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Inflation: Wer soll das bezahlen?

Lebensmittel sind drastisch teurer geworden, genauso wie Benzin, Heizöl und vieles andere. Nichts macht den Deutschen mehr Sorgen als die steigenden Preise. Der stern zeigt, wie die Inflation unser Leben verändert und warum sie so schwer unter Kontrolle zu bekommen ist.

Von Stefan Schmitz

Wie überall in Deutschland wird auch das Leben im Paradies immer teurer. Zum Beispiel in Esens an der Nordsee. Der Deich ist nah, das Wattenmeer gleich um die Ecke. Eben ein "Paradies", wie Werner Mestel findet. Nur leisten kann er es sich eigentlich nicht mehr. Zweimal die Woche, an der Kasse der Tankstelle, erfährt er, was es gerade kostet: Erst waren es 1,40 Euro den Liter, dann 1,45, dann 1,50. Für jede Fahrt in sein Büro bei der Meyerwerft in Papenburg und zurück nach Esens braucht er rund zwölf Liter - macht derzeit etwa 18 Euro. 184 Kilometer sind es hin und zurück. Tag für Tag. Damit die Spritrechnung ihn nicht völlig ruiniert, fährt er schön langsam und nimmt hin, dass er gelegentlich sogar von Lastwagen überholt wird. 315. 000 Kilometer hat sein alter Honda Civic auf dem Tacho. "Für ein neues Auto habe ich kein Geld", sagt der 49-Jährige. Woher auch? Er steckt ja alles in das alte.

Ein paar von Mestels Kollegen haben sich Autos mit Gasantrieb gekauft. Das hilft - aber wirklich entkommen kann dem Preisschub keiner. Auch Gas wird schließlich immer teurer. Genau wie vieles andere. Drei Prozent beträgt die offiziell gemessene Inflation. Bei vielen Waren sind die Preissteigerungen deutlich höher. Schon jetzt verunsichert nichts die Bevölkerung mehr als die steigenden Preise. Nach einer Umfrage von infratest bereiten sie 86 Prozent der Deutschen große Sorgen.

Nichts ist mehr, wie es war. Fast zwei Jahrzehnte galt die Geldentwertung als besiegt, als Gespenst aus vergangenen Tagen, das in den 70er Jahren die Freude an Lohnsteigerungen verdarb und zu Omas Zeiten alle Ersparnisse auffressen konnte. Nun ist das Gespenst zurück, und es wird unser Leben verändern. "Die bisherigen Preissteigerungen sind erst der Anfang", warnt Thorsten Polleit, der Chefvolkswirt Deutschland von Barclays Capital. Bei Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln hätten wir lange Niedrigpreise genossen, die der Vergangenheit angehörten. "Wir kommen aus den Jahrzehnten des Überflusses", meint er. Nun stehe das "Jahrzehnt der Knappheit" bevor.

Am stärksten sind die betroffen, die wenig haben

Diese "Knappheit" trifft auch genau die Leute, die in den Sonntagsreden der Politiker als wahre Leistungsträger gefeiert werden. Menschen wie Sina Cousido und Birger Wendelberger. Sie sind beide 30 Jahre alt; Sina hat zwei Kinder, die in die Grundschule gehen. "So wie es jetzt ist, kommen wir nicht mehr über die Runden", sagt sie. Im September fängt sie bei T-Mobile eine Halbtagsstelle an, bald will sie Vollzeit arbeiten. Geld muss in die Haushaltskasse, in der ein Loch klafft, das ständig größer wird. Cousido und Wendelberger kaufen schon jetzt meist No-Name- Spaghetti statt der altvertrauten Markennudeln, begnügen sich oft mit Billigchips, auch wenn die weniger knusprig sind. Das Abendessen stellen sie aus dem zusammen, was gerade im Angebot ist - trotzdem ist das Konto am Monatsende in den roten Zahlen. "Das gab es bei mir früher nie", sagt Birger Wendelberger.

Als es vor ein paar Wochen so richtig heiß war, haben sie für 25 Euro ein Planschbecken zum Aufblasen gekauft. Die Kinder können darin in Omas Garten rumtoben, Spaß haben und vergessen, dass ihre Mutter und deren Freund sich den Eintritt im Freibad nicht mehr leisten können. Jedenfalls nicht mehr einfach so und nur weil die Sonne scheint. "Dass die Kleinen auf so vieles verzichten müssen, ist das Schlimmste", klagt Cousido. Dass Familien mit Kindern oft mit bitter wenig Geld auskommen müssen, hat natürlich nicht nur mit der Inflation zu tun. Aber wenn die Preise steigen, sind die am stärksten betroffen, die wenig haben. Es ist auch eine soziale Aufgabe, für Preisstabilität zu sorgen.

Die Verantwortung dafür liegt bei den Zentralbankern, für Deutschland also seit 1999 bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Lange hat sie wie die anderen wichtigen Notenbanken immer mehr billiges Geld in die Wirtschaft gepumpt. Nun sind die Herren aufgewacht. Zumindest reden sie unentwegt von Inflation. Die Europäische Zentralbank hat durchblicken lassen, dass sie die Zinsen wohl ein wenig anheben wird. Aber sie steckt in der Klemme: Wenn sie nichts tut, steigen die Preise. Wenn sie die Zinsen deutlich anhebt, gefährdet sie das sich ohnehin abschwächende Wachstum.

Es sind die Zentralbanken, die entscheiden, wie viel Geld es in der Welt gibt. Gesteuert wird die Geldmenge vor allem über den Zinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken bei den Zentralbanken Geld besorgen können. Ist er niedrig, steigt die Nachfrage nach Krediten. Und die schafft neues Geld. So können die Geschäftsbanken bei der Zentralbank Wertpapiere hinterlegen und erhalten dafür Gutschriften in echtem Geld, das es vorher gar nicht gab. Seit Jahren nimmt die Menge der vagabundierenden Euros - ebenso wie die anderer Währungen - viel schneller zu als die der produzierten Güter und Dienstleistungen.

Die Schurken sitzen in den Zentralbanken

Polleit macht das richtig wütend. Die Schurken sitzen aus seiner Sicht nicht nur in China oder am saudischen Ölhahn - sondern mitten unter uns. In den Zentralbanken. Tatsächlich ist deren Geschäft schwieriger geworden. Denn über viele Jahre drückte die Globalisierung auf die Preise. Millionen von Chinesen, Indern und Lateinamerikanern produzierten zu absurd niedrigen Preisen die Waren, die dann bei uns in Supermärkten und Elektronikkaufhäusern landeten. Globalisierung war ein Programm gegen die Inflation, das es den Notenbanken erlaubte, die Wirtschaft mit billigem Geld zu befeuern. Doch jetzt liegt die Teuerung in China bei annähernd zehn Prozent. Die Löhne steigen, die Preise auch, der Bedarf an Rohstoffen ebenso wie die Nachfrage nach Lebensmitteln und Kleidung. Zwei Drittel der Weltbevölkerung werden nach Einschätzung des britischen "Economist" mit zweistelligen Inflationsraten leben müssen. Ein Teil davon kommt auch bei uns an. Globalisierung ist nun ein Programm zur Steigerung der Preise. Besserung ist nicht in Sicht.

Das Geld auf dem Konto wird so immer weniger wert. Das ist eine Erfahrung, die vom Arbeitnehmer bis zum Rentner ein großer Teil der Deutschen macht, selbst wenn sich an den Lebensumständen gar nichts ändert. Der Berliner Rentner Werner Radschuk zum Beispiel hat in den vergangenen 17 Jahren erlebt, dass ihm jede Rentenerhöhung gleich von seiner Zusatzversorgung als ehemaliger Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes abgezogen wird. In Mark und Pfennig - und später in Euro und Cent - bekam er stets etwa gleich viel. Kaufen kann er sich dafür schon bisher Jahr für Jahr weniger. Und das Tempo der Geldentwertung nimmt zu. "Aber ich kann ja nur einmal essen", sagt der immer noch vergleichsweise gut gestellte 79-Jährige. "Und zu viel essen darf ich sowieso nicht." Radschuk ist alt und gelassen. Ein glücklicher Mensch.

Die Geldmenge ist nicht allein entscheidend

Der Streit darüber, was schiefgelaufen ist, muss ihn nicht mehr interessieren. Bankmanager Polleit dagegen trägt ihn täglich aus. Neben seinem Brotjob in der Bank unterrichtet er Wirtschaftsstudenten. Unter denen lösen seine Thesen heftige Debatten aus um Geld und Geldmenge, Inflation und Preise. Die Literatur dazu füllt viele Regalmeter. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Geldmenge ist wichtig; aber wohl doch nicht allein entscheidend. Es kommt auch darauf an, wie sich Preiserhöhungen fortpflanzen.

Auch da sind die 70er Jahre das Paradebeispiel: Öl wurde damals plötzlich viel teurer, dann setzten die Gewerkschaften höhere Löhne durch, dann stiegen auch die Preise anderer Produkte - und das zog neue Lohnforderungen nach sich. Solche Szenarien rauben Notenbankern den Schlaf. Schon gibt es erste Warnungen, dass auch in Deutschland wieder eine Lohn-Preis-Spirale droht. Ökonomen sprechen von "Zweitrundeneffekten", die dem ersten Schub folgen.

In Hamburg haben die Taxifahrer nun beantragt, dass die Fahrpreise steigen - wegen der Benzinkosten. Ein Blick auf die Großhandelspreise zeigt, welch großer Druck sich aufbaut. Der entsprechende Index lag im Mai satte acht Prozent über dem Vorjahr. Es war der größte Sprung bei den Großhandelspreisen, den das Statistische Bundesamt seit 1982 gemessen hat. Auch die Lohnabschlüsse liegen deutlich über denen früherer Jahre, in denen der Druck der billigen Importe die Gewerkschaften zu Zugeständnissen zwang.

Verhalten anpassen

Geht alles wie der von vorn los? Etwas gequält geben Ökonomen wie Claus Schäfer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Gewerkschaften Entwarnung: "Ich sehe nicht, dass auf einmal riesige Lohnerhöhungen durchgesetzt werden können." Bislang sei es - leider - nicht gelungen, das immer krassere Missverhältnis zwischen Löhnen und Gewinnen auszugleichen.

"Zweitrundeneffekte sind nicht zu beobachten", bestätigt Michael Bräuninger, der beim Hamburger Weltwirtschaftsinstitut den Bereich wirtschaftliche Trends leitet. Bräuninger, ein besonnener Mann ohne Hang zum Drama, sieht die gesamte Preisentwicklung gelassener als viele seiner Kollegen. Beim Öl, das für über 135 Dollar das 159-Liter-Fass gehandelt wird, diagnostiziert er eine "spekulative Überzeichnung". Bei Nahrungsmitteln erwartet er Entspannung durch eine Ausweitung des Angebots. Aber auch Bräuninger stellt fest, dass sich das Preisgefüge ändert. Und das bedeutet für jeden Einzelnen, dass er gut beraten ist, sein Verhalten anzupassen.

Schon jetzt machen das viele Deutsche. Nach einer Forsa-Umfrage für den stern haben 55 Prozent ihre Einkaufsgewohnheiten angesichts gestiegener Lebensmittelpreise geändert. Sie gehen nun häufiger zum Discounter oder kaufen Sonderangebote. 48 Prozent verzichten wegen der hohen Spritpreise regelmäßig auf ihr Auto und fahren Fahrrad, Bus oder Bahn.

Schwierige Durchsetzung

Nur ist die Anpassung oft sehr schmerzhaft. Manchmal ist sie fast unmöglich. Werner Mestel etwa, der norddeutsche Fernpendler, kann nicht einfach näher an seinen Arbeitsplatz ziehen. Seine schwerkranke Frau liegt an der Küste im Pflegeheim. Betreut wird sie auch von ihrer alten Mutter, der ein Umzug aus der Region wirklich nicht zuzumuten ist.

Nur schwer auf die höheren Energiepreise reagieren können auch Familien wie die Brenners aus dem schwäbischen Rudersberg. Vor der Tür der gelb gestrichenen Doppelhaushälfte hält gerade Ölhändler Albrecht Rühle. 3136 Liter füllt er in den Tank. Der Brennstoff kostet 78,9 Cent den Liter - fast genau fünfzig Prozent mehr als vor eineinhalb Jahren. Eine Mehrbelastung von über 830 Euro. "Das Öl wird zum Luxus", sagt Markus Brenner. Seine Frau Gisela hat ausgerechnet, dass die Familie im Monat 462 Euro für Strom, Öl, Benzin, Holz und Wasser ausgibt. Das sind mehr als ein Fünftel des Einkommens. Eine neue Schrankwand ist da im Moment ebenso wenig drin wie Ersatz für die abgewetzte Ledercouch. "Man fragt sich zweimal: Brauch ich das jetzt, oder geht es noch?"

Die Brenners haben vor drei Jahren für viel Geld ihre Ölheizung modernisiert. Jetzt alles umzustellen kommt daher nicht infrage. Aber sie versuchen sich anzupassen: Im Wohnzimmer steht nun zusätzlich ein Schwedenofen, der mit Holz befeuert wird. Und vor der Tür ein Motorroller, der halb so viel Sprit braucht wie der Familien-Passat.

Die Familie hat alles richtig gemacht und zahlt trotzdem drauf. Aber wenigstens nur einmal. Wer die Augen zumacht, sich ärgert und so lebt wie bisher - der zahlt doppelt. Das gilt für Konsumenten, aber auch für Sparer. Sie können versuchen, ihr Geld in Sachwerten oder inflationsgesicherten Papieren anzulegen (siehe Infografik S. 2). Wenigstens sollten sie darauf achten, dass es nicht einfach herumliegt. Was das kostet, erleben gerade die Frauen des Dortmunder Kegelklubs "Schnapsdrosseln". Lächerliche 0,5 Prozent zahlt die Bank auf ihr Sparbuch. "Manchmal haben wir bis zu 5000 Euro gespart", sagt Kassiererin Ilona Adam. Auch wenn die Damen - alle zwischen 65 und 75 Jahre alt - Internet und Direktbanken scheuen, wäre jedes Prozent mehr Inflation ein zusätzlicher Grund, nach einer anderen Anlage zu suchen.

Folgen der Geldentwertung

Die "Schnapsdrosseln" riskieren nur, dass ihr nächster Ausflug etwas bescheidener ausfällt. Für alle, die darauf hoffen, im Alter von ihrem Ersparten zu leben, kann die Geldentwertung dagegen dramatische Folgen haben. Der smarte Finanzberater Bernd Nitschmann rechnet es immer wieder vor - auch in der Variante für den wohlsituierten Angestellten. "Nehmen wir einen 30-Jährigen, der mit 67 aufhört zu arbeiten", sagt Nitschmann. "Der braucht bei 3,5 Prozent Inflation im Alter 5356 Euro im Monat, um eine Kaufkraft zu haben, die heute 1500 Euro entspricht." Die meisten Leute hätten nicht verstanden, wie auch eine moderate Preissteigerung auf Dauer ihr Geld vernichtet.

Von Milton Friedman, dem Lieblinsgsökonomen der Wirtschaftsliberalen, stammt das berühmte Wort, Inflation sei Steuererhöhung ohne gesetzliche Grundlage. Tatsächlich nimmt wegen der Progression die Steuerlast zu, wenn mit den Preisen die Löhne steigen. Große Schuldner - allen voran der Staat - profitieren zudem von der Entwertung ihrer Zahlungsverpflichtungen. Bei allen, die Löhne beziehen oder Rechnungen schreiben, kommt es darauf an, ob sie stark genug sind, höhere Forderungen durchzusetzen.

Für die Osnabrücker Wirtschaftsstudentin Svenja Meier ist auch das ein Antrieb, sich anzustrengen. Sie lebt von wenig Geld, genießt das Leben trotzdem und klagt nicht. Sie hat auch keinen Grund dazu. Denn sie ist zuversichtlich, dass es aufwärtsgeht: "Ich studiere ja nicht umsonst." Als sie das gesagt hat, lacht sie etwas verlegen. Denn in dem scheinbar harmlosen Satz schwingt eine unangenehme Wahrheit mit: Die Rückkehr der Inflation wird - trotz der noch immer moderaten Raten - die Ungleichheit im Land vergrößern. Die Unterschiede zwischen Starken und Schwachen, Armen und Reichen nehmen zu.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(