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Warnung des Verbraucherschutzministeriums Die 1-Cent-Luftnummer

Deutsche Bankkunden sind verschreckt, weil das Verbraucherschutzministerium vor einer neuen Betrugsmasche warnt. Doch die Meldungen aus dem Berliner Ministerium sind ein Schnellschuss.
Von Sönke Wiese

Eine Meldung vom Wochenende hat Medien und Verbraucherschützer in hellen Aufruhr versetzt und tausenden Bankkunden einen gehörigen Schrecken eingejagt. Mit einem kinderleichten Trick könnten Betrüger nach Belieben Konten leer räumen, warnte Julia Klöckner, CDU-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium. Die angeblich neue Masche hat auch schon einen griffigen Namen: der "1-Cent-Trick". Demnach geht der Trick so: Die Täter überweisen zunächst 1-Cent-Beträge auf zufällig generierte Kontonummern, quasi ins Blaue hinein. Kommt das Geld nicht zurück, wissen sie, dass es das Konto wirklich gibt und beginnen mit dem Plündern per Bankeinzug. Das sei seit der Umsetzung einer EU-Richtlinie nun spielend leicht möglich, hieß es aus dem Verbraucherschutzministerium der CSU-Politikerin Ilse Aigner.

Der "Spiegel" berichtete am Samstag darüber, die "Süddeutsche Zeitung" hob das Thema am Montag sogar auf ihre Titelseite. Seitdem laufen bei den Verbraucherzentralen die Telefone heiß. Doch nicht etwa Scharen von betrogenen Bürgern melden sich, sondern: Journalisten. Sie wittern einen großen Verbraucherskandal, eine unerhörte Gesetzesänderung, die Betrug in ganz großem Stil forciert und Millionen Bürger um ihre Ersparnisse bringen könnte. Aber bei genauerer Recherche entpuppt sich die Warnung des Verbraucherschutzministeriums als Schnellschuss. In Deutschland sind nämlich kaum Vorfälle mit dem sogenannten "1-Cent-Trick" bekannt.

"Weder ich noch meine Kollegen aus der Rechtsabteilung hatten je damit zu tun", sagt etwa der Berliner Verbraucherschützer Peter Lischke stern.de. Markus Zeck von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sagt ebenfalls: "Uns sind keine konkreten Fälle bekannt. Wir hören davon immer nur aus den Medien." Es heißt, irgendwo in der ostdeutschen Provinz hätte einmal eine Polizeistelle einen Fall gemeldet. Eine Pressesprecherin des Verbraucherschutzministeriums bestätigte stern.de: "Das ist kein Massenphänomen. Wir haben ein paar Zuschriften bekommen." Nicht sagen konnte die Sprecherin, wie viele Bürger sich bislang gemeldet haben oder um welche Summen es gegangen ist.

So schützen Sie sich

Auch wenn es bislang kaum Opfer gibt, völlig grundlos ist die Warnung des Ministeriums vor 1-Cent-Banden dennoch nicht. Dass die Masche theoretisch angewandt werden kann, sagen auch Verbraucherschützer. Wahrscheinlich würden Betrüger kleinere Beträge wählen und sich einen unauffälligen Verwendungszweck ausdenken. Möglich ist das seit der Umsetzung einer EU-Richtlinie im Oktober 2009, die für europaweite einheitliche Standards und vor allem schnellere Überweisungen sorgen soll. Seitdem sind die Banken nicht mehr verpflichtet, die Daten auf Stimmigkeit zu überprüfen. Deshalb reicht eine existierende Kontonummer, auch wenn der Inhaber unbekannt ist.

Trotzdem müssen Kontobesitzer nun nicht in Panik verfallen. "Es reicht, wenn man regelmäßig, am besten wöchentlich, alle Geldbewegungen überprüft", sagt Verbraucherschützer Markus Zeck. Sollte es tatsächlich zu einer unberechtigten Abbuchung gekommen sein, beträgt die Widerrufsfrist acht Wochen. "Das funktioniert völlig unbürokratisch, im Nu hat man sein Geld zurück." Im Betrugsfall könnte die Bank sogar für 13 Monate haften. Doch Zeck rät, sich nicht darauf zu verlassen. "Wenn man die gewöhnliche Widerrufsfrist von acht Wochen verbummelt hat, kann es kompliziert werden. Dann muss man nachweisen, dass Betrug vorliegt und man nicht selbst fahrlässig gehandelt hat."

Die neue EU-Richtlinie hat den Verbrauchern allerdings ein anderes Ärgernis eingebracht. Die Geldinstitute sind nicht mehr verpflichtet, offensichtlich fehlerhafte Überweisungen rückgängig zu machen. "Wenn das Geld wegen eines einfachen Zahlendrehers auf einem falschen Konto landet, sind die Kunden auf die Kulanz der Bank angewiesen", sagt Zeck. Der korrekt ausgefüllte Empfängername reiche nicht, maßgeblich sei allein die Kontonummer.

Doch trotz dieser offensichtlichen Unzulänglichkeiten kann das Verbraucherschutzministerium keine Nachbesserung in Aussicht stellen. "Gesetzgeberisch haben wir bei der Umsetzung der EU-Vorgaben keinen Spielraum", sagte Aigners Pressesprecherin Sandra Pabst stern.de.


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