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Porträt: Klöden schlüpft in Ullrichs Rolle

Der Tag der Wahrheit bei der Tour de France: Auf der Königsetappe will Andreas Klöden zeigen, dass er der neuen Kapitänsrolle im Team gerecht wird. Für den Ullrich-Freund steht aber auch seine Zukunft auf dem Spiel.

In den vergangen Jahren war die Rechnung simpel: Drei Mal fuhr Lance Armstrong bei der ersten Bergankunft der Tour de France als erster über die Ziellinie. Nur 2000 und 2003 ließ er sich von den Spaniern Otxoa und Mayo überraschen, rollte aber kurz danach ins Ziel. Die Konkurrenz wusste früh, wohin die Reise unter Führung des umstrittenen Seriensiegers aus Texas ging. Nach dem Rücktritt Armstrongs im Vorjahr und dem Schock der Suspendierung dreier Anwärter auf den Toursieg 2006 ist alles anders. "Wer gewinnt die Tour?" fragte die "L’Équipe" am Mittwoch einen Tag vor der "Königsetappe" auf den 1860 Meter hohen Puerto de Beret auf der spanischen Seite der Pyrenäen.

Das Zentralorgan der Tour stellte die Topkandidaten vor und reihte Andreas Klöden von T-Mobile hinter Floyd Landis auf dem zweiten Rang ein. Und auch das Team T-Mobile zeigte an seiner Strategie während der ersten Bergetappe, dass es auf den Ullrich-Freund setzt. Denn normalerweise ist es üblich, dass der Mann im gelben Trikot im Schutze der anderen über die Serpentinen rollt. Gestern zeigte sich aber, dass Sergej Gontschar für Klöden arbeiten musste. Obwohl Gontschar nach der Etappe noch immer einen Vorsprung von 1:50 Minuten auf Klöden hat.

Klöden ist die bessere Partie

Der Ukrainer, der im vergangenen Jahr ins Team geholt wurde, um Kapitän Jan Ullrich bei der Tour zu unterstützen, ist jedoch schon 36 Jahre alt. Dem Weltmeister des Jahres 2000 traut man die Fähigkeit, am Ende der Tour ganz oben auf dem Podium zu stehen, doch nicht mehr zu. Zudem ist es für den deutschen Sponsor natürlich von Vorteil, wenn er einen deutschen Helden vermarkten kann.

Nichtsdestotrotz wuchs Andreas Klöden in den letzten Tagen auch sportlich in die Rolle des besten Fahrers im Team. "Die Möglichkeit, dass Andreas die Tour gewinnen kann, lag immer im Nebel vor uns. Jetzt lichtet sich der Nebel. Wenn Andreas auf der Königsetappe vorne mitfährt, wird er sich zu seinen Perspektiven klar äußern", sagte sein Trainer Thomas Schediwie, der den Trainings-Notfallplan für Klöden nach dessen Schulteroperation im März ausarbeitete und mit dem Toursieg krönen will.

Favoriten kämpfen am Tourmalet

Ob er die Rolle, die ihm nun im Team zugedacht wird, erfüllen kann, wird sich spätestens heute bei der Königsetappe der Tour de France zeigen. Fünf Berge müssen erklommen werden, darunter der Pyrenäenriese Tourmalet. Der Tag endet für die Profis auf der Bergstation Val d’Aran. Derzeit ist Klöden Neunter. 50 Sekunden vor ihm auf Rang fünf rangiert derzeit sein Hauptkonkurrent Floyd Landis, wenn man der "L’Equipe" glaubt.

Doch hinter ihm auf den Plätzen 10 bis 16 lauern weitere Fahrer, die man zum engsten Favoritenkreis zählen darf: Auf Platz elf liegt derzeit der Australische ehemalige Mountainbiker Cadel Evans, Kapitän der belgischen Equipe Davitamon-Lotto. Ebenfalls stark eingeschätzt wird David Zabriskie. Der Amerikaner wird derzeit als Basso-Ersatz beim dänischen Rennstall CSC gehandelt.

Auf dem 13. Rang lauert Markus Fothen, ein deutsches Talent, das derzeit für das deutsche Team Gerolsteiner im Weißen Trikot durch Frankreich fährt. Er könnte die große Überraschung der Tour werden. Auch das amerikanische Team Discovery Channel hat noch einen Kandidaten im Rennen. Paolo Savoldelli liegt 20 Sekunden hinter Klöden. Der Italiener gewann bereits zweimal den Giro d’Italia. Auch die holländische Mannschaft Rabobank hat seinen Kapitän Denis Menchow auf Platz 16 gut platziert. Der Russe fährt schon zum sechsten Mal bei der Tour mit und wurde 2003 bester Nachwuchsfahrer.

Pokern um einen neuen Vertrag

Der Wahlschweizer war schon immer dann besonders gut, wenn es um einen neuen Vertrag ging. Sein Kontrakt bei T-Mobile läuft zum Saisonende aus. Klöden kann sich in die Nachfolger-Position seines gestrauchelten Freundes Jan Ullrich fahren. Durch eine komplizierte Operation nach einem Sturz konnte Klöden im Frühjahr nur wenig Wettkämpfe absolvieren. Aber das muss nicht von Nachteil sein. Schon im Vorjahr bewies der 31-Jährige in Frankreich bis zu seinem Ausstieg nach einem Kahnbeinbruch in der Hand, dass er wie kein Zweiter nach Verletzungen in Rekordzeit wieder auf Touren kommt.

Die Pole-Position in der Favoritenliste der "L’Équipe" hält der ehemalige Armstrong-Helfer Landis, der seinen prominenten Landsmann zu dessen Tour-Erfolgen 2002, 2003 und 2004 pilotierte. Trotz des Handicaps durch einen Hüftschaden, der ihn wahrscheinlich zum Einsatz einer Prothese am Ende des Jahres zwingen wird, spricht im Moment viel für Landis. "Natürlich habe ich wie alle vor Beginn der Bergetappen Zweifel. Aber bisher lief alles optimal - ich fühle mich gut", sagte der Kapitän des Schweizer Phonak-Teams mit Blick auf die Pyrenäen.

Plötzliche Tempoverschärfungen am Berg, wie sie Armstrong oder Basso im Blut lagen, sind zwar nicht die Stärke von Landis. "Aber meine direkten Konkurrenten besitzen diese Qualitäten wohl auch nicht", bemerkte der Rundfahrer des Frühjahrs, der die Kalifornien- Tour, Paris-Nizza und die Georgia-Tour gewann.

aja mit DPA

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