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Dax über 7000 Punkten: Warum die Börse (noch) boomt

Mitten in der Euro-Krise knackt der Dax die Marke von 7000 Punkten. Geht es mit der Wirtschaft wieder bergauf? Oder wird die Luft bald dünn? Was die Börsen-Rally antreibt - und was sie gefährdet.

Eine Analyse von Isabel Gomez und Barbara Schäder

Krise? War da was? Das europäische Schuldendrama scheint vergessen - zumindest an den Aktienmärkten. Der Dax stabilisiert sich über der Marke von 7000 Punkten. Die guten Ergebnisse des Banken-Stresstests in den USA beflügelten am Mittwoch die Rally, die der griechische Schuldenschnitt am vergangenen Freitag ausgelöst hatte.

Doch vorbei ist die Euro-Krise noch lange nicht - deshalb sind auch die Gefahren für die Banken nicht gebannt. Und die Einsätze der Euro-Retter bringen bei allen Erfolgen der vergangenen Wochen neue Risiken mit sich. Ein Überblick über die Treiber des Börsenbooms und ihre Schattenseiten.

Chance: Hoffnung für die Konjunktur

Enttäuschende Wachstumszahlen aus den USA standen am Anfang des Crashs, der im vergangenen Sommer die Börsen weltweit erschütterte. Doch im zweiten Halbjahr 2011 kam die amerikanische Wirtschaft wieder in Fahrt. Dieser Trend scheint sich fortzusetzen: Die wachsende Kauflust der Verbraucher ließ im Februar bei den Einzelhändlern in den USA die Kassen klingeln. Die Umsätze stiegen um 1,1 Prozent, das war der stärkste Zuwachs seit fünf Monaten.

Zu der höheren Inlandsnachfrage trug der Rückgang der Arbeitslosigkeit bei. In den vergangenen drei Monaten wurden in den Vereinigten Staaten jeweils mehr als 200.000 Stellen geschaffen. Die Arbeitslosenquote ist mit 8,3 Prozent zwar noch immer hoch, bewegt sich aber auf dem niedrigsten Stand seit drei Jahren.

Selbst im krisengeschüttelten Euro-Raum gibt es Hoffnungssignale. Das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für Deutschland schnellte um 16,9 Punkte in die Höhe auf 22,3 Zähler. Die 300 vom ZEW befragten Analysten und Anleger bewerten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft damit so positiv wie seit zwei Jahren nicht mehr. Auch die Konjunkturerwartungen für die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft Frankreich verbesserten sich.

Das nährt Hoffnungen, dass der Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent im zurückliegenden Quartal lediglich eine Delle war. Die Bundesrepublik werde "wohl an einer Rezession vorbeischrammen", meint Postbank-Analyst Thilo Heidrich. Für das laufende Quartal rechnet sein Haus mit einem Nullwachstum. "Ab dem zweiten Quartal werden wir eine Beschleunigung der Konjunktur mit positiven Wachstumsraten sehen."

An den Aktienmärkten spiegelt sich dieser Optimismus in den kräftigen Kursgewinnen konjunkturabhängiger Titel wie Heidelbergcement , die mit einem Plus von 30 Prozent zu den Top Ten im DAX zählen.

Chance: Geldregen der EZB

Für eine Fortsetzung der Rally spricht auch die Liquiditätsschwemme bei den Banken. Die Europäische Zentralbank (EZB) vergab im Dezember und Februar Dreijahreskredite im Volumen von insgesamt 1000 Milliarden Euro. Von dem billigen Geld profitierten nicht nur bedürftige Banken in Südeuropa - auch deutsche Institute griffen zu. "Das führt zu verstärkten Investitionen in Immobilien oder auch in den Aktienmarkt", sagt Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus.

Überdies sorgen die EZB-Geldspritzen für gute Stimmung, weil sie die Finanzierungsprobleme der Euro-Sorgenkinder Spanien und Italien entschärften. Ein Teil der billigen Zentralbankkredite wurde offenbar in spanische und italienische Anleihen investiert. Die Kurse der Papiere legten deshalb kräftig zu, die Refinanzierungskosten der beiden Staaten gingen zurück. Ihre Entwicklung ist für das Schicksal der gesamten Währungsunion entscheidend. Denn Italien und Spanien sind zu groß, um von den Euro-Partnern gerettet zu werden.

Die Auswirkungen des Geldsegens zeigen sich auch an der Entwicklung europäischer Finanztitel: Der Stoxx Europe 600 Banks kletterte seit Jahresbeginn um 20 Prozent - doppelt so schnell wie der branchenübergreifende Stoxx 600.

Chance: Sprudelnde Unternehmensgewinne

Die Bilanzsaison ist fast abgelaufen - und die Schwergewichte in Europa und den USA übertrafen die Erwartungen. Dabei kam es weniger auf die Zahlen aus 2011 an. Besonders aufmerksam haben Investoren die Ausblicke auf das laufende Jahr verfolgt. Und die waren in den konjunktursensiblen Branchen durchaus positiv.

Bestes Beispiel ist die Automobilbranche. Die Konzerne übertrafen sich gegenseitig bei der Anzahl der produzierten und abgesetzten Wagen: 74 Millionen Neuwagen liefen im vergangenen Jahr branchenweit von den Fließbändern. Und die Hersteller gehen davon aus, dass es 2012 so weiter geht.

"Wir erwarten auch für 2012 ein weiteres Wachstum der weltweiten Automobilindustrie", sagt auch Felix Kuhnert, Partner und Autoexperte beim Wirtschaftsprüfer PwC. Er rechnet für 2012 mit rund 79 Millionen produzierten Fahrzeugen. Das wäre das dritte Rekordjahr hintereinander. Dazu trage neben dem starken Wachstum in Schwellenländern die Erholung in den USA bei.

Was die Börsen besonders angeschoben haben dürfte, sind die üppigen Dividendenzahlungen der Konzerne. Nach guten Noten im Stresstest der Notenbank Fed kündigten am Dienstagabend mehrere US-Banken höhere Ausschüttungen an. Branchenprimus JP Morgan beispielsweise erhöht die Dividende um 20 Prozent auf 30 Cent pro Aktie. Bei den DAX-Konzernen gibt es rund 3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Risiko: Dauerbrenner Euro-Krise

Obwohl Griechenland durch den Schuldenschnitt vom Wochenende um rund 100 Milliarden Euro entlastet wurde, steht die Währungsunion weiter vor gewaltigen Herausforderungen. Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schließt nicht aus, dass Athen nach dem zweiten noch ein drittes Rettungspaket der Euro-Partner benötigen könnte. Griechenland schuldete um - die Börse war entzückt Griechenland schuldete um - die Börse war entzückt

Die Schuldenlast des Landes ist mit gut 160 Prozent des BIP noch immer erdrückend hoch, und das Vertrauen der Investoren ist nachhaltig beschädigt. Ob sich Athen nach Auslaufen des zweiten Hilfsprogramms Ende 2014 wieder selbstständig am Markt refinanzieren kann, ist deshalb zweifelhaft.

Überdies hat Spanien im Kampf gegen die Krise einen Rückschlag erlitten: Das Haushaltsdefizit fiel im vergangenen Jahr mit 8,5 Prozent deutlich höher aus als geplant. Die Risikoprämien spanischer Staatsanleihen sind deshalb zuletzt wieder leicht gestiegen: Seit einigen Tagen liegen die Renditen von Zehnjahresläufern wieder über fünf Prozent. Sie sind ein Indikator für die Refinanzierungskosten, mit denen Madrid bei der Emission neuer Staatsanleihen rechnen muss.

Zwar kamen die Euro-Partner der neuen Regierung unter dem konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy entgegen und lockerten die Haushaltsvorgaben für 2012: Spanien wird ein Defizit von maximal 5,3 Prozent gestattet, ursprünglich war eine Senkung auf 4,4 Prozent vorgesehen. Dennoch muss Madrid zusätzlich zu den bereits geplanten Kürzungen von 15 Milliarden Euro weitere 5 Milliarden Euro sparen.

Die Einschnitte könnten den Absturz der spanischen Wirtschaft beschleunigen. Bereits im zurückliegenden Quartal schrumpfte das BIP um 0,3 Prozent, für das laufende Jahr befürchtet die spanische Zentralbank ein Minus von 1,5 Prozent. Damit nicht genug: Das nach der Wirtschaftsleistung größte Euro-Sorgenkind Italien steckt bereits in einer Rezession.

Risiko: Abkühlung in den Schwellenländern

Eingetrübt werden die Aussichten der deutschen Exportwirtschaft auch durch die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China. Nach einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 9,2 Prozent 2011 rechnet Peking in diesem Jahr nur noch mit einem Plus von 7,5 Prozent. Das wäre die niedrigste Wachstumsrate seit 1990. Damit sinken die Chancen, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt von den USA die Rolle des globalen Konjunkturmotors übernimmt.

Auch in anderen Schwellenländern geht der Boom zu Ende: In Indien wird für das im März endende Haushaltsjahr ein Anstieg des BIP um sieben Prozent erwartet, das wäre der geringste Zuwachs seit drei Jahren. In Brasilien brach die Wachstumsrate bereits im vergangenen Jahr um fast fünf Prozentpunkte auf 2,7 Prozent ein.

Allerdings hängt die Abkühlung in den Schwellenländern mit der Euro-Krise zusammen: Dass China seine Wachstumsprognose nach unten korrigierte, liegt nicht zuletzt an der sinkenden Nachfrage der Industriestaaten nach chinesischen Produkten. Auch das Engagement westlicher Investoren in China leidet unter der Schuldenkrise. Berappelt sich Europa, dürfte auch das Wachstum in den Schwellenländern wieder zulegen.

Risiko: Blasenbildung

Die Liquiditätsspritzen der EZB treiben die Kurse an, schaffen aber auch einen idealen Nährboden für die Entstehung einer Blase. Denn das Bestreben, die Milliarden möglichst ertragreich anzulegen, könnte Investoren zu riskanten Manövern verleiten.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann wies am Dienstag darauf hin, dass sich der Anstieg der Vermögenspreise in Deutschland schon merklich beschleunigt habe. Immobilien verteuerten sich im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent.

Hohe Inflationsrate Auch die allgemeine Inflationsrate im Euro-Raum lag im Februar mit 2,7 Prozent über dem von der EZB angestrebten Wert von knapp zwei Prozent. Die Verbraucherpreise steigen damit deutlich schneller als die Wirtschaftsleistung, die in der Währungsunion zuletzt 0,7 Prozent über dem Vorjahresniveau lag.

"Diese ganze Liquidität sollte zu selbsterhaltendem Wachstum führen. Wenn die Weltwirtschaft jetzt nicht selbstständig wachsen kann, dann haben wir wirklich ein Problem. Und wenn sie nicht wachsen kann, warum steigen dann die Aktienkurse?", fragte der Analyst Ed Yardeni von Yardeni Research im Gespräch mit der Financial Times. Er halte die Banken für "süchtig" nach dem Zentralbankengeld.

Und das ist keine gute Basis für eine nachhaltige Erholung der Finanzmärkte.

Von:

Isabel Gomez und Barbara Schäder