesel" spielt sich frei

Im Gegensatz zum schwächelnden Franken lief Shaq zu grosser Form auf. Acht Minuten vor der Pause spielte sich der "Diesel" langsam frei. Ihm gelangen ein, zwei Steals, er warf einige exzellente Pässe und kurz darauf war Miamis Vorsprung auf zehn Punkte angewachsen. Dirk traf keinen Korb mehr und - als wäre das noch nicht genug -Alonzo Mourning blockte noch einen von Dirks Hundertprozentigen am Korb ab. Nowitzki merkte ziemlich schnell, dass für ihn vom Tanzboden aus kein Blumentopf zu gewinnen war und verlegte sich darauf, gefoult zu werden. Seine wie immer perfekten Freiwürfe - und die Turnovers der Heat - hielten die Mavericks zumindestens noch auf Schlagabstand. Zum Ende er ersten Hälfte stand es 54:44 für Miami, Dirkster hatte gerade mal 13 Punkte geholt, und nur zwei davon waren Fieldgoals!

Es sollte noch schlimmer kommen für Dirkster und Kollegen. Nach der Pause feilte der erfahrene Pat Riley am Konzept, verstärkte die Defensive noch mehr und brachte Nowitzki fast zur Verzweiflung, der sich nach einem Shaq-Foul auch noch die Schulter verletzte, aber weiterspielen konnte. "Diesel" O'Neal hingegen zeigte dem Publikum, was man in seiner Welt unter Drehmonent versteht: mit einer bei seiner nicht unerheblichen Körperfülle fast unmöglichen Drehbewegung spielte er sich frei und machte einen der schönsten Körbe des Spiels.

Dallas mit Depressionen

Danach drehten die Mavs fast durch. Nach einem groben Jerry Stackhouse-Foul knallte Shaq in die Ränge und Miami registrierte ein 7.0 auf der Richter-Skala, das Spiel stand kurz vor einer handfesten Keilerei. "Meine Tochter geht da härter ran, wenn ich nach Hause komme", versuchte Shaq nach dem Spiel die Tätlichkeit herunterzuspielen. Aber immerhin reichte es, dass Pat Riley aufs Parkett rannte, um sein Riesenbaby von etwaigen Handgreiflichkeiten abzuhalten. Ganz nebenbei hatte Miami die Führung auf 20 Punkte ausgebaut. Gegen Ende des dritten Viertels zuckten die Mavs noch einmal kurz auf und zogen bis auf elf Punkte ran. Aber Dirk war ausgeschaltet, und das schien das gesamte Team in spielerische Depressionen zu stürzen.

Zu Beginn des vierten Viertels startete vor allem Devin Harris von den Mavs noch einen Aufbäumungsversuch, aber als Shaq in der achten Minute tatsächlich zwei seiner Freiwürfe verwandelte, war Dallas offensichtlich total genervt und stellte den Spielbetrieb vollkommen ein. Die letzten vier Minuten des Spiels - und beim Stand von 94:72 - verbrachten alle fünf Starter der Mavericks auf der Bank und weinten in die NBA-Merchandise-Handtücher: Ganze sieben Punkte scorte Dallas im vierten Viertel, ein Rekord in der NBA-Playoff-Geschichte. Am Schluss hatte Dallas eine 98:72 Packung erhalten, was vielleicht nicht ganz so dumm ist wie es scheint. So könnten sie die Endspiele im nun notwendig gewordenen sechsten (oder siebten) Spiel vor heimischen Publikum klar machen.

"Es kommen also noch drei Spiele!"

Dazu müsste allerdings einiges passieren: Dallas müsste Dwyane Wade stoppen, der mit 36 Punkten wieder mal von der Leine gelassen war. Die Mavericks müssten deutlich besser treffen als die in diesem Spiel gezeigten 31 Prozent Fieldgoal-Trefferrate. Und Dirk Nowitzki müsste aus dem selbst gewählten Exil auftauchen - mit nur zwei Fieldgoals im gesamten Spiel (bei insgesamt 16 lausigen Punkten, einen Punkt weniger als Shaqille O'Neal) mag er einen persönlichen Minusrekord aufgestellt haben.

"Wenn du so wenig triffst, kannst du eben kein Spiel gewinnen", zog Nowitzki nach dem Spiel das überraschend gescheite Fazit. Doch Coach Johnson sieht das nicht so eng. "Das hier ist eine Sieben-Spiele-Serie", knurrte er in die Mikrophone. "Es kommen also noch drei Spiele!"


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