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Deutschlands erstes Job-Speed-Dating: Stellmichein

In der Krise sind private Arbeitsvermittler gefragter denn je. Sie sollen Langzeitarbeitslosen helfen, einen Job zu finden - auch mit ungewöhnlichen Konzepten. Beim ersten Job-Speed-Dating in München suchen fast 1000 Hartz-IV-Empfänger ihr Glück.

Von Monika Dunkel

Jochen Kurth hat sich aufgebrezelt für diesen Tag: weißes Hemd, Strickjankerl, Kniebundlederhose, seine besten Sachen. Vorn auf den Hosenträgern ist "Würmtaler Blasmusik" eingestickt. Seit 25 Jahren spielt der 38-Jährige Tenorhorn, seine Musik ist ihm heilig. Nie würde er daher einen Job mit Wochenendschichten annehmen. Sonst ist er offen. Denn der kräftige Mann mit den Sommersprossen im Bubengesicht sucht Arbeit.

Bewerbungsgespräch im Schnelldurchgang

Einzelhandelskaufmann hat Kurth mal gelernt. Aber in den vergangenen Jahren hat er vieles gemacht. Pizzabote war er, mal Fahrer von Geldtransporten. Jobs für kurze Zeit und wenig Lohn. Heute will er etwas Neues finden. Beim ersten Job-Speed-Dating Deutschlands.

Mit ihm sind am vergangenen Freitag fast 1000 Arbeitsuchende ins alte Münchner Rathaus gekommen, fast alles Hartz-IV-Empfänger, alle mit der Hoffnung, endlich einen Job zu finden. Die meisten tragen Bürokleidung, Anzug, zumindest Sakko, Sommerkleid. Nur Kurth fällt ein wenig aus dem Rahmen. "Ja, mei", sagt er. "Mir san doch in Bayern."

Es geht Schlag auf Schlag, alle zehn Minuten ein neues Vorstellungsgespräch. Gegen 11 Uhr hat Kurth bereits acht Versuche hinter sich, achtmal seine Bewerbungsmappe abgegeben, achtmal im Schnelldurchgang erklärt, was er kann, was er will und was nicht. Ein Versicherungsmann habe ihm gesagt, dass er gern auch in Tracht zur Arbeit kommen könne, erzählt Kurth. Schade nur, dass er sich mit Versicherungen nicht auskenne. Eine konkrete Einladung zu einem zweiten Gespräch mit mehr Ruhe oder gar einen Arbeitsvertrag hat er noch nicht. "Mal abwarten, ob da Resonanz kommt", sagt er. Ein Jingle ertönt, Kurth springt auf, er muss zum nächsten Date.

Von Siemens bis McDonald's

Job-Speed-Dating ist Stress pur. Im Gewölbesaal des alten Rathauses ist es an diesem Morgen schwül, laut und voll. Kleine Tische stehen dicht an dicht, darauf Schilder mit Firmennamen: Siemens, Dussmann, Deutsche Bahn, McDonald's, rund 50 Unternehmen sind da. Immer je zwei Personen sitzen oder stehen sich gegenüber, präsentieren, fragen, machen Notizen, reichen Bewerbungsunterlagen, tauschen Telefonnummern, schütteln Hände. Es ist so intim wie zur Rush-Hour am Hauptbahnhof.

Ein Zettel an der Tischkante gibt Auskunft über die offenen Stellen, 300 sind es insgesamt. Ungelernte Tätigkeiten sind dabei, aber auch viele, die mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung verlangen, dazu ein paar Angebote für Nachwuchsführungskräfte. Möbelhäuser, Supermarktketten und Altenheime suchen neue Mitarbeiter. An den drei Siemens-Tischen herrscht Gedränge.

München ist Testgebiet

Die große Kungelshow organisieren die Arge München, als Zusammenschluss aus Arbeitsagentur und Sozialamt zuständig für die Hartz-IV-Empfänger, und der private Arbeitsmarktdienstleister Action for Employment (A4e). Trotz vieler Bedenken versucht das britische Unternehmen gerade, mit seinen ungewöhnlichen Konzepten auch in Deutschland Fuß zu fassen. München ist der erste Test.

In Manchester wird die Kuppelshow bereits seit vergangenem Oktober als Arbeitsvermittlungsmaßnahme erprobt. Von 350 Teilnehmern sind dort an einem Tag 40 Arbeitslose nachhaltig vermittelt worden, sagt Hans-Joachim Elsner, Deutschlandchef von A4e. Eine gute Quote für einen Tag. Nun will Elsner auch hierzulande punkten.

Die Münchner Arge ist von dem Konzept angetan. Kurz und bündig sollen sich Arbeitgeber und -nehmer während der Speed-Dates vorstellen. Ziel der Veranstaltung sei es, "Langzeitarbeitslosen im direkten persönlichen Gespräch unterschiedliche Arbeitgeber vorzustellen und so viele Arbeitsuchende wie möglich zu vermitteln", sagt ein Sprecher. Viele der Kandidaten hätten zwar immer wieder Bewerbungen geschrieben, wären aber nie zu einem Gespräch eingeladen worden. "Das persönliche Gespräch öffnet eine Tür, die sonst nicht offen wäre."

Neue Runde, neues Glück

Alle zehn Minuten, nachmittags sogar alle sechs Minuten, ertönt in dem Saal ein fröhlich gepfiffenes Dixieland-Stück aus der Fernsehserie "Dick und Doof". 93 Sekunden Zeit, um den Tisch zu wechseln. Neue Runde, neues Glück.

Jochen Kurth versucht es diesmal bei Vinzenz-Murr, Fachgeschäft für Fleisch- und Wurstwaren, in München und Südbayern eine Institution. Die Personalfrau der Metzgereikette sucht Fleischfachverkäufer. Ob er schon mal im Verkauf gearbeitet habe, fragt sie. Ja, sagt Kurth, er habe schon einiges gemacht, habe Pizza ausgefahren, habe Erfahrung als Einzelhandelskaufmann, auch im Verkauf. Ob er denn mit Fleisch und Wurst umgehen könne. "Wurst mag ich sowieso ganz gerne", sagt Kurth. Die Frau lächelt. Ob er noch eine Frage habe. Ja, sagt Kurth. Ob es ein Problem sei, dass er die nächste Woche in Urlaub fahre. Danach könne er gern Probe arbeiten.

Erster Eindruck positiv

Wie viele der Hartz-IV-Empfänger heute tatsächlich einen Job finden und für wie lange, will die Arge München in den nächsten Wochen auswerten. Daran hängt, ob es künftig weitere Job-Speed-Datings geben wird. Der erste Eindruck scheint aber vielversprechend: Mehr als 100 Bewerber seien offenbar zu einem intensiveren zweiten Bewerbungsgespräch eingeladen worden, sagt ein Arge-Sprecher. Einen Vertrag habe allerdings keiner.

Wie in München setzen die Arbeitsagenturen überall in Deutschland auf private Anbieter, um Hartz-IV-Empfängern zu einem Job zu verhelfen. Im vergangenen Jahr zahlte die Bundesanstalt für Arbeit (BA) mehr als 2,1 Mrd. Euro an diese Dienstleister und ihre teils innovativen Konzepte. "Alles, was Erfolg verspricht, probieren wir ohne Scheuklappen aus, egal ob es aus England oder Australien kommt", sagt BA-Vorstand Heinrich Alt. "Wir haben die Pflicht zu experimentieren."

Alles "super effektiv"

Der Deal mit den privaten Vermittlern lohne sich, sagt auch der Münchner Arge-Chef Michael Baab. Sobald ein Arbeitsloser länger als sechs Monate beschäftigt sei und kein Hartz IV beziehe, rechne sich das Modell für den Staat. Fast zehn Prozent der Langzeitarbeitslosen will München künftig privaten Anbietern überlassen. "Die haben einfach mehr zu bieten", sagt Baab. Bis zum Herbst muss A4e 600 Arbeitslose unterbringen, um das vereinbarte Honorar zu erhalten. Das Speed-Dating ist dabei nur eine von mehreren Maßnahmen.

Michael Kunze findet das Speed-Dating "super effektiv". Er ist Gebietsverkaufsleiter Bayern für den österreichischen Möbeldiscounter Mömax, der gerade in Deutschland expandiert. Mit drei Personalern ist Mömax ins alte Rathaus gekommen, sie suchen mindestens 20 Mitarbeiter für die beiden Häuser in München und 20 Nachwuchskräfte deutschlandweit. Zeitungsanzeigen hätten bislang wenig gebracht, sagt Kunze.

Nur keine langen Reden

Nun hofft er, hier die passenden Bewerber zu finden. Die kurzen Gespräche liegen ihm, von langem Vorgeplänkel halte er nichts. Er stelle lieber, zack, zack, zack, seine Fragen, sagt Kunze, da wisse jeder, wo er dran sei. "Kennen Sie unser Möbelhaus? Warum wollen Sie zu uns? Haben Sie einen Führerschein?" Die Antworten notiert er sich mit einem dicken Buntstift. In der ersten Stunde hat er 17 Kontakte durchgehechelt, pro Rendezvous 3,5 Minuten. Sechs Gesprächspartner hat er für nächste Woche ins Möbelhaus eingeladen. Dann soll eine endgültige Entscheidung fallen.

Auch der 56-jährige Peter Olinger ist darunter. Er kommt aus der Branche, bis er seinen Job verlor, hat er viele Jahre Möbel verkauft, Fachgebiet: Schlafcouchen und Einbauschränke. Olinger ist ein ruhiger Mann, der angesichts des Massenauftriebs leicht eingeschüchtert wirkt. Er spricht leise und langsam. Ihm sei das alles "ein bisschen zu locker" hier, sagt er später. Aber er habe nun ein Vorstellungsgespräch, stellt er verblüfft fest. Am Mittwoch um 15 Uhr.

Vom Hamburger-Brater bis zur Führungskraft

Wieder ertönt der Dixieland-Jingle, die Karawane zieht weiter. Godehard Z., der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, hat sich einen Gag für die ersten schwierigen Sekunden des Gesprächs überlegt. "Kompetenz in Einkauf und Logistik", steht auf seiner schwarzen Tasche. "Hier sehen Sie, das bin ich", sagt er dann. Lange Jahre war er Einkaufsleiter beim Mobilfunkanbieter O2, er spricht von "CV", wenn er Lebenslauf meint, hat Visitenkarten dabei, die ihn als selbstständigen Berater ausweisen. Der 56-Jährige ist eloquent, schlagfertig und sprüht vor Energie. Doch seit Jahren ist er Hartz-IV-Empfänger. Wegen seines Alters werde er bei Bewerbungen oft automatisch aussortiert, sagt er. Das Speed-Dating könnte seine Chance sein.

Gezielt steuert er den Tisch von McDonald's an. Doch die Fast-Food-Kette sucht nur Hamburger-Brater. Wenigstens bietet Manuela Ewald aus der Personalabteilung an, seine Bewerbung weiterzureichen. Er sei flexibel, sagt Z. schnell, er sei Einkäufer mit Leib und Seele, würde auch Kaugummimasse verkaufen. Ewald nickt.

Die größten Chancen rechnet sich Z. sowieso bei einem anderen Arbeitgeber aus, den er in der Vorbereitung auf das Speed-Date kennengelernt hat. A4e, der private Arbeitsvermittler, sucht Verstärkung für das Team in München. Das erste Gespräch lief gut, sagt Z. Und länger als sechs Minuten.

FTD