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Rugby WM 2019: Wie ein WM-Titel einst ein zerissenes Land einte - und es nun erneut tun soll

Südafrika gehört bei der Rugby-WM 2019 zu den Favoriten. Der Titel wäre für das Land am Kap mehr als nur ein sportlicher Erfolg. Schon einmal einte ein WM-Triumph Mandelas Regenbogennation.

Links: Die Übergabe des WM-Pokals durch Nelson Mandela an Südafrikas Kapitän Francois Pienaar ist längst ein ikonischer Moment der Sportgeschichte. Rechts: Siya Kolisi führt die Springboks 2019 in Japan als erster schwarzer Kapitän auf Feld

Links: Die Übergabe des WM-Pokals durch Nelson Mandela an Südafrikas Kapitän Francois Pienaar ist längst ein ikonischer Moment der Sportgeschichte. Rechts: Siya Kolisi führt die Springboks 2019 in Japan als erster schwarzer Kapitän auf Feld

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Johannesburg, 24. Juni 1995: Das Finale der Rugby-Weltmeisterschaft ist seit wenigen Momenten beendet, 63.000 Zuschauer im Ellis Park Stadion schreien sich die Lunge aus dem Hals. Doch die beiden Männer auf dem Podium scheinen alles um sich herum einen Moment lang völlig auszublenden. Sie schauen sich tief in die Augen, wissend um die Bedeutung des Augenblicks. Beide tragen ein grün-goldenes Trikot mit der Rückennummer sechs - und das ist das ganz Besondere an dieser Szene. Denn einer der beiden ist Nelson Mandela, seit rund einem Jahr erster schwarzer Präsident der Republik Südafrika. Der andere Francois Pienaar, Kapitän der Springboks, der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft. Diese hatte soeben zum ersten Mal den WM-Titel gewonnen. Ein Titel, der mehr als nur sportliche Bedeutung hatte.

Südafrika hatte erst kurz zuvor das menschenverachtende System der Apartheid abgeschafft. Die Springboks durften nach Jahren der Ächtung während der Rassentrennung nicht nur erstmals an einer WM teilnehmen, nein, Südafrika durfte das nach der Fußball-WM und den Olympischen Spielen drittgrößte Sport-Event der Welt sogar ausrichten. Mandela, der Vater der jungen "Rainbow Nation", hatte früh erkannt, welche Chancen das mit sich brachte. Nach außen konnte sich das Land der ganzen Welt als junge Demokratie präsentieren. Und nach innen konnten alte Ressentiments überwunden werden. In der Apartheids-Zeit galt Rugby den Schwarzen als Sport der weißen Unterdrücker, entsprechend verhasst waren Farben und Emblem der Springboks in weiten Teilen der Bevölkerung. Nicht wenige hätten beides nach der politischen Wende liebend gern auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. 

Eine beeindruckende Geste der Versöhnung

Mandela jedoch erkannte früh die einigende Kraft des Sports. Das Südafrika in jener Zeit war ein von Gewalt und Unsicherheit geprägtes Land. Vor allem in Teilen der weißen Bevölkerung herrschte eine große Angst vor der Rache der ehemals Unterdrückten. Nicht wenige sahen das Land auf der Schwelle zum Bürgerkrieg. Mandela lebte dagegen Versöhnung vor. Er wollte das Land zusammenbringen. Und dazu nutzte er auch die Springboks. Er baute eine Beziehung zu ihrem Kapitän auf und unterstützte das Team öffentlich. Es zeigte Wirkung: Die schwarze Bevölkerung begann, das einst verhasste Team anzufeuern. Und als Mandela vor dem Finale im Springboks-Trikot das Stadion betrat, schallten ihm begeisterte "Nelson, Nelson, Nelson"-Rufe von den größtenteils mit weißen Zuschauern besetzten Rängen entgegen. 

Springboks

Der 31-Mann-Kader der Springboks vor der Abreise nach Japan in Johannesburg

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Pienaar sagte später, dass er niemals erwartet hätte, das Madiba, so Mandelas Clanname, jemals den Springbok auf dem Herzen tragen würde - das Trikot derer überstreifen würde, die ihn wegen seines Kampfes für die Freiheit 27 Jahre ins Gefängnis gesteckt hatten. Dass der Präsident zudem seine Nummer trug, ehrte den Kapitän besonders. Es war eine beeindruckende Geste der Versöhnung. Und der Gewinn des WM-Titels gegen die übermächtig scheinenden All Blacks aus Neuseeland entfachte tatsächlich eine Welle der Euphorie und brachte das geschundene Land - zumindest eine Zeit lang - näher zusammen. Entsprechend ist jene Siegerehrung einer der großen ikonischen Momente geworden, die in die Sportgeschichte eingegangen sind. Pienaar erinnerte sich später an die Worte, die Mandela ihm sagte, während sie sich die Hand gaben: Er hätte ihm für das gedankt, was er für das Land getan habe. Pienaar entgegnete: "Nein, Mr President. Danke für das, was SIE für unser Land getan haben". 

Der Rugby-WM-Titel wäre ein Stimmungsaufheller

Dieser Tage kämpfen die Springboks bei der WM in Japan erneut um den Titel. Das Auftakt-Spiel gegen die All Blacks ging verloren, das zweite Match gegen den Nachbarn Namibia wurde haushoch gewonnen. Auch in die weiteren Gruppenspiele gegen Italien und Kanada gilt das Team als Favorit. Mit dem Anfang September gestorbenen Chester Williams war 1995 nur ein einziger schwarzer Spieler im Team. Das hat sich mittlerweile stark verändert, das Gesicht der aktuellen Mannschaft ist ein diverses. Erstmals in ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte werden die "Bokke" mit Siya Kolisi zudem von einem schwarzen Kapitän angeführt - ein dritter WM-Titel hätte da besondere Strahlkraft. Er liegt im Bereich des Machbaren: Südafrikas Rugby-Recken waren in der Vergangenheit immer wieder für Überraschungen gut und gelten wie die All Blacks als Rugby-Supermacht und Titelfavorit. 

Und das Land am Kap könnte einen Stimmungsaufheller auch in diesen Tagen gut gebrauchen. Denn die Aufbruchstimmung der 1990er Jahre ist einer eher schwermütigen Stimmung gewichen. Das Land liegt ökonomisch am Boden, ächzt unter seiner Schuldenlast sowie einer Arbeitslosenquote von offiziell 29 Prozent. Zudem ist die Nation angesichts einer zunehmend anschwellenden Welle der Gewalt über sich selbst erschrocken. 

Rugby-Legende: Erneuter Titel könnte größer sein als 1995

Nach brutalen Übergriffen - darunter auch gegen viele afrikanische Migranten - hat die einstige Regenbogennation auch in Afrika einen schweren Imageschaden erlitten. Sie erfolgten wenige Monate bevor Südafrika den Vorsitz der Afrikanischen Union übernehmen und den Traum vom einheitlichen Binnenmarkt auf dem Kontinent - mit einem freien Personen- und Warenverkehr - umsetzen will.    

"Sollte Südafrika dieses Jahr mit Siya Kolisi als Käpt'n den WM-Titel außerhalb des Landes gewinnen, wäre das geradezu monumental", zeigte sich die Rugby-Legende Bryan Habana im Gespräch mit dem britischen "Guardian" überzeugt. Er betonte: "So eine Inspiration wäre für unser Land immens bedeutend, auf einer Linie mit Mandela 1995 - wenn nicht sogar noch größer." Denn ein WM-Titel könnte das ramponierte Ansehen des Landes im Ausland wieder aufpolieren und auch zu Hause wieder für positive Stimmung zu sorgen. 

Die Beziehung der Springboks zu Nelson Mandela blieb auch nach 1995 eine besondere. Den zweiten Titel 2007 feierte er ebenfalls mit dem Team. Nach Mandelas Tod im Dezember 2013 verabschiedete die Mannschaft ihren besonderen Fan mit einem emotionalen Video. 

Das Motto, das sich die Springboks zur WM 1995 gegeben hatten, war "One Team, One Country". 

Der aktuelle Slogan lautet: "Stronger together". 

Er hätte Madiba sicherlich gefallen. 

Quellen: "Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Made a Nation" (Buch), "Guardian", DPA

mit Agentur

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