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THW Kiel unter Beschuss: "Wir wissen von Manipulationen"

Der dänische Sponsor der Rhein-Neckar Löwen hat den Handball-Spitzenclub THW Kiel in der Bestechungsaffäre schwer belastet. Die Vorwürfe stehen im engen Zusammenhang mit der Absage von Kiels Ex-Trainer Noka Serdarusic, der in der kommenden Saison eigentlich die Löwen als Coach übernehmen sollte.

Bei der Handball-Bundesliga (HBL) jagt eine Sitzung die nächste - Ergebnisse zu den angeblichen Bestechungsfällen beim deutschen Rekordmeister THW Kiel gibt es jedoch nicht. 145 Minuten tagte am Dienstag in Hamburg der HBL-Aufsichtsrat und war am Ende offenbar so klug wie zuvor. "Wir haben den gesamten Themenkomplex ausführlich diskutiert. Der Aufsichtsrat sieht weiteren Informationsbedarf", fasste der Vorsitzende Manfred Werner die Sitzung zusammen und beließ es bei dem dürftigen Statement. Am Vorabend hatte die Vorstandsspitze der HBL den THW-Manager Uwe Schwenker zum Sachverhalt befragt, am Mittwoch tagt in Dortmund das HBL-Präsidium, am Freitag nimmt sich das Präsidium des Deutschen Handball-Bundes (DHB) bei seiner turnusmäßigen Sitzung des Themas an.

Dem THW Kiel wird vorgeworfen, seit dem Jahr 2000 Europapokal- Spiele manipuliert zu haben, darunter auch das 2007 gewonnene Finale in der Champions League gegen die SG Flensburg-Handewitt. Dabei sollen die polnischen Schiedsrichter bestochen worden sein. Von Summen bis zu 50.000 Euro ist laut Zeitungsberichten die Rede. Der THW bestreitet das vehement. "An den Vorwürfen ist nichts dran. Der THW hat keine Spiele manipuliert", sagte Manager Schwenker nach der Befragung am Montagabend. Es gebe "in keinster Weise Anhaltspunkte" für solche Vorwürfe. "Ich bin froh, wenn diese Geschichte zu den Akten gelegt wird." Schwenker erhielt von HBL- Präsident Reiner Witte Schützenhilfe. "Belastbare Tatsachen liegen nicht vor", lautete das Fazit von Witte nach der Sitzung am Montag.

Bislang beruht die angebliche Affäre ausschließlich auf Gerüchten, die dem HBL-Aufsichtsratsmitglied Dieter Matheis, zugleich Beiratsvorsitzender von Kiels Liga-Rivalen Rhein-Neckar Löwen, "zu Ohren gekommen" seien. Daraufhin schrieb Matheis Schwenker einen Brief und forderte ihn zur Stellungnahme binnen einer kurzen Frist auf. Als Gerüchtestreuer wird nach Hinweisen Matheis' der in Kiel vor Beginn dieser Saison entlassene Trainer Zvonimir Serdarusic vermutet, mit dem sich Schwenker aus privaten Gründen überworfen hatte und der bei den Löwen im Sommer eigentlich Cheftrainer werden sollte. In der vergangenen Woche hatten die Rhein-Neckar Löwen aber überraschend die Auflösung des Vertrages mit Serdarusic bekanntgegeben.

Nachgelegt in der Manipulationsdebatte hat unterdessen der Däne Jesper Nielsen, Geschäftsführer vom Rhein-Neckar-Löwen-Hauptsponsor Kasi-Group und zugleich Gesellschafter der Löwen. "Wir wissen, dass es rund um die Champions-League-Spiele des THW Kiel Unregelmäßigkeiten gegeben hat", sagte Nielsen am Dienstag dem Kopenhagener Fernseh-Sender TV2 Sport. Dieses Wissen basiere auf Aussagen von "Schlüsselpersonen innerhalb des THW Kiel und aus dessen Umfeld". Aus diesem Grunde sei Serdarusic' Vertrag in Mannheim aufgelöst worden.

Serdarusic hat laut Presseerklärung des THW am Dienstag seinem Ex-Verein mitgeteilt, "dass er weder an derartigen Manipulationen beteiligt war, noch irgendjemandem vom THW Kiel beschuldigt hat, so etwas getan zu haben". Er habe auch keine Selbstanzeige erstattet. Der THW nennt die Vorwürfe "unhaltbar und unverantwortlich" und sieht sich einer Rufschädigung ausgesetzt. Weiter heißt es in der Erklärung: "Der THW Kiel behält sich rechtliche Schritte vor."

Die Krisensitzung am Dienstag in Hamburg hat jedenfalls viele ratlose Gesichter hinterlassen. "Der Sachverhalt ist nicht geklärt. Wir wissen nicht, ob Bestechung vorliegt. Es sind keine Beweise da", sagte Aufsichtsratsmitglied und HSV-Präsident Andreas Rudolph. Zur Ehrenrettung Schwenkers fügte er an: "Ich habe Uwe Schwenker als Sportsmann kennengelernt. Er hat das Versprechen abgegeben, dass der THW Kiel und er nicht involviert sind." Spieler und Trainer der "Zebras" wollten vor dem Training am Tag vor dem Bundesligaspiel gegen den VfL Gummersbach am Mittwoch keine Stellungnahme abgeben.

Mit Entsetzen haben die polnischen Schiedsrichter Marek Goralczyk und Miroslaw Baum auf die Bestechungsvorwürfe im Champions-League- Finalrückspiel am 29. April 2007 reagiert. "Jeder macht Fehler, ich auch. Aber nicht für 50.000 Euro", sagte Goralczyk der Tageszeitung "B.Z.". "Nie im Leben" habe er Geld bekommen, der THW Kiel sei auch nicht auf ihn zugekommen, betonte Goralczyk. Sein damaliger Partner Baum wird im "Flensburger Tageblatt" mit den Worten zitiert: "Nein, um Gottes Willen. Das alles ist ein großer Schock für mich. Seitdem ich von dem Vorwurf weiß, bin ich psychisch angeschlagen."

Unterdessen hat die Europäische Handball-Föderation (EHF) Kontakt zu den Referees aufgenommen und diesen geraten, keine weiteren Erklärungen abzugeben, bis die EHF offiziell Stellung bezogen habe. Die EHF hat noch nicht entschieden, ob sie tätig wird. "Wir möchten erst reagieren, wenn die Beratungen abgeschlossen sind", sagte Glaser. Dem deutschen Handball ist jedenfalls schon jetzt nur auf der Basis von Gerüchten ein immenser Imageschaden entstanden.

DPA / DPA

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