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Tour de France: Die Fahrt ins Fiasko

Das größte Radrennen der Welt steckt in der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Doch Schuld sind nicht nur unbelehrbare Dopingsünder, sondern vor allem Streit und Intrigen zwischen Tour-Organisation, Weltverband, Teams und Fahrern. Fest steht: Die Tour der Zukunft wird anders aussehen.

Von Nico Stankewitz

Keine Frage, die als "Tour der Erneuerung" geplante 94. Tour de France, war ein Riesen-Desaster für die Organisatoren von der ASO und für den Radsport insgesamt. Die Hoffnungen von Fans und Medien wurden grob enttäuscht, am Ende stehen alle ratlos vor einem riesigen Scherbenhaufen.

Vier Katastrophen in einer Woche

Dabei hatte ja alles noch recht harmlos angefangen, mit beeindruckender Stimmung und einer Riesenresonanz beim Auftakt in London, wo die reservierten Briten eine Radsport-Begeisterung offenbarten, die sie sich vermutlich selbst nicht zugetraut hätten. Der dunkle Schatten schien sich im Verlauf einer sportlich interessanten, ansonsten aber erfreulich ereignisarmen ersten Tourwoche langsam zu verziehen, erst Recht nach dem "Linus-Tag", als am französischen Nationalfeiertag der junge Westfale Linus Gerdemann mit einer Triumphfahrt die erste Alpenetappe gewann und das Gelbe Trikot eroberte.

Doch schon zwei Tage später, am ersten Ruhetag, brach die schöne neue Scheinwelt zusammen. Die positive Trainingsprobe von Patrick Sinkewitz (veröffentlicht 40 (!) Tage später) sorgte für den Ausstieg der deutschen Fernsehanstalten und eine erste große Welle der Doping-Empörung. Die nächste Riesenwelle erschütterte dann die Tour in ihren Grundfesten, als der langjährige Telekom-Fahrer und Ullrich-Freund Alexander Winokurow in einem der unverschämtesten Dopingmanöver der Sportgeschichte sich für das erste Einzelzeitfahren und die zweite Pyrenäenetappe mit Fremdblut in Form brachte und prompt erwischt wurde. Ausgerechnet Winokurow, der "Man in Black", der schon vor der Tour im Fadenkreuz der Dopingfahnder stand und dessen Teamkollegen Mazzoleni und Kessler zuvor suspendiert worden waren, ausgerechnet einer dieser wenigen verbliebenen Stars wurde erwischt und beendete damit nicht nur seine Karriere unrühmlich und unvollendet, sondern dürfte auch der ohnehin fragwürdigen Existenz seiner Astana-Mannschaft endgültig den Garaus gemacht haben.

Rasmussen - Schrecken (fast) ohne Ende

Spätestens jetzt galt ein Generalverdacht gegen das Feld, genährt durch den unappetitlichen dänischen Spitzenreiter Michael Rasmussen, der vier Dopingtests vor der Tour verpasst hatte und nur aus formalen Gründen nicht aus dem Verkehr gezogen werden konnte. Hier zeigte sich die innere Zerrissenheit des Radsports nun ganz deutlich: Während der Weltverband UCI und die ASO sich gegenseitig die Schuld dafür zuschoben, dass der Kletterer überhaupt am Start war, gab seine niederländische Rabobank-Mannschaft eine klägliche Figur ab. Teamchef Theo de Rooy zauderte eine Woche lang, hin- und hergerissen zwischen Erfolgshunger und einer klaren Linie im Kampf gegen Doping. Als er über eine Woche nach den Veröffentlichungen endlich reagierte, war der Schaden längst angerichtet, betrogen fühlten sich die Zuschauer zu Hause und an der Strecke, denen der Däne einen guten Teil der Freude am Rennen geraubt hatte.

Festzuhalten bleibt allerdings, dass es ähnlich wie im Fall Sinkewitz schon höchst merkwürdig ist, wieso diese schon vor dem Start bekannten Fakten (ähnlich wie im Fall Sinkewitz) erst während der Tour veröffentlicht wurden. Hätte man Sinkewitz und Rasmussen schon vor der Tour aus dem Verkehr gezogen, wäre der öffentliche Schaden nicht vergleichbar gewesen. Hier bekommen alle Gerüchte neue Nahrung, die von gewissen Kreisen in der UCI sprechen, die der Tour bewusst schaden wollen.

"Kalter Krieg" der Funktionäre

Seit Jahren läuft ein tiefgehender Streit zwischen dem Weltverband und den Organisatoren der großen Rennen, der nun eskaliert ist. An den letzten Tourtagen erhielt UCI-Präsident Pat McQuaid keine Akkreditierung von der Organisation mehr, er musste sich bei Eurosport versorgen lassen - das wäre in etwa so, als wenn Sepp Blatter keine Karte für das Endspiel der Fussball-WM erhalten hätte. Der Graben ist inzwischen so tief, dass die Tour nun plant, gemeinsam mit einigen anderen großen Veranstaltern (die ASO veranstaltet selber z.B. auch die klassischen Rennen Paris-Nizza und Paris-Roubaix) eine eigene Serie zu gründen, die nichts mehr mit dem Weltverband zu tun haben soll.

Eingeladen werden sollen hier nur die "anständigen" Teams, etwa 10 Mannschaften, angeführt von Gerolsteiner, T-Mobile und den sechs französischen Sportgruppen, eine Gruppe, die sich am zweiten Ruhetag in Pau formierte und unter der Bezeichnung "Vereinigung für eine sauberen Radsport" bekannt ist. Unter Führung des "Supertankers" Tour, seiner garantierten weltweiten Bekanntheit und den damit nahezu garantierten Einschaltquoten und Sponsorengeldern könnte eine solche "Profiliga" schnell Erfolg haben, gerade im Bereich des Dopings blieben allerdings wichtige Fragen zu klären. Die Personalie Rasmussen machte den Kompetenzwirrwar besonders drastisch deutlich.

Contador - das schmutzige Gelbe Trikot

Insbesondere in Spanien wird der neue Toursieger hymnisch gefeiert, wie es seit dem Ende der Ära Indurain keinem Radprofi mehr passiert ist. Nach Abzug von Nationalstolz bleiben jedoch offene Fragen, denn die Unschuld von Contador scheint nicht schlüssig bewiesen worden zu sein. Warum der Spanier auf der Liste von Dr. Fuentes erschienen ist, ob irgendwo Blut lagert, das möglicherweise Spaniens jungem Helden zugeordnet werden könnte.

Die wirkliche Aufklärung der Fuentes-Affäre auch für die übrigen betroffenen Sportarten wäre jetzt dringender denn je geboten, um dem Radsport die Möglichkeit zu geben, wenigstens dieses düstere Kapitel unter klarer Benennung der Verantwortlichen abzuschließen. Für einen neuen Anfang sollten sich schnellstens alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen. Die Hoffnung bleibt, denn so kann es nicht weiter gehen. Die "Tour der Erneuerung" war ein Abgesang, hoffentlich bekommt der "neue Radsport" von seinen Funktionären eine vernünftige neue Chance. Dann wäre diese Tour vielleicht nicht das Ende der Welt, sondern bald endlich ein faires, sportliches Spektakel mit gesunden Athleten. So war es nie, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

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