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Bahn-Gewerkschaften: Lokführer haben "Schnauze voll" von Verdi

Die Einigung im Tarifkonflikt der Deutschen Bahn zeigt Spätfolgen: Immer mehr Lokführer wechseln von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zur Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Der Grund: Verdi ist zu kompromissbereit während die Lokomotivführer mit Härte imponieren.

Von Rudolf Stumberger

Lohnzurückhaltung war einmal, kampfbereite Gewerkschaften sind im Kommen. So verlassen immer mehr bayerische Trambahn- und U-Bahn-Führer die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und wechseln zur Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). In Nürnberg wurde jüngst eine neue GDL-Ortsgruppe gegründet. Deren Vorsitzende, die Trambahnfahrerin Karin Bayerlein, sah wie viele Kollegen ihre Interessen von Verdi nicht mehr richtig vertreten. Erst im vergangenen Herbst waren in München rund 300 Straßenbahn-, Bus- und U-Bahn-Fahrer der GDL beigetreten. "In München und Nürnberg sind jeweils mehrere hundert neue Mitglieder dazugekommen", so Christine Selg, GDL-Geschäftsführerin in München. Und: "Der Trend hält an." Eine Entwicklung, die auch in Saarbrücken, Heidelberg und Berlin registriert wird.

In Bayern liegt die Ursache für den Fahnenwechsel beim Fahrpersonal zu einem großen Teil in der Unzufriedenheit mit dem neuen Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N), der im Juli vergangenen Jahres in Kraft getreten ist und dem Verdi zugestimmt hat. Danach werden die Schichtzulagen nicht mehr pauschaliert, sondern nach Stunden abgerechnet, was für viele Einbußen bedeutet. Hinzu kommt ein neues Schichtmodell. Hatten die Fahrer früher nach vier Arbeitstagen zwei Tage frei, so lautet jetzt der Turnus: Vier Tage Arbeit, ein Tag frei, fünf Tage Arbeit, zwei Tage frei. Der eine freie Tag zwischen zwei Arbeitsblöcken aber sei zu wenig, um sich wirklich erholen zu können, so die Kritik. Und Neuangestellte müssen sich mit deutlich schlechteren Bedingungen abfinden. Laut Ricardo Uhlmann, Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe Stadtverkehr München, komme ein neuer Kollege so trotz Schichtarbeit mit der höchsten Steuerklasse gerade mal auf 1200 Euro netto.

Tarifvertrag ist "unmoralisch"

Für die Nürnberger Trambahnfahrerin Karin Bayerlein ist der Tarifvertrag geradezu "ummoralisch". Seit 16 Jahren arbeitet sie bei der Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg (VAG) und 16 Jahre war sie bei ver.di als Vertrauensfrau aktiv. Dass die Dienstleistungsgewerkschaft dem Tarifvertrag zugestimmt hat, kann sie nicht verstehen: "70 bis 80 Prozent der Kollegen waren streikbereit." Mit mehr als 300 Kollegen ist sie jetzt zur GDL gewechselt. "Ich erwarte mir, dass meine Interessen hier besser vertreten werden", sagt die 49-Jährige mit Nachdruck.

Bei Verdi selbst, die dem Tarifvertrag, der noch bis Ende des Jahres läuft, zugestimmt hat, sieht man sich in den Auswirkungen getäuscht. Angesichts von "erheblicher Unruhe" unter dem Fahrpersonal, wie es in einer Verdi-Pressemitteilung heißt, fordere man jetzt Nachverhandlungen. Nach dem Wegfall der Pauschbeträge für die Arbeit in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen müsse man feststellen, so der zuständige Münchner Gewerkschaftssekretär Martin Marcinek, dass den Fahrern "nicht genügend Arbeit in den entsprechend zuschlagspflichtigen Zeiten angeboten wird. So kann niemand auf sein Geld kommen. Das war anders gedacht und auch vereinbart". Die Abwanderung der Kollegen sieht er mit "Sorge", gleichwohl meint er: "Wir werden uns von der GDL nicht treiben lassen". Man müsse ja immer auch sehen, ob ein Streik zielführend sei. "Nur um die Muskeln spielen zu sehen, das ist Unfug". Auch sein Verdi-Kollege Frank Riegler, zuständig für die kommunalen Verkehrsbetriebe in Mittelfranken, sieht die rund 800 Mitarbeiter der VAG angesichts der Abstriche im Schichtdienst frustriert. Die Konsequenz: Viele Verdi-Mitglieder haben die Gewerkschaft in den vergangenen Monaten verlassen.

GDL soll weniger kompromissbereit sein

Erste Adresse für die Unzufriedenen wie Karin Bayerlein ist seit dem langen Streik der Lokführer die GDL. Seitdem steht sie in dem Ruf, die Interessen ihrer Mitglieder weitaus wirkungsvoller zu vertreten als die als zu kompromissbereit geltende Verdi. Die harte Haltung der Gewerkschaft der Lokführer im Tarifstreit mit der Bahn habe wohl vielen der von Lohneinbußen bedrohten Tram- und U-Bahn-Fahrer imponiert, so Riegler.

Zwar spielt Verdi mit seinen bundesweit 2,2 Millionen Mitgliedern in einer völlig anderen Liga als die kleine GDL mit 34.000 Mitgliedern (davon 5000 in Bayern), doch der Trend sieht für die Dienstleistungsgewerkschaft nicht gut aus: Er weist bei ver.di gegenüber dem Vorjahr einen Verlust von rund 70.000 Mitgliedern auf. Aus der GDL-Zentrale aus Frankfurt heißt es hingegen: Es gebe "eine positive Mitgliederentwicklung im vergangenen Halbjahr", wenn man auch genaue Zahlen nicht nennen will. Mit persönlichen Anschreiben und Gesprächen will Verdi in Bayern jetzt gegen die Abwanderung seiner Mitglieder vorgehen und bei den neuen Tarifverhandlungen nach 2008 mit härteren Forderungen wieder punkten.

Zuwachs bei GDL in mehreren Bundesländern

Auch in Berlin kann die GDL ein Plus an Mitgliedern beim Fahrpersonal der BVG verzeichnen. "Wenn der Zuwachs weiter anhält", so GDL-Pressesprecher Maik Brandenburger, "gibt es Überlegungen zur Gründung einer eigenen Ortsgruppe". Die Unzufriedenheit mit der Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren schlägt hier zu Buche.

In Saarbrücken, Heidelberg und Heilbronn kann sich die Gewerkschaft der Lokführer ebenfalls über neue Mitglieder in ihren Reihen freuen. Für den stellvertretenden Bezirksvorsitzenden Thorsten Weske ist dies auf den Erfolg seiner Gewerkschaft beim jüngsten Streik zurückzuführen: "Die Tariflandschaft in Deutschland hat sich verändert." Nach Jahren der Lohnzurückhaltung seien jetzt auch die anderen Gewerkschaften aufgewacht. Denn, so der GDL-Mann, "die Leute haben die Schnauze voll".