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Leere Ränge bei der Leichtathletik-WM: Putin allein zu Haus

Leere Ränge, miese Stimmung: Die Leichtathletik-WM von Moskau ist ein Zuschauerflop. Selbst 240.000 Freikarten haben daran nichts geändert. Ein Dilemma für Athleten, Bestätigung für Russland-Kritiker.

Von Jens Maier

Die Tickets sind günstiger als ein Big Mac. Nur noch 100 Rubel, umgerechnet 2,50 Euro, kostet die billigste Karte an den Tageskassen des Luschniki-Stadions. Doch selbst das hilft nicht. In ihrer Verzweiflung lassen die russischen Veranstalter die Tickets mittlerweile sogar in den Bezirksämtern Moskaus verteilen. Ganz umsonst! 240.000 Freikarten sollten so unters Volk gebracht werden. Vergeblich. Die Ränge bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft bleiben leer, die Stimmung mau. Traurig für die Sportler. Blamabel für Russland.

Ein rauschendes Fest sollte die erste Leichtathletik-WM im Land werden. 80 Millionen Euro hat sich Präsident Wladimir Putin die Veranstaltung angeblich kosten lassen. Das Luschniki-Stadion, gebaut für die Olympischen Spiele 1980, wurde aufwendig modernisiert. Kein Wunder, dass Putin es sich nicht nehmen ließ, zur Eröffnungsfeier am vergangenen Samstag persönlich zu erscheinen. Ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi wollte er Russland als begeisterte Sportnation präsentieren. Stattdessen sprach er mit versteinerter Miene vor leeren Sitzplätzen.

Sportler kritisieren miese Stimmung

Peinlich für die russische Führung, ein Dilemma für die Athleten. "Es war etwas schade, dass im Stadion nur fünf Leute und drei Hunde die Siegerehrung mitbekommen haben", lästerte die Silbermedaillengewinnerin im Kugelstoßen Christina Schwanitz. Keine La-Ola-Welle, kein Applaus, kein Flair: Die Stimmung im Stadion ist mies. Immer. Selbst als Sprint-Superstar Usain Bolt seinen 9,77-Sekunden-Auftritt am Sonntagabend hatte, war das 80.000 Zuschauer fassende Stadion nur zur Hälfte gefüllt. Einen Tag später, bei den Finals der Läufer, Werfer und Springer, kamen sogar nur noch 20.000.

Die Zuschauernot macht erfinderisch. Riesige Werbebanner wurden über den oberen Rängen ausgebreitet, berichtet die Onlineseite der russischen Zeitung "Sobesednik". Ziel der Aktion sei es, leere Plätze zu verdecken. Auch ein überdimensionaler Monitor wurde zu diesem Zweck vor den Tribünen aufgestellt, heißt es in dem Bericht weiter. Auf diese Weise wurde die Kapazität des Stadion von 80.000 auf 45.000 Plätze reduziert. Zumindest für den TV-Zuschauer zu Hause soll es so wirken, als herrsche im Luschniki-Stadion Bombenstimmung. Doch die gut gemeinten Versuche wirken hilflos. Die Verzweiflung ist groß.

"Leichtathletik? Ach, das mit den Pferden."

Woran liegt es, dass die sonst so sportbegeisterten Russen der Leichtathletik-WM die kalte Schulter zeigen? Offenbar an kompletter Ahnungslosigkeit. In einer Umfrage des russischen Fernsehsenders "Russland24" gaben über 50 Prozent der befragten Moskauer an, von dem Sportereignis in ihrer Stadt gar nichts zu wissen. Im Gegensatz zu Eishockey, Biathlon oder Fußball ist Leichtathletik außerdem nicht sehr populär. Der ukrainische Zehnkämpfer Alexej Kassjanow drückt es so aus: "Wenn du 'Leichtathletik' sagst, antworten manche Menschen: 'Ach, das mit den Pferden'."

Die traurigen Spiele von Moskau. Für Menschenrechtsaktivisten sind sie ein Grund mehr, die Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Sotschi zu überdenken. Russland steht wegen der Diskriminierung und gesetzlichen Verfolgung von Homosexuellen massiv in der Kritik. Viele fordern deshalb eine Neuvergabe der Spiele oder gar einen Boykott.

"Mein Bedauern über die faden Bilder aus Moskau hält sich in Grenzen", sagt Lars Peters, Vorsitzender des "Hamburg Pride". "So bedauerlich es für die gute olympische Idee und die Sportler ist: vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse in Russland hoffe ich auf ein ähnliches Scheitern der Propaganda in Sotschi."

Mitarbeit: Ellen Ivits

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