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Rhein-Neckar Löwen: Untergang im Größenwahn

Der Däne Jesper Nielsen hat Großes vor: Der Mitbesitzer der Rhein-Neckar Löwen will das Mannheimer Handball-Team zum besten der Welt machen - und droht gnadenlos zu scheitern. Rekordtrainer Noka Serdaruisc sagte jetzt aus gesundheitlichen Gründen ab. Außerdem hagelte es Absagen von Spitzenspielern.

Von Erik Eggers

Dienstagabend sickerte die Nachricht, die alles verändert, allmählich durch. Thorsten Storm, der Manager des Handballbundesligisten Rhein-Neckar Löwen, hatte nach und nach die Profis und deren Berater informiert, dass sich der Klub fortan um einen neuen Trainer kümmern muss: Noka Serdarusic, der im Juli 2009 seinen Dienst antreten sollte, hatte um die Auflösung des Dreijahresvertrags gebeten.

"Aus gesundheitlichen Gründen kann ich nun doch nicht auf die Trainerbank zurückkehren", wird Serdarusic in einer Presseerklärung der Löwen zitiert. "Mir geht es zur Stunde so dreckig, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch mal als Trainer arbeite oder ob ich mich gezwungenermaßen zurückziehen werde", erklärte Serdarusic gegenüber dem Sportinformationsdienst. Auch seelisch sei er angeschlagen.

Damit ist das ehrgeizige Projekt der Löwen, schon bald laut ihrem dänischen Gesellschafter Jesper Nielsen "zur besten Mannschaft der Welt" aufzusteigen und Klubs wie den THW Kiel und BM Ciudad Real zu verdrängen, vorerst gescheitert. Vor allem Serdarusic hatte die großen Hoffnungen der Löwen, die unter anderem vom Sohn des SAP-Gründers Dietmar Hopp finanziert werden, personifiziert. Die Fachkenntnis des mit elf deutschen Meisterschaften erfolgreichsten Trainers der Bundesligageschichte ist legendär.

Kein Wunder, dass die Nachricht einschlug wie eine Bombe. Manch Profi vermutete zunächst einen bösen Scherz, denn zuletzt war von guten Fortschritten bei der Rehabilitation Serdarusics die Rede gewesen. Die Knieoperation im Januar sei gut verlaufen, hieß es stets, und die Bandscheibenoperation aus dem letzten Jahr war lange kein Thema mehr. Noch im Dezember, als der Vertrag besiegelt wurde, hatte Serdarusic sich angriffslustig wie eh und je gezeigt. "Ich will schon versuchen, die Spitze anzugreifen - und damit zwangsläufig auch den THW", sagte Serdarusic. Dazu brauche er "leistungsorientierte, erfolgshungrige Spieler".

Doch die Sache gestaltete sich schwieriger als erwartet. Viele Spieler, die auf der Einkaufsliste des neuen Coachs standen, waren dann doch nicht zu bekommen. Der deutsche Nationalspieler Holger Glandorf etwa, den Serdarusic lange mit Telefonaten bearbeitet haben soll, entschied sich für einen Wechsel zum TBV Lemgo. Ein harter Schlag für die Löwen, denn hochkarätige Rückraumlinkshänder sind ein rares Gut. Wie schwer der Rückschlag wog, dokumentierte ein Interview des just verpflichteten Stars Olafur Stefansson, er werde sich die Position mit Glandorf teilen. Dieses Versprechen konnten die Löwen dem Isländer, der spektakuläre 40.000 Euro netto monatlich in Mannheim verdienen soll, letztlich nicht erfüllen.

Weitere Profis betrachten das ambitionierte Löwen-Vorhaben offenbar mit großer Skepsis: Angeblich soll auch Kiril Lazarov (RK Zagreb), der mazedonische Torschützenkönig der WM in Kroatien, auf Anfrage abgewinkt haben. Die drei dänischen Nationalspieler Michael Knudsen, Thomas Mogensen (beide SG Flensburg) und Torwart Kaspar Hvidt (FC Barcelona) lehnten finanziell attraktive Angebote ab. Knudsen sagte der dänischsprachigen Zeitung "Flensborg Avis", er glaube nicht an die Versprechungen des Löwen-Gesellschafters Nielsen.

Die Löwen sollen auch beim serbischen Wundertorhüter Arpad Sterbik (Ciudad Real) angefragt haben. Beim spektakulärsten aller diskutierten Transfers spielte Nielsen eine nicht unerhebliche Rolle. Während der WM in Kroatien erklärte der Chef eines Schmuckkonzerns (Pandora), dass der französische Welthandballer Nikola Karabatic vom 1. Juli 2009 an in Mannheim auflaufen werde: "Er ist die Korsettstange in unserem Projekt, der weltbeste Handballklub zu werden."

Eine voreilige Aussage. Schließlich war Karabatics aktueller Arbeitgeber THW Kiel nicht bereit, den besten Handballer für einen Spottpreis ziehen zu lassen. Das letzte Angebot der Löwen - 250.000 Euro Ablöse sowie ein millionenschwerer Werbevertrag mit Pandora - lehnte Manager Schwenker kategorisch ab. Karabatic selbst aber wollte seinem Lehrmeister, der im Juni 2008 in Kiel beurlaubt worden war, nach Mannheim folgen. Den Löwen-Verantwortlichen ist bewusst, dass sie Karabatic nun abschreiben müssen. "Natürlich haben wir ihm nun freigestellt, seine Entscheidung neu zu überdenken", sagte Manager Storm. Dass der aktuelle Coach Wolfgang Schwenke nun seinen Vertrag verlängert, ist offenbar keine Option. Man wolle seine Ausrichtung, ab Sommer 2009 mit einem "international erfahrenen Trainer" zu arbeiten, nicht verändern, ließ Storm am Donnerstag wissen. Nicht unwahrscheinlich, dass die Löwen schon den Schweden Ola Lindgren angesprochen haben, dessen Klub HSG Nordhorn kürzlich Insolvenz anmelden musste.

FTD

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