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Usain Bolt schreibt WM-Geschichte: Endlich wieder Showtime

Usain Bolt siegt und siegt. Mit drei Goldmedaillen in Moskau ist der Superstar aus Jamaika jetzt der erfolgreichste Leichtathlet der WM-Geschichte – und legte am Ende einen Kosakentanz hin.

Von Tim Schulze

Am Ende wagte der Superstar endlich ein Tänzchen. Auf so eine Showeinlage hatte die Leichtathletik-Welt im stimmungsarmen Moskau eine Woche vergebens gewartet. Bolt tanzte also, aber er legte keinen Reggae-Move auf der Tartanbahn des Luschniki-Stadions hin, sondern zollte dem russischen Publikum seinen Respekt. Bolt versuchte sich am Kosakentanz, bei dem man in der Hocke die Beine schwingt. Seine Performance geriet ihm zwar etwas ungelenk, doch endlich war er wieder da, der Selbstdarsteller, der extrovertierte Superstar, der nicht nur durch außergewöhnliche Leistungen die Fans begeistert, sondern auch durch sein Charisma.

Bolts Auftritt in Moskau mit der 100-Meter-Sprintstaffel in Weltjahresbestzeit, traditionell letzter Wettbewerb in der Leichtathletik, versprühte etwas von dem Zauber, mit dem Bolt bei früheren Wettkämpfen die Tartanbahn zu seiner Bühne machte. Er holte mit der Staffel erwartungsgemäß sein drittes Gold. Noch entscheidender war: Bolt gewann gleichzeitig seine zehnte Medaille bei Weltmeisterschaften seit 2007 und ist jetzt der erfolgreichste WM-Athlet der Geschichte. Mit acht Goldmedaillen und zweimal Silber übertrumpfte er Carl Lewis, der es auf achtmal Gold, einmal Silber und einmal Bronze brachte.

Bolt taucht bei der WM ab

Aus seiner eigenen Generation konnte dem Superstar auch in Moskau niemand folgen. Wie groß der Leistungsunterschied ist, zeigte sich, als Bolt als Schlussläufer den Staffelstab übernahm. Da lag das US-Team noch gleichauf, doch Bolt ließ den Konkurrenten Justin Gatlin einfach stehen und gewann überlegen. Bolt und sonst keiner – die Dominanz des 26-Jährigen scheint manchmal nicht von dieser Welt zu sein.

Dabei war es für den 26-Jährigen diesmal ein gänzlich anderer Wettbewerb als in den vergangenen Jahren. Drei seiner stärksten Konkurrenten fehlten. Landsmann Yohan Blake sagte verletzt ab. Asafa Powell, ebenfalls Jamaikaner, und US-Sprinter Tyson Gay wurden kurz vor Beginn der WM des Dopings überführt – ein Schock für die Leichtathletik und für Bolt. Mit dem Doping-Verdacht muss Bolt seit seinem kometenhaften Aufstieg und den Weltrekorden leben. Durch die überführten Konkurrenten erhielt der böse Zweifel an dem "Naturbuschen“ von der Karibikinsel, der den Erfolg sauber erreicht, erneut Nahrung. Wie kann es sein, dass da einer allen anderen einfach davonläuft und die stärksten Konkurrenten nicht mal gedopt mithalten?

Und was machte Bolt? Der tauchte bei dieser WM regelrecht ab zwischen seinen Rennen. Keine Pressekonferenzen, keine Show-Auftritte, kein Hype wie noch 2012 bei den Olympischen Spielen in London. Der Doping-Vergehen der Konkurrenz setzten dem Superstar sichtlich zu. Durch seinen Rückzug kam Bolt gar nicht in die Verlegenheit, sich wie Issinbajewa in einer bedeutenden Frage in die Nesseln zu setzen. Der Umgang mit Doping im Sport? Die politische Lage in Russland? Alles nicht sein Thema.

Andere stehlen ihm zeitweise die Show

Neu war in Moskau auch, dass Bolt die große Bühne in der Leichtathletik nicht mehr allein gehört. Einen Mo Farah kennt nach seinem nächsten Doppelsieg über 5000 und 10.000 Meter fast jeder Sportfan auf der Welt. Und Jelena Issinbajewa stahl Bolt bei ihrer Heim-WM die Show. Nach ihrem frenetisch gefeierten Sieg im Stabhochsprung schrieb die Russin jeden Tag mit einer anderen Geschichte Schlagzeilen.

Doch das Finale in Moskau gehörte ganz ihm – und Bolt genoss es. Es war ihm deutlich anzumerken, auch wenn er sich trotz des historischen Triumphes gelassen gab. Schließlich sei er schon eine Legende: "Das habe ich schon letztes Jahr bei den Olympischen Spielen geschafft", sagte er. "Jetzt versuche ich, noch so viele Goldmedaillen wie möglich zu gewinnen. Aber ich zähle die gar nicht mehr richtig mit."

Als Bolt den Kosakentanzt aufführte, schwand auch ein wenig von der Coolness. Der Jamaikaner hatte zuvor schon in einem Meer aus Fotografen und Fans gebadet. Als er Freunde auf der Tribüne umarmen wollte, musste für einen Moment der Sicherheitsdienst eingreifen. Eine Frau aus dem Publikum wollte den schnellsten Mann der Welt gar nicht mehr loslassen.

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