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Bildungssystem: Das Märchen von der Chancengleichheit

Es war einmal eine Gesellschaft, die glaubte: Wer tüchtig ist, kann es nach ganz oben schaffen. Sogar Arbeiterkinder.

Es war einmal eine Gesellschaft, die glaubte: Wer tüchtig ist, kann es nach ganz oben schaffen. Sogar Arbeiterkinder. Neue Studien enthüllen den Selbstbetrug der Deutschen: Noch immer ist die Elite eine geschlossene Gesellschaft. Eines der wichtigsten politischen Ziele der Nachkriegsgeschichte wurde verfehlt.

Am Anfang sind noch alle gleich. Keine sozialen Unterschiede, keine Hierarchie, kein oben, kein unten. Noch mutterwarm liegen sie nebeneinander, die Neugeborenen im Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Altona. Keiner kann jetzt schon sagen, wer mal Professorin wird, wer Vorstandsvorsitzender oder Richter. Und wer ein kleiner Angestellter, Putzfrau oder arbeitslos. Jetzt, in den ersten Stunden, bietet das Leben all diesen kleinen Menschen die gleichen Chancen. Von wegen. Die Würfel sind schon gefallen.

Entscheidend ist die Autobahn, die kaum hundert Meter neben dem Krankenhaus verläuft. Die A7 trennt den Arbeiterbezirk Altona von den noblen Elbvororten, die sich eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der ganzen Republik erfreuen. Und sie teilt die Säuglinge des Krankenhauses auf. In den nächsten Tagen werden Mütter und Kinder das Krankenhaus verlassen. Welche Kinder landen auf der Sonnenseite? Und wer muss in den Schatten? Ausschlaggebend für die Entwicklung eines Menschen - was er lernt, ob seine Talente gefördert werden, wie weit er kommen kann - das entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft. Heute mehr denn je. Du wirst, was deine Eltern sind.

Zum Manager wird man geboren

Chancengleichheit, das war das große politische Ziel der Bundesrepublik in den siebziger Jahren. Die Gesellschaft war sich einig: Kinder von beiden Seiten der Autobahn sollten Abitur machen, studieren, die Chefsessel von Staat und Wirtschaft erobern können. Damals war Klaus von Dohnanyi Bildungsminister im Kabinett von Willy Brandt. "Was die Chancengleichheit angeht, haben wir viel zu wenig erreicht, viel zu wenig", sagt Dohnanyi heute. "Wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Wir haben drei Jahrzehnte ungenutzt verstreichen lassen." Unzählige Studien stützen Dohnanyis niederschmetterndes Fazit. "Früher haben wir wirklich geglaubt, dass man durch Bildung aufsteigen kann. Inzwischen wissen wir: In Deutschland ist das eine Illusion", sagt Harry Friebel, Soziologie-Professor aus Hamburg, der die Lebensläufe von Menschen untersucht. "Nach wie vor ist die soziale Schicht, aus der jemand kommt, entscheidend für den gesamten Lebensweg." Sein Kollege, Professor Michael Hartmann aus Darmstadt, untersucht den familiären Hintergrund des deutschen Topmanagements. Er hat herausgefunden: "Was den Zugang zu den hohen Führungspositionen angeht, hat die Bedeutung der sozialen Herkunft in den vergangenen Jahrzehnten nicht abgenommen. Im Gegenteil, sie nimmt sogar noch zu. Zum Manager wird man sozusagen geboren. Heute gilt das noch mehr als vor zwei oder drei Jahrzehnten."

Soziale Mobilität: Motor der Gesellschaft

Gleiche Chancen für alle, das ist natürlich eine Illusion, ein Ziel, das man anstreben soll, aber nie ganz verwirklichen kann. Das ist in allen Gesellschaften so. Die familiären Benachteiligungen wenigstens einigermaßen auszugleichen, ist daher eine der wichtigsten Aufgaben der Politik. Und das nicht nur, weil es gerecht ist und zudem ein Auftrag des Grundgesetzes. Die soziale Mobilität - also die realistische Aussicht, durch Tüchtigkeit aufsteigen zu können - ist keine Sozialromantik. Sie ist der Motor der Gesellschaft. Erst das Versprechen des Aufstiegs motiviert die Menschen zur Leistung. Und eine Volkswirtschaft, deren wichtigster Rohstoff die Fähigkeiten seiner Menschen ist, muss diesen Rohstoff so effektiv wie möglich nutzen. "Aber bei uns werden diese Ressourcen nicht annähernd ausgeschöpft", sagt Dohnanyi.

Der Fahrstuhl in die oberen Etagen ist für alle Kinder der unteren und mittleren Schichten die Bildung. Der Mannheimer Soziologie-Professor Walter Müller vergleicht unterschiedliche Bildungssysteme auf der Welt und muss feststellen: "Kein anderes Bildungssystem benachteiligt die Benachteiligten und bevorzugt die Bevorzugten so stark wie das deutsche." Die Pisa-Studie hat gezeigt: Nirgendwo haben die Kinder aus sozial schwachen Schichten so viel schlechtere Bildungschancen als Gleichaltrige aus besseren Kreisen - selbst in Ländern wie Argentinien nicht, in denen die Gegensätze zwischen Arm und Reich unüberwindlich scheinen.

Die richtigen Eltern

Wer bei den Eltern Pech hat, den bestraft die Schule zusätzlich. "Es gab in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Studien mit unterschiedlichen Methoden. Doch die Tendenz ist immer gleich: Deutschland ist internationaler Spitzenreiter bei der Ungleichheit", sagt Müller. In Zahlen ausgedrückt: Von 100 Kindern aus der Oberschicht gehen 84 aufs Gymnasium und danach 72 zur Universität. Aus den unteren Schichten werden nur ganze 33 auf die höhere Schule geschickt. An eine Universität schaffen es noch acht.

Und der Abstand vergrößert sich. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der Studenten höchster sozialer Herkunft verdoppelt, während bei den niedrigen Herkunftsgruppen dramatische Einbrüche zu verzeichnen sind. "Die Familie ist und bleibt der zentrale Risikofaktor für den Lebenslauf", sagt Soziologe Friebel.

Folgen wir also dem Lebenslauf: Nach der Säuglingsstation kümmert sich der Staat sechs Jahre lang überhaupt nicht um die Bildung des Nachwuchses. Eltern können ihre Kinder zwar in einen - teuren - Kindergarten schicken. Dort werden sie vor allem betreut, also aufbewahrt. Bezeichnenderweise sind dafür in den meisten Bundesländern nicht die Bildungsministerien verantwortlich, sondern die Familienministerien. In der Phase seines größten Lernhungers wird der Nachwuchs darum nur mit karger Hirn-Nahrung gefüttert. Von systematischer Förderung keine Rede. Es sei denn, ein Kind hat die richtigen Eltern, die sich eine private Kita mit gut ausgebildeten Erziehern leisten können. Eltern, die ihrem Nachwuchs am Nachmittag etwas anderes bieten können als die Glotze. Vielleicht Klavierunterricht.

Gute Idee - nie umgesetzt

Die ersten Jahre sind entscheidend für die Entwicklung eines Menschen. Hirnforscher haben nachgewiesen, was der Volksmund lange wusste: Was Hänschen nicht lernt? In dieser Zeit bildet sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns heraus. Der Mensch lernt das Lernen. Wenn die Kinder dann mit sechs Jahren eingeschult werden, sind die geförderten Kinder den anderen schon enteilt. Uneinholbar und für immer. Damit der Abstand nicht zu groß wird, werden in den meisten unserer Nachbarländer die Kinder bereits in einer Vorschule unterrichtet und ein Jahr früher eingeschult. Genau das steht in den Plänen der Bundesregierung: Vorschule und früher einschulen.

Halt! Das sind leider nicht die Pläne der Regierung Gerhard Schröder, sondern der Regierung Willy Brandt. 30 Jahre - oder neun Bildungsminister - später wird noch immer darüber diskutiert, auf Parteitagen, in Parlamenten, in Talkshows. Eine typische deutsche Reform: gute Idee - nie umgesetzt.

Nächste Station auf dem Lebensweg ist das Ende der Grundschule. Jetzt, wenn die Kinder zehn sind, trifft das Bildungssystem seine folgenschwerste Entscheidung: Gymnasium oder nicht. "Es ist doch absurd, Viertklässlern zu sagen: Ihr werdet Maurer", sagt Andreas Schleicher, Koordinator der Pisa-Studie in Deutschland. Nirgendwo wird früher aussortiert. Länder, deren Bildungssystem bei Pisa und anderen Untersuchungen in der Disziplin Chancengerechtigkeit gut abgeschnitten haben - allen voran die skandinavischen Staaten - lassen ihre Schüler gemeinsam lernen, bis sie 15 oder 16 Jahre alt sind. Erst dann wird aussortiert. Denn je jünger einer ist, desto weniger weiß man über ihn. Und um so wichtiger werden bei der Entscheidung die Eltern und ihr sozialer Hintergrund.

20 Absteiger auf einen Aufsteiger

Das Potenzial von Zehnjährigen endgültig abzuschätzen, überfordert auch die Lehrer. Ein Test mit 12.000 Hamburger Schülern ergab: Lehrer bewerten Schüler mit gebildeten Eltern besser. Ein Kind, dessen Vater keinen Schulabschluss hat, muss im Unterricht weit überdurchschnittliche Leistungen zeigen, um vom Grundschullehrer eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen. Wenn Papa das Abi hat, reichen durchschnittliche Leistungen.

Die Oben-unten-Aufteilung ist fast immer endgültig. Ein Wechsel der Schule ist meist nur noch in eine Richtung möglich: nach unten. Auf jeden Aufsteiger kommen 20 Absteiger. Und wer steigt ab? "Wenn ein Arbeiterkind sitzen bleibt, heißt es: Auf dem Gymnasium war es wohl nicht richtig. Bei Kindern aus bürgerlichen Kreisen sagen die Eltern: Dreht es eben eine Ehrenrunde", erklärt Professor Friebel. Dieser Mechanismus wirkt über die gesamte Zeit der Ausbildung. Bei den Kleinen, bei Zehnjährigen, selektiert das deutsche System knallhart. Doch je größer die Kinder werden, um so lascher wird die Auswahl. Im Abitur fallen nur noch wenige durch. Und an den Universitäten werden die Leistungsstandards immer weiter gesenkt. So weit, dass der Wissenschaftsrat kürzlich in einer Studie feststellen musste, die Nachwuchswissenschaftler würden von Jahr zu Jahr intelligenter. Jedenfalls scheinbar. Die Leistungen werden inzwischen fast nur noch mit "sehr gut" oder "gut" bewertet. Die durchschnittliche Examensnote in Biologie, Physik und Psychologie beträgt 1,4, in Mathematik, Philosophie und in Chemie 1,5.

Brutal aussortiert

Kuschelnoten sollen Arbeiterkindern zum Abitur oder einem Universitätsexamen verhelfen. Welch gut gemeinter Irrtum. Denn die begabten und tüchtigen Kinder von der falschen Seite der Autobahn können sich nur im harten Wettbewerb gegen die Konkurrenz durchsetzen. Durch Leistung. Liegt die Latte jedoch so tief, dass fast alle drüberspringen können, dann ist ihre einzige Chance dahin. Wodurch sollen sie jetzt noch auf sich aufmerksam machen? Zum Beispiel bei einem Personalchef. Bei dem stapeln sich 20 Bewerbungen, 15 davon mit Einserzeugnis. Dem Arbeitgeber bleibt nichts anderes übrig, als nach anderen Kriterien zu suchen: Passt der zu uns? War er im Ausland? Was hat er sonst noch gemacht? Das "sonst noch" wird schließlich zur Hauptsache, die fachliche Leistung zur Nebensache. Na, wer wird wohl am Ende den Job bekommen? "Das Senken der Standards nützt nur den Kindern der Oberschicht. Allen anderen schadet es", sagt Klaus von Dohnanyi.

Das deutsche Bildungssystem begeht nicht den einen großen Fehler. Es ist eine Kette von Irrtümern und Ungerechtigkeiten in jeder Phase der Ausbildung. Das System steht auf dem Kopf. Der Kindergarten - wichtigste Basisförderung für alle - kostet Geld. Studieren - ein Privileg für wenige - ist kostenlos. In der Periode, in der die Benachteiligung am wirksamsten bekämpft werden könnte, in den ersten sechs Lebensjahren, kümmert sich der Staat fast gar nicht um die Kinder. Statt sie zu fördern, werden sie schon mit zehn Jahren brutal aussortiert. Je größer die Kinder werden, desto weiter werden die Ansprüche gesenkt. Immer das Falsche, immer zur falschen Zeit. Würden sich die Reichen und Mächtigen einen Plan ausdenken, um ihre Macht zu zementieren - sie könnten es nicht besser machen. Der Soziologe Friebel nennt diese Realität eine "millionenfach verfassungswidrige Normalität". Das System schafft eine neue Klassengesellschaft.

Wehe, du hast die falschen Eltern

Wie konnte das passieren? Warum haben die Deutschen bei ihrem großen Ziel der siebziger Jahre so allumfassend versagt? Was das Bildungssystem angeht, so ist die Antwort die Standardantwort, denn es geht um das Standardproblem: Reformstau. "Die meisten anderen Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Bildungssysteme reformiert. Deutschland nicht", sagt Bildungssoziologe Walter Müller. "In seiner Grundstruktur wurde das System in den letzten 50 Jahren nur unwesentlich verändert. Ich nenne das eine institutionelle Sklerose."

Die Schule ist vorbei, weiter ins Berufsleben: Nach der Ausbildung beginnt die Ungleichheit erst richtig. Seit über 20 Jahren beobachtet Harry Friebel eine Gruppe von Schulabgängern. Regelmäßig trifft er immer dieselben Probanden, die 1979 das Abitur, den Real- oder Hauptschulabschluss machten, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist. Die Berufswege der Jungs ähneln denen ihrer Väter, die Mädchen leben meist so wie ihre Mütter vor 20 Jahren. "Es ist erstaunlich, wie massiv auch der berufliche Weg von der sozialen Stellung der Herkunftsfamilie geprägt ist. Dabei leben die Probanden überwiegend in der irrigen Vorstellung, sie könnten selbst viel entscheiden. In der Realität ist es aber ganz wenig." Oben bleibt oben und unten bleibt unten. Wehe, du hast die falschen Eltern.

Das gehobene Bürgertum - ein Klasse für sich

Das gilt selbst für diejenigen, die es eigentlich geschafft haben, die trotz aller Hindernisse am höchsten Punkt des Bildungssystems angekommen sind: dem Doktortitel. Michael Hartmann hat die Karrieren von rund 6.500 promovierten Juristen, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern untersucht. Aus diesem Kreis werden normalerweise die Führungspositionen besetzt. Doch auch bei der Elite gilt: Wer aus dem richtigen Elternhaus stammt, bekommt die besseren Einstiegsjobs, steigt schneller auf und klettert am Ende höher. "In den 400 größten deutschen Unternehmen ist die Chance auf eine Führungsposition für den promovierten Nachwuchs aus dem gehobenen Bürgertum doppelt, für den Nachwuchs aus dem Großbürgertum sogar dreimal so groß wie für gleich qualifizierte Promovierte aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse", sagt Hartmann. Das Endergebnis sieht so aus: Über 80 Prozent der Nummer-eins-Chefs in den großen deutschen Unternehmen stammen aus dem Bürgertum, jener hauchdünnen Schicht, der nur 3,5 Prozent der Gesellschaft angehören. Die Hälfte kommt sogar aus dem gehobenen Bürgertum, also dem obersten halben Prozent. Eine Klasse für sich.

Wenn das stimmt, wird zumindest die Wirtschaft in Deutschland nicht von den Besten geführt, sondern vom Nachwuchs der obersten Kaste. "Genau so ist es", sagt Hartmann. "Die so genannte Leistungselite ist ein Mythos, eine Illusion."

Das berühmte Vitamin B entscheidet dabei nicht allein. Der Mechanismus ist viel subtiler. Jeder Chef, das ist menschlich, fördert Nachwuchsleute, die ihm ähnlich sind, in denen er sich wiedererkennt: So war ich vor 30 Jahren. Damit kommen nicht messbare, weiche Faktoren ins Spiel: die Verhaltensweise, das Auftreten. Soziologen sprechen vom "Habitus". "Wer in bürgerlichen Kreisen aufgewachsen ist, hat das mit der Muttermilch eingesogen. Das meiste davon kann man nicht lernen", sagt Hartmann. Der begabte Ingenieur, der sich aus dem Arbeiterviertel hochgerackert hat, ist womöglich unübertroffen beim Entwickeln komplexer Anlagen. Aber ihm fehlt die Souveränität, bei der Dinnerparty mit der Gattin des Chefs über Verdi-Opern zu parlieren. Und wenn der Aufsteiger sich Mühe gibt? Dann merkt man ihm die Mühe an. Was er sagt, wirkt wie gepaukte Vokabeln. Die Leichtigkeit beherrscht er nie. Für seinen Konkurrenten aus dem richtigen Elternhaus hingegen sind solche Auftritte Heimspiele.

"Der Habitus ist ganz oft entscheidend"

Zum Beispiel für Mathias Döpfner, Musikwissenschaftler, Sohn eines Architekturprofessors, aufgewachsen in Frankfurt und Boston und verheiratet mit der Tochter eines ehemaligen Vorstandes der Deutschen Bank. Er gilt als unübertroffen im Repräsentieren. Er stieg auf von einem Flop zum nächsten: Zuerst machte der Verlag Gruner + Jahr (stern, "Brigitte") ihn zum Chefredakteur der "Wochenpost", die er nach seinen Vorstellungen umgestaltete. Sie verlor Auflage, musste verkauft und kurz darauf eingestellt werden. Dann wurde er Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", die er umgestaltete. Sie verlor Auflage und wurde verkauft. Sein nächster Job war Chefredakteur der "Welt", die er umgestaltete. Aus wirtschaftlichen Gründen hat er sie später mit der "Berliner Morgenpost" zwangsfusioniert. Schon eines dieser Ergebnisse würde normalerweise jede Karriere ruinieren. Döpfner wurde 2002 Vorstandsvorsitzender des Verlages Axel Springer ("Bild", "Welt"). Er gilt in der Branche als Protegé der mächtigen Verlegerwitwe Friede Springer, die vor allem vom Auftreten Döpfners hingerissen sein soll. "Der Habitus ist ganz oft entscheidend", sagt Professor Hartmann. "Er signalisiert: Ich gehöre wirklich dazu." Wichtiger noch als die richtige Etikette ist natürlich die Macht. Auch sie gehört zur Babynahrung der Oberschicht. Von den Vorstandsvorsitzenden der 30 im Dax notierten Unternehmen haben 23 einen richtigen Boss zum Vater: Bankdirektoren, Oberbürgermeister, Richter, Handwerksmeister mit größeren Betrieben, Unternehmer. Nur ein Vorstand stammt aus einer Arbeiterfamilie: Werner Wenning von Bayer. Heinrich von Pierer, der Vorstandsvorsitzende von Siemens, bekam in seiner Kindheit ein ganz spezielles Verhältnis zu Macht vorgelebt. Sein Vater war Oberst, sein Großvater Generalmajor. Und natürlich wurde der Commerzbankchef Klaus-Peter Müller davon geprägt, dass sein Vater Peter zuerst Oberbürgermeister von Düsseldorf und später Geschäftsführer der Bausparkasse BHW war. In Durchschnittsfamilien wird am Abendbrottisch über die teure Telefonrechnung gezankt. Womöglich wurde bei Familie Ricke früher die Frage erörtert, wie man die Leute dazu bringt, noch viel mehr zu telefonieren. Helmut Ricke war in der alten Deutschen Bundespost Vorstand für Telekommunikation. Und sein Sohn? Kai-Uwe Ricke ist heute Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom - Papas Nach-Nachfolger.

Der Job eines Chefs ist Macht

Topmanager entwerfen keine Autos, sie bauen keine Häuser, entwickeln keine Medikamente. Der Job eines Chefs ist Macht. Und die lernt man nicht in der Schule oder auf der Uni. "Darum werden Arbeiterkinder und der Nachwuchs der Mittelschicht im besten Fall qualifizierte Experten. Nach ganz oben schaffen sie es nur in Ausnahmefällen. Und die bestätigen die Regel", sagt Hartmann. Aufsteigen ist also doch möglich. Aber nur bis zum Abteilungsleiter. Die Chefetage bleibt fast immer reserviert für die Söhne der Oberschicht. Und was ist mit dem Putzfrauensohn Gerhard Schröder? Der brachte es immerhin zum Bundeskanzler. Und sein Vize Joschka Fischer wurde ohne Abitur Außenminister. In der Politik gelten andere Regeln. Dort wird nicht nach Herkunft selektiert, sondern nach Durchhaltefähigkeit. Wer da nach oben will, muss bereit sein, sich auf die jahrelange Ochsentour zu begeben. "Das ist für den Nachwuchs des Bürgertums nicht attraktiv. In Wirtschaft, Justiz oder Verwaltung hat er einen viel direkteren Zugang zu Führungspositionen", sagt Hartmann.

Schröder und Fischer gehören zudem zu einer Generation, in der Aufsteigen noch eher möglich war. Vor allem in den 60er und 70er Jahren waren die Bedingungen dazu ungewöhnlich gut: Die Väter dieser Generation - auch der des Kanzlers - waren zu Tausenden im Krieg gefallen. So konnten die Jungen oft schon früh in Positionen aufsteigen, die ansonsten ihre Väter noch besetzt hätten. Wichtiger jedoch war: Die Wirtschaft wuchs kräftig und brauchte jeden. Für eine kurze Blütezeit konnten damals auch Hauptschüler bis ins Management gelangen. "Wenn die Marktbedingungen gut sind, profitieren auch die unteren Schichten. Dann kann auch ein Teil von ihnen in höhere Positionen aufsteigen", sagt Hartmann. "Wenn es dagegen schlecht läuft, dann verdrängt der Nachwuchs aus bürgerlichen Kreisen die Konkurrenz fast vollkommen." Genau das geschieht jetzt. Die Sechziger und Siebziger mit ihren außergewöhnlichen Möglichkeiten für alle Klassen waren eine historische Ausnahmesituation. Die Zeiten sind vorbei. Doch noch immer prägt die längst vergangene Realität die Vorstellung, die sich viele Deutsche von der Chancengleichheit machen.

In Deutschland heißt die Eintrittskarte: Geburt

Die Oberschicht in Deutschland hat sich so zu einer geschlossenen Gesellschaft entwickelt. Und das beinahe unbemerkt. Wie konnte das geschehen? "In Deutschland wissen wir oft nichts über die Herkunft der Topleute", sagt Michael Hartmann. Die Chefs wollen nur ungern etwas über ihre Familie preisgeben. Im deutschen "Wer ist wer?" fehlen - anders als im internationalen "Who's Who" - die Angaben über den familiären Hintergrund der Wichtigen im Land. Als der stern die Vorstandsvorsitzenden der 30 Dax-Unternehmen nach ihrer familiären Herkunft fragte, wollten 23 zunächst keine Auskunft geben. Viele hielten die Frage für einen unanständigen Angriff auf ihre Privatsphäre. Den deutschen Chefs gefällt ihr Bild, wonach sie aus dem Nichts aufgetaucht sind und sich einzig durch ihre Leistung an die Spitze gearbeitet haben. Und die Öffentlichkeit glaubt die Legende gern. Denn sie nährt die Illusion, jeder könnte es schaffen, wenn er sich nur genügend anstrengt. Ein schöner Selbstbetrug.

Doch nicht nur Heimlichtuerei und unterlassene Reformen sind für die Situation verantwortlich. Deutschland hat sich in vergangenen Jahrzehnten stärker darauf konzentriert, den sozialen Abstieg zu verhindern, als den Aufstieg zu ermöglichen. Mit entscheidend dafür war die Ideologie. Es geht um ein böses Wort: Elite. Weil im Faschismus politische, militärische, kirchliche und ökonomische Eliten versagten, war den Deutschen Elite als solche suspekt. Eliten wurden ignoriert, ganz so, als gäbe es sie nicht. Wie naiv. Jede Gesellschaft wird bestimmt von ihren Eliten. Die Gesellschaftsform ändert daran nichts. Gerade die kommunistischen Einheitsgesellschaften wurden von einer besonders starren Nomenklatura kontrolliert. Die Frage ist also nicht, ob eine Gesellschaft eine Elite hat, sondern wer dazugehört. Und vor allem: Wie schafft man es, in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden? In Deutschland heißt die Eintrittskarte: Geburt.

In den USA gilt jung, schlau und tüchtig

Der Versuch, Eliten zu verhindern, hat die Stellung der alten Eliten nur verstärkt. In anderen Ländern wird Elite - wohlgemerkt die Leistungselite - gezielt gefördert. Nicht wegen der Gerechtigkeit, sondern aus kaltem ökonomischem Kalkül. In den USA sind die besten Universitäten private Unternehmen, die teure Studiengebühren kassieren und Gewinne erwirtschaften müssen. Hört sich ungerecht an. Ist es aber nicht. Denn in Harvard, Princeton oder Stanford haben die Besten eines Jahrgangs realistische Chancen auf einen Studienplatz, auch wenn sich ihre Eltern die Gebühren nicht leisten können. Das betrifft nicht nur eine Alibi-Minderheit, sondern die Mehrheit. 60 Prozent der Studenten amerikanischer Elite-Unis sind von den Gebühren ganz oder teilweise befreit und bekommen von ihrer Hochschule finanzielle Beihilfe. Zurückgezahlt wird später, mit Zins und Zinseszins. Am Ende der Ausbildung in den berühmten Kaderschmieden stehen die Arbeitgeber bei den Absolventen Schlange, um ihnen bestbezahlte Jobs anzubieten. Dann heißt es: Du bist jung, schlau und tüchtig. Dein Papa ist Hilfsarbeiter, na und? Willkommen im Club. Dir gehört die Welt.

Walter Wüllenweber / print