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Arbeitszeitdebatte: Eine Woche weniger Urlaub?

Der Bundesverband der Deutschen Industrie unterstützt den Vorschlag, deutschen Arbeitnehmern eine Woche weniger Urlaub zu gewähren. Die Idee der 50-Stunden-Woche erntet indes immer mehr Kritik.

In der Debatte um längere Arbeitszeiten mehren sich in der deutschen Wirtschaft die Forderungen nach Urlaubsverzicht.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) stellte sich hinter den Vorschlag des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, den Urlaubsanspruch um eine Woche zu kürzen. "Es wäre nicht unzumutbar, wenn die Deutschen künftig fünf statt sechs Wochen bezahlten Urlaub hätten", sagte BDI-Präsident Michael Rogowski. Der Präsident des Münchener ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sprach sich dafür aus, über eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden nachzudenken. Eine 50-Stunden-Woche lehnte er aber ab.

"Industrie hat praktisch nichts verdient"

Rogowski begründete seinen Vorstoß für eine drastische Urlaubskürzung damit, dass die deutsche Industrie wegen relativ hoher Lohnkosten und niedriger Umsatzrenditen in den vergangenen beiden Jahren "praktisch nichts verdient" habe. Deutschland liege mit 42 Urlaubs- und Feiertagen weltweit auf einer Spitzenposition, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller wies Rogowskis Forderung als "ideologisches Gequatsche" zurück.

Bereits am Wochenende hatte der Präsident des Außenhandelsverbandes, Anton Börner, eine Kürzung des Urlaubsanspruchs ins Gespräch gebracht. Weite Teile der Wirtschaft, der deutschen Politik und die Gewerkschaften insgesamt lehnen eine generelle Arbeitszeitverlängerung ab. Sie fordern aber flexiblere Arbeitszeiten und werden dabei von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) unterstützt.

"50 Stunden pro Woche sind übertrieben"

Sinn sagte im Inforadio Berlin-Brandenburg: "Der Ansatz ist richtig, dass man länger arbeiten muss. Wenn wir 42 Stunden arbeiten, dann fallen die Lohnkosten um zehn Prozent. Dann können wir uns mit einigen europäischen Ländern schon wieder vergleichen." Eine Debatte über eine Arbeitszeitverlängerung auf 50 Stunden pro Woche sei aber übertrieben. "50 Stunden ist eine Horror-Zahl, damit kann man alles kaputt machen", sagte Sinn. "Das Problem ist, die deutschen Industrie-Arbeiterlöhne pro Stunde sind die höchsten in der Welt." Zum Billiglohnland könne und müsse Deutschland zwar nicht werden. Wenn die Arbeitszeit im Durchschnitt aber von derzeit de facto 38 auf 42 Stunden pro Woche erhöht werde, würde Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Das Kernproblem sieht Sinn im Flächentarifvertrag, der nur geringe Flexibilität zulasse.

Auch Meyer gegen 50-Stunden-Woche

In der Debatte um eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit hat sich CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer von Forderungen nach einer 50-Stunden-Woche distanziert und damit einer Empfehlung führender Wirtschaftsexperten widersprochen. Auch von einer möglichen Kürzung der Urlaubszeiten um eine Woche nahm Meyer am Mittwochabend deutlich Abstand. "Ich halte von diesen Diskussionen, die ja jetzt aufgekommen sind, überhaupt nichts", sagte er hierzu im Südwest-Fernsehen. Die Idee, einer 50-Stunden-Woche nannte der Unionspolitiker "geradezu töricht". "Damit", fügte er hinzu, "will man allenfalls eine Diskussion kaputt machen ..."

"Ideologisch aufgeladene Debatte"

VW-Personalvorstand Peter Hartz, der Initiator der von ihm federführend formulierten Arbeitsmarktreformen, nannte die Debatte um eine 50-Stunden-Woche ideologisch aufgeladen. Er plädierte für Arbeitszeitkonten, mit denen bis zu 400 Stunden Mehr- oder Wenigerarbeit pro Jahr möglich seien - wobei die Zeiten später wieder ausgeglichen werden müssten. "Wenn dabei im Einzelfall mal eine 50-Stunden-Woche herauskommt - was soll daran schlimm sein?", schränkte er ein.

Deutschland liegt nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei der Länge der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit unter den Industrieländern an drittletzter Stelle. Nur in Norwegen und den Niederlanden arbeiten die Beschäftigten im Schnitt weniger.

Reuters/DPA / DPA / Reuters