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Talk-Kritik "Hart aber fair": Die große Leere nach dem Mittelfinger

Aufregung um den Mittelfinger hin oder her - leider weiß niemand, auch Experten und Politiker nicht, wie es mit Griechenland weitergehen wird. Bestes Beispiel: die Talkrunde bei "Hart aber Fair".

Von Laura Himmelreich

Wortgewaltig, aber weitgehend ahnungslos, wie es in Griechenland weitergehen wird: Talkrunde bei Plasberg

Wortgewaltig, aber weitgehend ahnungslos, wie es in Griechenland weitergehen wird: Talkrunde bei Plasberg

Gleich zu Sendungsbeginn prangt der Stinkefinger minutenlang überlebensgroß auf den Bildschirmen hinter den Talkshowgästen. Der Mittelfinger gehört dem griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis. Der Finger dient als Corpus Delicti dafür, dass die Griechen jeden Anstand verloren haben. Bei "Hart aber Fair" wollte Frank Plasberg mit seinen Gästen über das Image der Griechen reden. Der Titel der Sendung gab schon einmal drei mögliche Beschreibungen vor: "pleite, beleidigt und dreist", hieß es da. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Causa Stinkefinger war dann glücklicherweise schnell abgehakt und die Gäste einig, dass der griechischen Krise weder verbale Beleidigungen noch jene durch Gesten weiterhelfen. Während Plasberg die Debatte rastlos von Einspielfilm zu Einspielfilm trieb, bemühten sich die Gäste in den Pausen dazwischen, ihre eigene Ideologie zu verteidigen. Die Chefin der Linkspartei, Katja Kipping, rechtfertigte ihre Freunde im Geiste von der links-geführten Regierung Griechenlands. Den Athenern könne erst geholfen werden, wenn die EU das Land nicht weiter zu neoliberalen Reformen zwänge, so der altbekannte Duktus. Dabei erwähnte sie so oft das Schicksal griechischer Putzfrauen, dass man den Eindruck haben konnte, kaum jemand in dem Land arbeite in einer anderen Branche.

Ex-"BamS"-Chef gegen die Ex-Kollegen

Der Chef von "Bild.de", Julian Reichelt, musste vor allem die populistische Anti-Griechen Kampagne seines eigenen Blattes verteidigen. Bemerkenswerterweise teilte Politikberater und Ex-"Bild am Sonntag"-Chef Michael Spreng am härtesten gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber aus. "Unverantwortlich" sei die Kampagne der "Bild", sagte Spreng, getrieben von dem Wunsch, dem Volk nach dem Mund zu reden und davon, von eigenen journalistischen Mängeln abzulenken. Und dann war da noch Jorgo Chatzmarkakis, früher FDP-Quertreiber, dann Ex-Doktortitelbesitzer, heute Sonderbotschafter der griechischen Regierung. Ganz Botschafter des Landes seiner Eltern betonte er klarzustellen, sein neuer Arbeitgeber sei besser "als sein Ruf". Wie es nun mit Griechenland weitergehen soll, wussten diese vier Gäste allerdings auch nicht zu sagen.

Ganz anders SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und der "Wissenschaftler", Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut. Sie vertraten zwar konträre Positionen. Dies aber gleichermaßen überzeugt und mit der beneidenswerten Fähigkeit in die Zukunft sehen zu können. Sogar in die griechische. Sinn, der als Wissenschaftler so laut ist wie umstritten, glaubt genau zu wissen, was zu tun ist. Raus mit den Griechen aus dem Euro. Die nötigen Zahlen hat er für den Fall der Fälle schon alle parat: um wie viel die neue griechische Währung abgewertet werden muss, um wie viel die Preise sinken müssen und wie viel das am Ende Deutschland kosten wird, nämlich knapp 85 Milliarden Euro. Die gesamte Kreditsumme, die Deutschland den Griechen geliehen hat, wäre weg. Sinn wirft nur so mit Zahlen um sich, die er seit 2010 sammelt und berechnet, um zu belegen, dass Griechenland nur zu retten ist, wenn es wieder die Drachme einführt. Von den Folgen für die EU oder möglichen Kettenreaktionen wenn die griechischen Banken durch Kapitalflucht Pleite gehen, will er dagegen nichts wissen.

Warum sagt niemand: "Ich habe keine Ahnung"?

Die Zukunft, die SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann dagegen sieht, ist eine gänzlich andere, doch aus seiner Sicht ist sie genauso alternativlos. "Ich plädiere dafür, so lange zu helfen, so lange die griechische Regierung Zug um Zug die Reformen umsetzt", sagt er. Warum das nun klappen soll, obwohl es bisher nicht funktionierte, das sagt er allerdings nicht.

Nach 75 Minuten Talkshow wünscht man sich, es gebe einen Wissenschaftler oder Politiker, der sich in solch eine Runde setzt und sagt: "Ich habe auch keine Ahnung, was es am Ende kostet und ob wir diese Politik in zehn Jahren bereuen werden. Aber nach aller Abwägung erscheint mir dieser Weg am besten." So lange in Talkshows die eine Hälfte der Gäste überhaupt nicht weiß, wie es weitergehen soll und die andere ihre jeweils riskanten Vorschläge als "alternativlos" darstellt, so lange haben es die Populisten leicht. Egal, ob die nun in Athen sitzen oder bei der "Bild"-Zeitung.