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Kommentar

Debatte um Meinungskultur in Deutschland : Die Reaktionen geben Kretzschmar leider recht

In einem Interview beklagte Stefan Kretzschmar, dass nur wenige Sportler sich trauen würden, ihre Meinung öffentlich zu äußern - aus Angst vor einem Shitstorm. Prompt endet der Handball-Star selbst am virtuellen Pranger. Seine Kritiker geben ihm dadurch unfreiwillig recht. 

Ex-Handballer Stefan Kretzschmar sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikro in seiner rechten Hand

Stefan Kretzschmar hat mit einem Interview mit der Website t-online eine heftige Debatte ausgelöst. Eigentlich ging es um die Situation von Profisportlern in der Öffentlichkeit. "Warum ist es so schwer, seine Meinung zu sagen?, wollten die Journalisten von dem Handball-Star wissen, der früher mal als "Berliner Schnauze" galt. Und der 218-malige Nationalspieler wusste eine Antwort: "Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse. Wenn du eine polarisierende Meinung hast, finden die 50 Prozent scheiße. Für alles, was dich von der Masse abhebt, erntest du einen Shitstorm. Dem setzt sich kein Profisportler aus. Alle gehen ihren gemütlichen Weg, keiner streckt den Kopf höher heraus, als er muss. Das würde ich genauso tun", gab Kretzschmar zu.

Stefan Kretzschmar hat mit seinen Äußerungen in einem Interview bei "t-online" für Wirbel gesorgt

Stefan Kretzschmar hat mit seinen Äußerungen in einem Interview bei "t-online" für Wirbel gesorgt

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"Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch? Es sei denn, es ist die Mainstream-Meinung, mit der man nichts falsch machen kann. Eine gesellschafts- oder regierungskritische Meinung darf man in diesem Land nicht mehr haben. Wir Sportler haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast kommt. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen. Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch."

Kretzschmars Angst erweist sich als berechtigt 

Und prompt bekommt Kretzschmar das, wovor er sich so fürchtet: einen Shitstorm. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat schrieb etwa auf Twitter, Kretzschmar habe Meinungsfreiheit nicht verstanden. "Sie beinhaltet 1. das Recht zu sagen, was man will (außer Beleidigungen etc.). 2. das Recht, einer anderen Meinung zu widersprechen. Ergo: Wer was äußert, muss mit Widerspruch rechnen." Und der CDU-Politiker und Beisitzer im Vorstand der Jungen Union, Marian Bracht, empfahl ihm gar: "Manche Menschen sollten vielleicht mal in Länder reisen, in denen Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und bürgerliche Freiheitsrechte wirklich eingeschränkt sind, um zu verstehen, was das bedeutet."

Dabei hatte sich Kretzschmar noch Mühe gegeben, zu konkretisieren, inwieweit er die Meinungsfreiheit eingeschränkt sieht - und das eben nicht durch den deutschen Staat, der Kritiker in Gefängnisse werfen würde, sondern durch die Angst, ins Kreuzfeuer einer wütenden Netzgemeinde zu geraten.

Und seine Angst war berechtigt. In den sozialen Medien wird Kretzschmar nun als Nazi, Verschwörungstheoretiker oder Dummkopf verunglimpft. Manche Menschen geben sich gar Mühe, vermeintlich lustige Bildchen zu erstellen, wie dieser User, der Kretzschmar und Björn Höcke zu einer Figur verschmelzen lässt. Wobei Kretzschmar in dem Interview kein einziges Wort verloren hat, das eine Nähe zu Höckes Vorstellungen vermuten lässt. Im Gegenteil: Der Handballer schwärmt von seiner Zeit in der linken Szene.

Ja, Kretzschmar wird in Deutschland für eine Meinungsäußerung nicht in den Knast gesperrt. Aber wenn er dieses Mal erst zwei und drei Mal darüber nachdenken musste, ob er seine Meinung äußert und schließlich den Mut dazu aufgebracht hat, wird er das nächste Mal vielleicht lieber schweigen. "Der schlaueste Weg, Menschen passiv und folgsam zu halten, ist, das Spektrum akzeptierter Meinungen strikt zu limitieren, aber innerhalb dieses Spektrums sehr lebhafte Debatten zu erlauben" schrieb der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky bereits 1998. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit beginnt eben nicht erst hinter Gittern, sondern in den Köpfen.

Schweigespirale nennt man in der Kommunikationswissenschaft dieses Phänomen. Dieser Theorie nach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des allgemeinen Meinungsklimas ab. Entspricht die eigene Meinung nicht der als vorherrschend empfundenen, so tendiert man dazu, seine eigenen Ansichten für sich zu behalten. Eine Isolationsfurcht, die die meisten Menschen empfinden, ist der Grund hierfür - ob bewusst oder unbewusst. 

Nicht alle wollen Beschimpfungen, Verunglimpfungen und Hass in Kauf nehmen. Und somit bekommt die Meinungsäußerung einen Preis, auch wenn dieser Preis nicht die eigene Freiheit oder Unversehrtheit ist. Einen Preis, den Kretzschmar nun zahlen muss.

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