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Olympia 2012: Das Ringen um die Ringe

Fünf deutsche Städte treten an für Olympia 2012 - ein Spektakel, das die Wirtschaft brummen lassen soll. Das ehrgeizige Ziel setzt verblüffende Kräfte frei.

Fünf deutsche Städte treten an für Olympia 2012 - ein Spektakel, das die Wirtschaft brummen lassen soll. Das ehrgeizige Ziel setzt verblüffende Kräfte frei.

Na also, es geht doch noch: Zuversicht in Hamburg und Leipzig, Optimismus in Stuttgart, auch in Frankfurt und Düsseldorf sieht man bester Dinge nach vorn. In diesen Städten gibt es Menschen, die Geld ausgeben, die investieren und die Wirtschaft voranbringen wollen. "Die Stimmung ist sehr gut", sagen sie und kämpfen weiter dafür, die Olympischen Spiele 2012 in ihre Stadt zu holen.

Raus aus Depression und Lethargie

"Das Thema Olympia ist zurzeit eines der wenigen, das die Leute aus ihrer Depression und Lethargie herauszieht", sagt Klaus Steinbach. Der 49-jährige Orthopäde und ehemalige Weltklasseschwimmer ist seit November des vergangenen Jahres Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Im Herbst 2012 könnte er sein zehnjähriges Jubiläum auf diesem Posten feiern - welch rauschende Party würde das werden, wenn zuvor eine der deutschen Städte mit Bravour die Olympischen Spiele ausgerichtet hätte.

Welchem Olympia-Bewerber drücken Sie die Daumen?

Der Tourismus lockt

1972 fand die größte Sportveranstaltung der Welt zum letzten Mal in Deutschland statt, in München; 1993 bewarb sich das NOK wieder, wollte die Spiele des Jahres 2000 nach Berlin holen - und scheiterte. München wurde, obwohl die Spiele nach dem Attentat auf israelische Sportler fast abgebrochen worden wären, als gelungenes Sportfest verbucht - die Stadt hatte vorher endlich die lange geplante U-Bahn graben dürfen und lockte dank der weltweiten PR durch die Fernsehübertragungen in den Jahren darauf viele Touristen an.

Olympia aber will nur dorthin, wo es auch willkommen ist. Die Kandidatur Berlins hingegen geriet zum Debakel: Es gab erheblichen Widerstand der Einwohner, die Organisatoren der Bewerbung produzierten Pannen und Skandale. Am Ende waren zwar 50 Millionen Euro verprasst, dennoch mussten die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei ihren Besuchen den Eindruck gewinnen, dass die Berliner keine rechte Lust auf die Spiele hatten. Olympia aber will nur dorthin, wo es auch willkommen ist.

Auf keinen Fall Durchschnitt

Aus Fehlern darf gelernt werden. "Wir können es uns nicht leisten, mit unserer Olympia-Bewerbung nur Durchschnitt zu sein", sagt NOK-Chef Klaus Steinbach. Also bemühen sich fünf Städte, Außerordentliches zu bieten. Fünf eigens gegründete Firmen suchen nach Sponsoren, sie geben Machbarkeitsstudien und Baupläne in Auftrag, sie verpflichten Sportler und andere Prominente als Olympia-Botschafter. Vor allem aber versuchen sie, die Menschen in ihrer Region für die Idee Olympia zu begeistern. Hamburg gab den Rathausmarkt für Beachvolleyball frei; in Frankfurt wurde die Halle des Hauptbahnhofs für einen Tag zur Basketballarena; Stuttgart bat seine Bürger zu einer La Ola durch die Innenstadt; Düsseldorf rief den 20. Dezember zum Olympia-Tag aus und ließ Schüler in der Region Rhein-Ruhr das Logo der Bewerbung mit bunten Pappen nachstellen; Leipzig forderte die Sachsen auf, 2012 Kilometer auf Ergometern zu strampeln für die Spiele 2012.

Vorgaben erfüllen

Doch Begeisterung allein reicht nicht - die Bewerber müssen die Vorgaben des IOC erfüllen. Für die 16 Tage dauernden Wettkämpfe in rund 30 Sportarten fordert das Komitee modernste Sportstätten. Rund 150.000 Sportler und Funktionäre und, an besonders ereignisreichen Tagen, mehr als 500.000 Besucher sollen ein bequemes Quartier finden, die Sportler zwischen Schlafstatt und Arenen möglichst kurze Wege haben. Das IOC legt auch besonderen Wert auf die "Rückführung" der Sportstätten und Unterkünfte - sie sollen anschließend weitergenutzt werden können.

Elfköpfige Abordnung des NOK

Um zu überprüfen, ob die fünf deutschen Bewerber auch im internationalen Kräftemessen bestehen könnten, schickte das NOK im Herbst vergangenen Jahres eine elfköpfige Abordnung durchs Land, im Gepäck lange Checklisten. Vor Ort hockten die Prüfer mit ihren Gastgebern in Arbeitsgruppen zusammen und ließen sich berichten von Beherbergungskonzepten und Verkehrsströmen, von geplanten Sportstätten und Erfahrungen mit Großereignissen. Sie machten sich Notizen, verteilten Punkte, behielten die Ergebnisse - so will es das Procedere - für sich.

Entscheidung am 12. April

Zum Abschluss einer jeden Visite trat nur Dieter Graf Landsberg-Velen, der Vorsitzende der Prüfungskommission, vor die Presse und lobte überschwänglich das gerade begutachtete Konzept. Und weil der Graf so großzügig war mit Superlativen, sind seit November fünf deutsche Städte fest davon überzeugt, zumindest aus der nationalen Ausscheidung als Sieger hervorzugehen. Bis zum 12. April dürfen sie weiter hoffen, dann trifft sich in München das NOK zu einer Sondersitzung, um den deutschen Kandidaten für die Spiele 2012 zu wählen.

Die Ergebnisse der Prüfungskommission dienen den im NOK versammelten Sportlern und Funktionären dabei allein als Orientierungshilfe. Klaus Steinbach sagt: "Eine deutsche Bewerbung hat nur einen Sinn, wenn wir den Kandidaten wählen, der international die größten Chancen hat." Das müssten alle Wahlberechtigten beherzigen - es sei verkehrt, nur einem besonders schönen Olympiastadion den Zuschlag zu geben.

Die Sportarten beeindrucken

Darüber hinaus gilt es für die Kandidaten vor allem, die 32 Vertreter der Olympischen Sportarten zu beeindrucken, deren Stimmen beim Votum in München je dreifach zählen. In Leipzig fand das Deutsche Turnfest statt, Stuttgart richtete die Meisterschaften im Amateurboxen aus, Hamburg bat zum Finale um die Meisterschaften im Degenfechten in einen Kinosaal. "Das war eine tolle Veranstaltung", sagte Claudia Bokel, die den Einzelwettbewerb der Damen gewann und als eines der so genannten Persönlichen Mitglieder des NOK am 12. April mit entscheidet. Ein Bekenntnis zur Hansestadt? Wer weiß das schon. Bokel focht in Tauberbischofsheim und lebt in Bonn. Warum sollte sie bei der geheimen Abstimmung ihre Stimme nicht Stuttgart oder Düsseldorf geben?

Zweifelhafte Studien

Für Unruhe bei den Bewerbern sorgten zum Ende des vergangenen Jahres Studien, die sich über die Chancen der Städte ausließen. Gleich zwei Untersuchungen sahen Düsseldorf vorn. Kein Wunder: Eine hat die Universität Münster erstellt, die andere die Unternehmensberatung Roland Berger, beauftragt vom Land Nordrhein-Westfalen. Dirk Thärichen von "Leipzig, Freistaat Sachsen und Partnerstädte" bleibt gelassen: "Das ist ein Geplänkel, wie es vor jeder Wahl üblich ist." NOK-Chef Steinbach fordert Zurückhaltung, denn in der Phase der nationalen Ausscheidung ist es den Bewerbern nicht gestattet, Trendmeldungen zu veröffentlichen und damit überregional für ihre Sache zu werben: "Zu dem Thema haben wir schon Post vom IOC bekommen."

Und so verteidigt Heinz-Jürgen Weiss vom Olympia-Förderverein "Frankfurt Rhein Main 2012" sich und seine Studie, die nicht nur der Stadt Frankfurt beträchtlichen Gewinn verspricht: "Wir mussten unsere Zahlen vorab veröffentlichen, denn unser Magistrat wollte über eine Bürgschaft für eine eventuelle internationale Bewerbung abstimmen und wissen, was dabei rumkommt." Das Ergebnis, das Weiss zusammen mit dem Sportökonom Holger Preuß ermittelte: Olympia ließe Investitionen von bis zu 5,1 Milliarden Euro in die Äppelwoi-Region fließen, und Deutschland bescherten die Spiele ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 9,4 Milliarden Euro.

"Olympische Spiele sind eine hochriskante Investition"

Der Wirtschaftswissenschaftler Gert Wagner von der TU Berlin mag solchen Zahlen nicht glauben. "Olympische Spiele sind eine hochriskante Investition", sagt er. "Zunächst einmal profitieren vor allem die Firmen, die für die Bewerbung arbeiten." Seriöse Hochrechnungen über den Ertrag einer solchen Veranstaltung ließen sich vorab nicht anstellen, zumal das IOC die Fernsehrechte für 2012 noch nicht vergeben habe. Ein Spielverderber aber will auch Wagner nicht sein: "Wir geben für so viel Blödsinn Geld aus, warum sollten wir uns nicht ab und zu auch mal Olympische Spiele leisten?"

Über 30 Millionen Euro lassen sich die fünf Kandidaten ihre Bewerbungen kosten, und das Geld, da sind sie sich einig, ist gut angelegt. Trotz allgemeiner Sparsamkeit blieben in ihren Städten und Gemeinden die Etats für Sport konstant oder wurden gar erhöht. Es gab mehr Geld für die Nachwuchsförderung, und es fanden mehr Sportveranstaltungen als sonst statt.

Die Leichtathleten in Hamburg sollen eine lang ersehnte Halle bekommen, den Schülern ist eine dritte Sportstunde pro Woche versprochen worden, die Grundschüler in Baden-Württemberg dürfen sich über eine tägliche Bewegungsstunde freuen. Hans-Jürgen Weiss will festgestellt haben, dass die Städte um Frankfurt herum ihre sonstige Rivalität vergessen und sich gemeinsam um ein Ziel bemühten. Und Dirk Thärichen sagt: "Die Bewerbung hat dem Selbstbewusstsein der Sachsen sehr gut getan."

Gut investiertes Geld

Auch der oberste Olympia-Werber Steinbach hält das Geld für gut investiert. "Es ist ja keineswegs so, dass die deutsche Bevölkerung bluten muss, damit Olympia passieren kann", sagt er. "Die Pläne zur Veränderung der Infrastruktur existieren in den Städten ohnehin schon. Sie könnten durch Olympia nur in erheblich schnellerer Zeit umgesetzt werden." Die Olympischen Dörfer in Hamburg, Stuttgart und Frankfurt würden auf Industriebrachen entstehen, neue Wohngebiete sind dort sowieso geplant.

Beeindruckende Mitbewerber

Gegen wen die deutsche Stadt, die sich am 12. April durchsetzt, auf internationaler Ebene antreten muss, wird frühestens im Sommer feststehen. Die Liste der möglichen Mitbewerber liest sich schon heute beeindruckend. Für die USA tritt New York an, als einer der Favoriten gilt Toronto, und selbst wenn London wegen finanzieller Probleme verzichten sollte, gibt es mit Paris, Moskau, Madrid und Rom allein in Europa starke Konkurrenten.

Ob Hamburg, Düsseldorf, Leipzig, Stugttart oder Frankfurt: Der deutsche Kandidat wird es bei der endgültigen Entscheidung 2005 schwer haben. Weil ein Jahr darauf in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, gilt es als weniger wahrscheinlich, dass Funktionäre aus aller Welt Deutschland erneut den Zuschlag für ein sportliches Großereignis geben. Dass viele deutsche Sportverbände in ihren internationalen Dachorganisationen nur schwach vertreten sind, verbessert die Aussichten nicht gerade.

Die Aufgabe eines NOK-Präsidenten ist es aber, auch an die kleinste Chance zu glauben. "Wir sind als gute Gastgeber und Veranstalter bekannt", sagt Klaus Steinbach. 2005 hat das IOC möglicherweise gerade chaotische Spiele in Athen überstanden, überdimensionierte Spiele in Peking stehen 2008 bevor. Der IOC-Präsident Jacques Rogge und seine Mannschaft sind gegen einen Gigantismus angetreten, der die Kosten und den Rahmen der Spiele explodieren ließ. Darauf baut Steinbach: "Natürlich stehen wir in einem knallharten Wettbewerb", sagt er. "Aber ich bin felsenfest überzeugt, dass wir eine gute Chance haben. Und deshalb sollten wir die Sache auch selbstbewusst angehen."

Alf Burchardt / print

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