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Tennis: Der Rückblick auf das Herren-Jahr 2011

Novak Djokovic dominierte mit einer Siegbilanz von 70:6 das Jahr. Am Ende stahl ihm aber Roger Federer mit seinem 70. Turniersieg und dem 6. Erfolg beim Saisonfinale die Show - könnte da für 2012 ein noch größeres Duell erwachsen? Wir blicken erstmal zurück, nicht ohne an den unglaublichsten Schlag des Jahres zu erinnern.

Spanien hat mit dem Davis Cup den letzten großen Titel der Tennis-Saison gewonnen. Seitdem ruhen die Schläger, zumindest bei den Turnieren. Denn wer beim ersten großen Höhepunkt des Jahres 2012, den Australian Open Mitte Januar, in Topform sein möchte, der trainiert schon wieder.

Da das aber noch ein paar Wochen dauert, können wir uns den Höhepunkten der abgelaufenen Saison widmen. Wir erinnern an die unglaubliche Saison des Novak Djokovic und teilen die berechtigte Hoffnung aller Federer-Fans. Außerdem gucken wir auf die Stars der zweiten Reihe und erzählen, welcher Ex-Profi in die Politik geht.

Die Aufsteiger des Jahres

Seit Jahren wird das Herren-Tennis vom Duell zwischen Roger Federer und Rafael Nadal bestimmt, im vergangenen Jahr wurden die beiden von Novak Djokovic abgehängt. Im Schatten der Großen Drei – Andy Murray konnte immer noch nicht unter Beweis stellen, dass man zurecht auch von den Großen Vier reden könnte – machten vier Spieler so große Fortschritte, dass auch im kommenden Jahr viel von ihnen zu erwarten ist, auch wenn es für den Sprung nach ganz oben sicher noch nicht reichen wird.

Gleich zu Beginn des Jahres machte Milos Raonic (20) mit dem Achtelfinale bei den Australian Open und dem anschließenden Turniersieg in San Jose auf sich aufmerksam. Der Kanadier gilt als Youngster mit dem größten Potential. Kei Nishikori (21) wurde nach dem Halbfinale in Shanghai und dem Finaleinzug in Basel sogar von Federer geadelt ("Ich finde, Kei ist bereits jetzt ein großartiger Spieler"). Bereits auf Rang 15 der Weltrangliste steht Alexandr Dolgopolov, der 23-jährige Ukrainer könnte als erster Neuling in die Top Ten einziehen. Und Donald Young (22) gilt als größter Hoffnungsträger des derzeit etwas darbenden Herren-Tennis in den USA.

Der Schlag des Jahres

Das größte Aufsehen erregte sicher der Return von Djokovic im Halbfinale der US Open, als er den ersten Matchball für Federer abwehrte, den Schweizer damit aus dem Konzept brachte und anschließend noch gewinnen konnte. Die Schlagzeilen bestimmte hinterher der schlechte Verlierer Federer, der den Djoker für dessen Glücksschuss kritisierte. "Für mich ist es äusserst schwer nachvollziehbar, dass man beim Matchball einen solchen Schlag wagen kann", sagte Federer nach dem Match und erntete viel Kritik.

Doch hier soll es nicht um das Drumherum eines Schlags gehen, stattdessen erinnern wir an einen Ballwechsel, der auch von der ATP als bester des Jahres 2011 ausgezeichnet wurde: Im Finale des Masters in Madrid hat Djokovic gerade den ersten Satz gewonnen und liegt im zweiten mit 0:30 zurück – Rafael Nadal kämpft wie man es von ihm gewohnt ist. Es entsteht ein spannendes Grundlinienduell, Nadal geht ans Netz, spielt einen schwierigen Volley, wird überlobt, geht zurück an die Grundlinie und spielt seinerseits einen Lob über Djokovic hinweg – allerdings durch seine Beine. Ein unglaublicher Schlag, der die ganze Faszination des weißen Sports innerhalb von Sekunden zum Ausdruck bringt.

Der Dominator des Jahres

Sein Name fiel schon einige Male, aber ein Jahresrückblick ist ohne die Würdigung der fantastischen Saison von Novak Djokovic nicht möglich. Bei 70 Siegen kassierte der Serbe nur sechs Niederlagen, er verdiente dabei 12.619.803 Millionen Dollar, gewann drei Grand Slam-Titel und sieben weitere Turniere und wirkte dabei häufig so überlegen, dass die Gegner verzweifelten. Doch auch abseits des Courts machte Djokovic eine Entwicklung durch, hin zu sympathischen Entertainer, der mit lustigen Videos und selbstironischen TV-Auftritten punkten konnte.

Das Comeback (und die Hoffnung) des Jahres

Nicht nur die User von sportal.de haben das Jahr über diskutiert, ob Roger Federer der beste Tennisspieler aller Zeiten ist, ob der Schweizer es nochmal ganz nach oben schafft, aber auch ob Novak Djokovic jetzt schon besser als Federer ist. Nach den US Open fanden sich immer mehr Experten, die den Glauben an ein Comeback Federers verloren hatten.

Doch dann nahm sich der ausgelaugte Schweizer eine wochenlange schöpferische Pause. Mit diesem kleinen Vorteil im Rücken gewann er hintereinander die Turniere in Basel, Paris und als Krönung die World Tour Finals in London. Es war der 70. Erfolg in seinem 100. ATP-Finale und gleichzeitig der sechste Sieg beim Saisonfinale – ein Rekord, womöglich für die Ewigkeit.

Doch was die Hoffnung auf ein noch spannenderes Jahr 2012 nährte, war nicht die 15:0-Siegesserie an sich, sondern eher die Art und Weise, wie Federer sein Tennis wieder zelebrieren konnte. In einem Interview mit der New York Times hat Federer die Jagd auf die Nummer eins der Weltrangliste jedenfalls schon wieder eröffnet: "Tja, es ist ein langer Weg, aber wer weiß? Jetzt sollte ich das erstmal ignorieren, aber die Siege haben mir Selbstbewusstsein gegeben."

Das deutsche Jahr

Bei der Bilanz aus Sicht des DTB muss Florian Mayer eindeutig ausgeklammert werden. Der Bayreuther schaffte endlich seinen ersten Turniersieg und beendete das Jahr als Nummer 23 der Welt. Mayer konnte sogar einmal gegen Rafael Nadal gewinnen. Doch seien wir ehrlich, auch ein Florian Mayer wird keine großes Turnier mehr gewinnen, einen Tennis-Boom wird er kaum auslösen – anders als es bei den Damen denkbar ist.

In der zweiten Reihe wird es dann sogar noch dünner, vom Nachwuchs ganz zu schweigen, immerhin wird sogar Tommy Haas für ein Comeback im Davis Cup-Team gehandelt. Philipp Kohlschreiber äußerte jüngst nach der erneuten Verpflichtung seines alten Trainers Stefan Eriksson wieder ehrgeizige Ziele ("Mein Ziel für das kommende Jahr ist es, unter die Top 20 der Weltrangliste zu kommen."), doch glaubt er eigentlich wirklich selbst noch daran?

Boris Becker hat strukturelle Probleme ausgemacht und bietet dem neuen DTB-Präsidenten Karl-Georg Altenburg seine Unterstützung an. "Wir müssen es schaffen, wieder ein System zu finden, wo wir in fünf Jahren wieder eine Anzahl von deutschen Tennisspielern haben, die in den ersten 15 oder ersten 10 der Welt mitspielen", sagte Becker in einem Interview und konkretisierte seine Ambitionen: "Ich bin Freund des Hauses und bin gerne zu Gesprächen bereit, weil ich meine, helfen zu können."

Die Rüpel des Jahres

David Ferrer gilt auf der Tour als ruhiger Zeitgenosse, der nur schwer aus der Ruhe zu bringen ist. Beim Masters in Miami zeigte der Spanier dann aber ausnahmsweise mal ein anderes Gesicht. Gegen Mardy Fish hatte Ferrer den ersten Satz verloren und war fortan genervt von einem im Publikum sitzenden Kind. Als die Schreie des Kindes nicht aufhören wollten, schlug Ferrer den Ball in dessen Richtung. Er verfehlte sein Ziel zwar, Freunde machte er sich in den USA mit diesem Verhalten aber nicht.

Da verwunderte es dann auch nicht, als er bei den US Open eher kleinlaut hinter Rumpelstilzchen Andy Roddick herlief. Der Lokalmatador beschwerte sich beim Oberschiedsrichter über die Ansetzung des Matches gegen Ferrer auf einem vom Regen ramponierten Court, nahm das Heft selbst in die Hand und verlegte das Spiel eigenhändig auf einen anderen Platz. Barney Stinson würde sagen: Das war legendär!

Die Neuausrichtung des Jahres

Ende 2009 beendete Marat Safin seine Karriere, die ihm zwei Grand Slam-Titel und insgesamt 1055 zerstörte Tennis-Schläger bescherte. Seitdem ist es um Safin, zumindest international, ruhig geworden. Doch vor wenigen Tagen meldete sich der 31-Jährige zurück, wenn auch nicht mit sportlichen Schlagzeilen. Safin zog als Mitglied der Partei von Ministerpräsident Wladimir Putin ("Einiges Russland") in die Duma ein. Safin wurde in seinem Wahlkreis Nischny Nowgorod gewählt und will seine neue Aufgabe laut Sportinformationsdienst ernst nehmen: "Ich denke, ich bin ein intelligenter Typ und bringe viele Ideen mit."

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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