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T-Mobile-Teamarzt Heinrich: "Wir waren zu liberal!"

Lothar Heinrich will nach dem Doping-Skandal hart durchgreifen. Im Interview mit stern.de erklärt der Teamarzt, wie er ein Konzept gegen Doping in seiner Mannschaft T-Mobile entwickelt.

Beim Team T-Mobile beginnt eine neue Zeitrechnung. Nach der Suspendierung von Jan Ullrich wurden nun auch die anderen Fahrer des Rennstalls unter die Lupe genommen. Dabei wurde öffentlich: Einige der Profis arbeiten mit den italienischen Ärzten Michele Ferrari und Luigi Checcini zusammen. Ein brisantes Thema, denn Ferrari wurde bereits einmal als Dopingbetrüger überführt, bekam ein Jahr auf Bewährung - und Checcini wird ein enges Verhältnis zu Ferrari nachgesagt.

Christian Frommert, PR-Chef des Sponsors T-Mobile, kündigte an, dass die Zusammenarbeit seiner Profis mit Ärzten, die einen schlechten Leumund haben, beendet werden muss. Lothar Heinrich, Teamarzt bei T-Mobile erklärt im stern.de-Interview, wie es zur Zusammenarbeit der Rennfahrer mit den Ärzten kam und welche Konsequenzen er ziehen will.

Die Radsportler vom Team T-Mobile werden von der Freiburger Uniklinik und ihren Sportmedizinern umfassend betreut. Warum haben die Profis zusätzlich andere Ärzte?

Wir betreuen keine Fußball-Mannschaft, die jeden Tag auf dem gleichen Trainingsgelände zusammen kommt. Unsere Sportler wohnen und trainieren verstreut an vielen unterschiedlichen Orten. Wenn in unserem Team zum Beispiel ein Italiener krank ist, ruft er bei uns an und wir besprechen die Diagnostik und Medikation mit dem Arzt vor Ort. Es wäre unsinnig, wenn ein Sportler mit einer Erkältung nach Freiburg reist. Bei Verletzungen oder schwereren Erkrankung kommt der Sportler aber nach Freiburg, damit er in der Universitätsklinik behandelt werden kann.

Kümmert sich ihre Klinik auch um die Trainingsplanung der Profis?

Einige unserer Sportler lassen sich von Trainingsexperten in ihrer Trainingsplanung unterstützen. Wenn sie zu uns kommen, haben sie oft schon einen wichtigen Abschnitt ihrer Karriere hinter sich - und arbeiten mit ihrem Trainer vertrauensvoll und erfolgreich über einen längeren Zeitraum. Er kennt ihre Stärken und Schwächen und kann individuell angepasste Trainingspläne mit ihnen erarbeiten. Patrick Sinkewitz bekommt von Michele Ferrari, einem italienischen Sportmediziner und Leistungsdiagnostiker, die Trainingspläne erstellt, Michael Rogers arbeitete bis vor drei Monaten mit ihm zusammen, war dann aber mit den Plänen nicht so zufrieden und plant jetzt wieder alleine. Alle Fahrer des T-Mobile-Teams machen in Freiburg regelmäßig Leistungstests und können sich auch bei Trainingfragen beraten lassen. Einige Sportler nutzen dies umfassend, andere arbeiten mit externen Trainern. Die medizinische Betreuung unterliegt allerdings alleine der Uniklinik Freiburg.

Jan Ullrich arbeitet mit dem italienischen Arzt Luigi Cecchini zusammen. War das auch mit Ihnen abgesprochen?

In der Zeit, als Jan Ullrich für das Team Bianchi fuhr, hat er angefangen mit Herrn Cecchini zusammen zu arbeiten. Er hatte sich nach dem Weggang vom Team Telekom von seinem alten Trainer Peter Becker getrennt, und ließ sich von Cecchini die Trainingspläne erstellen. Man muss sagen, dass Ullrich in dem Jahr sehr stark gefahren war und große Erfolge gefeiert hatte. Als er dann zurück zum Team Telekom kam, wurde uns vorgeworfen, dass wir Ullrich durch unser so genanntes "Babysitter-System" in die Krise gestürzt hätten, weil wir ihm zu wenige Freiheiten gelassen haben. Ullrich hatte uns gebeten, weiter mit Cecchini zusammenarbeiten zu dürfen und wir haben dem zugestimmt. Es gab in der Vergangenheit auch Fernsehbilder mit Ullrich und Cecchini. Die Zusammenarbeit war offensichtlich und überall bekannt. Unsere Zustimmung betraf aber nur die trainingswissenschaftliche Zusammenarbeit. Von einer medizinischen Zusammenarbeit war nie die Rede. Vielleicht waren wir aber, was die Zusammenarbeit unserer Sportler mit den anderen Experten angeht, zu liberal. Das wird sich in Zukunft ändern.

Haben Sie auch Dinge mit dem Dopingarzt Eufemiano Fuentes abgesprochen, in dessen Labor angeblich Blutproben von Ullrich gefunden wurden?

Ich kann nur sagen: Wir haben definitiv nichts davon gewusst, dass Jan Ullrich mit Fuentes zusammengearbeitet haben soll. Und wir hätten das auch nicht toleriert.

Der PR-Chef von T-Mobile, Christian Frommert kündigte an, dass nach dem Skandal Konsequenzen gezogen werden. Was wird passieren?

Fest steht: Der vergangene Weg war nicht der richtige. Die medizinische Abteilung wird sich mit der Teamleitung zusammensetzen und besprechen, was zu tun ist. Wir werden ein Konzept entwickeln, wie wir in Zukunft vorgehen. Dazu brauchen wir aber noch weitere Informationen. Der Kontakt zu unabhängigen Anti-Dopingexperten ist dabei besonders wichtig. Das wird in den nächsten zwei bis drei Wochen passieren. Wir haben jetzt noch keine Musterlösung parat, sondern planen für die Zukunft. Denn wenn der Sponsor dabei bleibt - und das hat er ja angekündigt - muss er die grösste mögliche Sicherheit haben, dass die Sportler des Teams sauber sind.

Es wird derzeit darüber diskutiert, ob Jan Ullrich eine DNA-Analyse durchführen lassen soll, um seine Unschuld zu beweisen. Wird er sich dazu bereit erklären?

Es war letzte Woche Freitag alles sehr hektisch, so dass ich mit Jan Ullrich darüber nicht mehr sprechen konnte. Aber er ist jetzt zu Hause und berät sich darüber mit seinen Anwälten.

Was würde eine DNA-Analyse beweisen?

Durch den DNA-Test kann sich herausstellen, ob die Blutproben, die im Labor von Fuentes gelagert wurden, von Jan Ullrich stammen oder nicht. Ein DNA-Test ist sehr sensibel, er entspricht einem Vaterschaftstests.

Es gibt auch die Möglichkeit, sich mit dem angereicherten Blut von anderen Menschen derselben Blutgruppe zu dopen. Wenn Ullrich mit Fremdblutdoping gearbeitet hätte, könnte ein DNA-Test keinen Zusammenhang zwischen ihm und den Proben aus dem Labor herstellen.

Fremdblutdoping ist ganz klar nachweisbar. Bei Anwendung dieser Methode bilden sich im Blut Antikörper, die man eine ganze Zeit lang im Blut findet. Das hätte den unabhängigen Kontrolllabors bei den diversen Antidopingtests im Training sowie vor der Tour de France auffallen müssen. Bei Jan Ullrich gibt es keinen Anhalt auf Fremdblutdoping.

Es heißt, Blutdoping ist lebensgefährlich. Warum?

Mit Blut muss man sehr vorsichtig umgehen. Dafür gibt es in Kliniken spezielle hämatologische Abteilungen. Es kann zu Verunreinigungen und Veränderungen kommen, wenn Blut nicht fachgerecht abgenommen und gelagert werden. Dem Sportler drohen schwere Infektionen, wenn ihnen verunreinigtes Blut zugeführt wird. Außerdem besteht die Gefahr eines Kreislaufkollapses, wenn das Blutvolumen durch die Zufuhr von einem halben oder einem ganzen Liter Blut schlagartig ansteigt. Zudem können sich Blutgerinnsel bilden, die in der Tat lebensgefährlich sind.

Es wurde in den vergangenen Tagen davon gesprochen, dass Jan Ullrich auch Wachstumshormone zu sich genommen haben soll. Können Sie das bestätigen?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Mir fehlen hier die Unterlagen, deshalb ist vieles Spekulation und ich hoffe, dass es nicht der Wahrheit entspricht. Die Einnahme von Wachstumshormonen ist bei Antidopinkontrollen nur sehr schwer nachweisbar. Die Welt-Antidopingagentur WADA wendet eine Methode an, wobei mir ist bisher noch keine positive Probe bekannt ist. Aber die Methode wird auch noch nicht großflächig eingesetzt, da sie nur mit Blutproben funktioniert und einer Spezialanalytik bedarf, zu der nur wenige Labors weltweit in der Lage sind.

Interview: Annette Jacobs

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