Olympiastadt Turin Schön, streng und unterkühlt


Die Welt wird auf Turin blicken, wenn die XX. Olympischen Winterspiele in der italienischen Stadt zu Gast sind. Die Stadt präsentiert sich schön, "un-italienisch" und schnelllebig. Doch eine bange Frage bleibt: Kann Olympia in Turin die Herzen erwärmen?

Der schönste Platz Turins ist die Piazza Castello: strenge, barocke Pracht, im Hintergrund der Königspalast. Tagsüber brandet der Verkehr, während der Olympischen Winterspiele wird er abends verbannt. Ein Kultur- und Musikprogramm mit internationalen Künstlern soll das Publikum einstimmen. Punkt acht Uhr werden die TV-Kameras an- und alle Welt zugeschaltet. Fanfaren erklingen, Nationalhymnen werden gespielt, Hände geschüttelt: Medaillenvergabe. Kein Zweifel, der weite Platz gibt einen würdevollen, einen prächtigen Rahmen ab. Doch nach Schnee riecht es hier nicht, die Berge sind nur am Horizont zu sehen. Die bange Frage lautet: Wird in der Metropole Turin das rechte Flair für Winterspiele aufkommen?

Turin - das ist die Industriestadt Italiens, 900.000 Einwohner, Hauptstadt des Piemont, Stammsitz des Königshauses der Savoyer und des krisengeschüttelten Autobauers Fiat. Turin, das ist die nördlichste, die kühlste Metropole Italiens: Die Passanten auf der Via Roma, der schicken Einkaufstraße einen Steinwurf vom Bahnhof und der Piazza Castello entfernt, gehen schneller, entschlossener als die Menschen ín Rom oder Florenz, ihr Gang ist zügig und zielstrebig. Von südlicher Leichtiglebigkeit ist hier wenig zu spüren. Turin, das ist die Stadt der Effizienz und der Industrie. "Sogar die Straßenbahnen fahren hier pünktlich", heißt ein Bonmot. Kein Wunder, dass die Piemontesen als die "Preußen Italiens" gelten.

Turine Understatement

Effizienz bringt Vorteile. Keiner der 5000 anreisenden Sportler und Funktionäre braucht sich ernsthaft um das reibungslose Funktionieren zu sorgen: Die Wettkampfstätten sind längst getestet, die Eröffnungsfeier im renovierten Stadio Comunale eingeübt. Die meisten Wettkampfstätten liegen um das riesige Fiat-Gelände und sind keine Neubauten, sondern runderneuert. Auch in Turin und in Italien herrscht Ebbe in den Kassen, aber der Verzicht auf aufwendige Neubauten, spektakuläre Architektur und "Gigantismus" passt auch gut zum Turiner Understatement.

Bei gutem Wetter, bei klarer Sicht, wenn nicht winterlicher Nebel über der Stadt und der Poebene liegt, schweift der Blick weit - dann strahlt der Kranz schneebedeckter Berge am Horizont. Fast 100 Kilometer entfernt sind Sestriere, Pragelato, Cesana, San Sicario und Bardonecchia, die Austragungsorte der alpinen und nordischen Skirennen sowie der Bob- und Rodelwettbewerbe.

Alternative zum traditionellen Postkarten-Idyll

Auch in Sestriere kommt man an Fiat nicht vorbei. Die Autofamilie Agnelli hat den Ort noch vor dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft. Aus dieser Zeit stammen auch die drei runden Hoteltürme. Sie waren damals ultramodern, heute muten sie eher wie Bausünden an - und gehören zum Athletendorf. Auch ansonsten dominiert die Architektur einer Retorten-Skistadt, ein Idyll ist Sestriere sicher nicht.

Zurück nach Turin, der schönen, strengen Metropole mit den breiten Straßen, die in der Innenstadt alle parallel laufen. Gänzlich "un- italienisch", wie das Muster eines Schachbretts, ist Turin angelegt. Besonderes Merkmal sind die Arkaden der Innenstadt, die zum Flanieren einladen - und das auf einer Gesamtlänge von sage und schreibe 18 Kilometer. "Spiele in einer von Bergen umgebenen Großstadt als Alternative zum traditionellen Postkarten-Idyll vom Typ Heidi" - so vollmundig hatten sich seinerzeit die Olympia-Bewerber vernehmen lassen. Wenn abends auf der Piazza Castello die Medaillen vergeben werden, wird es sich zeigen: Kann Turin auch die Herzen erwärmen?

Peer Meinert/DPA DPA

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