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RADSPORT: »High« über die Alpen

Italien hat schockiert auf die neuesten Entwicklungen im größten Skandal in der Geschichte des Giro d'Italia reagiert. Die 84. Rundfahrt versinkt im Doping-Sumpf und könnte die in vier Wochen beginnende Tour de France mit in den Strudel ziehen.

Italien hat am Samstag schockiert auf die neuesten Entwicklungen im größten Skandal in der Geschichte des Giro d'Italia reagiert. Die 84. Italien-Rundfahrt versinkt im Doping-Sumpf und könnte die in knapp vier Wochen beginnende Tour de France mit in den Strudel ziehen. Telekom-Team-Manager Walter Godefroot befürchtet, dass die Tour-Organisatoren nach den Vorkommnissen beim Giro die Liste ihrer fest nominierten 21 Teams noch ein Mal durchgehen müssen: »Vielleicht können manche nicht starten.«

Italien hat am Samstag schockiert auf die neuesten Entwicklungen im größten Doping-Skandal in der Giro-Geschichte reagiert. Beim bislang Zweitplatzierten Dario Frigo fand die Polizei bei der Razzia Dopingmittel. Sein Team Fassa Bortolo zog den 27-jährigen Italiener daraufhin am Freitagabend vom Giro zurück und entließ ihn fristlos. »Das war für einen gewissen Teil des Radsports der Todesstoß«, beurteilte Giancarlo Ceruti, der Präsident des italienischen Radsportverbands, die dramatischen Ereignisse.

Frigo und Gotti nur Spitze des Eisberges

Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Padua gegen den zweimaligen Giro-Sieger Ivan Gotti und fünf Mitglieder des Liquigas-Pata-Teams wegen Dopingvergehen ermittelt. Der Weltranglisten-Zweite Davide Rebellin sei allerdings nicht betroffen. Den Fahrern drohen nach dem neuen Dopinggesetz bis zu drei Jahre, den Betreuern bis zu sechs Jahre Gefängnis. »Frigo und Gotti sind nur der Anfang einer Lawine, die den gesamten italienischen Radsport mitreißen wird«, kommentierte »La Repubblica« am Samstag.

Frigo wurde die Razzia gegen alle 20 Teams in San Remo zum Verhängnis. In seiner Tasche fanden die Fahnder verschiedene Dopingmittel. Gegenüber seinem Teamchef Giancarlo Ferretti gab Frigo den Besitz der Dopingmittel zu. »La Repubblica« zitierte aus einem Brief Frigos an seinen Trainer: »Es war die wichtigste Etappe, ich wollte gewinnen«. Die Fahnder hatten bewusst am Vorabend einer schweren Bergetappe zugeschlagen.

Frigo sprachlos

»Frigo hat uns und alle andere betrogen«, schimpfte Giancarlo Feretti, der selbst wegen Verstrickung in Dopingvergehen seinen Beruf zeitweise nicht ausüben durfte, in einem Verfahren aber freigesprochen wurde. 1997 war beim Giro die Polizei gegen sein Team Technogym wegen Dopings vorgegangen. »Dario ist am Boden zerstört«, sagte Frigos Frau. Er selbst ließ über das Fernsehen eine kurze Mitteilung verbreiten: »Ich bin jetzt nicht in der Lage zu reden. Ich möchte mich nicht aus meiner Verantwortung stehlen. Ich muss darüber nachdenken, was da passiert ist.«

Die wegen ihres Großeinsatzes mit über 200 Beamten kritisierte Dopingrazzia scheint ein voller Erfolg gewesen zu sein. »Wir haben interessantes Material gefunden«, teilte die federführende Staatsanwaltschaft Florenz mit. Erste Namen werden frühestens Montag erwartet. Bis jetzt seien erst Ermittlungen gegen zwei von 20 Teams abgeschlossen gewesen, dabei seien bereits bei drei Personen Verstöße gegen das Dopinggesetz festgestellt worden.

Staatsanwaltschaft ermittelt schon seit Monaten

Weiter ist die Staatsanwaltschaft Padua, die seit drei Monaten Dopingsünder im Visier hat. So sei Gotti während des Giro beschattet worden. Als er und seine Kollegen vom Team Allessio auffällig häufig in den späten Abendstunden ein Wohnmobil in der Nähe ihres Hotels aufsuchten, schlugen die Fahnder zu. Bei der Durchsuchung fahnden sie Gottis Schwiegereltern und eine große Menge verschiedener Doping- Präparate. Nach Angaben der »La Repubblica« gab Gottis Schwiegervater sofort zu, dass die Präparate dem zweimaligen Giro-Sieger gehörten.

Der in der Gesamtwertung führende Gilberto Simoni war fassungslos: »Ich hoffe, dass dieser Giro bald vorbei ist«. Nach Frigos Ausscheiden ging Simoni am Samstag als Top-Favorit auf die entscheidende vorletzte Bergetappe von Busto Arsizio nach Arona. Von dem neuen Zweiten Abraham Olano trennten Simoni 4:16 Minuten - der Gesamtsieg des Italieners am Sonntag in Mailand erscheint als sicher. »Das Fest aber ist ruiniert«, titelte die »Gazzetta dello Sport«.

»Die Vorkommnisse schaden dem Radsport. Wir sind normale Sportler und keine Verberecher«, ließ Jan Ullrich auf seiner Homepage wissen. Godefroot steht »100 Prozent hinter der Arbeit der Ermittler«. Der Sport habe »Vorbild-Funktion für die Jugend«, das Vorgehen gegen Doping könne nicht »streng genug sein«. Allerdings stellte der Belgier auch andere Sportarten an den Pranger: »In Roland Garros bestreitet eine Heroinabhängige das Finale, Maradona war Kokainabhängig - wir leben leider in einer solchen Gesellschaft. Das Drogen-Problem ist allgegenwärtig und in keiner anderen Sportart wird so kontrolliert wie im Radsport.«

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