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Rat von der Expertin Die Corona-Einschränkungen machen mein Kind fertig – wie kann ich ihm helfen?

Kinder Corona-Krise
Auch viele Kinder belastet die Corona-Krise
© Getty Images
Kindergeburtstage fallen aus, Oma darf nicht umarmt werden und Freunde treffen geht auch nur eingeschränkt: So manches Kind erlebt gerade seine erste handfeste Lebenskrise. Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können, diese zu meistern.
Von Reinhild Fürstenberg

Frau D.* hat kurzfristig eine Online-Beratung gebucht. Zum allerersten Mal. Aber sie weiß sich anders nicht mehr zu helfen… Sie kann sich überhaupt nicht mehr auf ihren Teilzeit-Job konzentrieren, hat sich zuletzt auch schon einige Male deswegen krankgemeldet. Ihre Gedanken kreisen nur um eins: Ihr Sohn ist fünf Jahre alt und war eigentlich immer ein munteres, zufriedenes Kerlchen. Aber jetzt, in diesem zweiten Lockdown, ist es anders: Er zieht sich zurück oder wird aggressiv. Dann ist er wieder traurig oder will nicht mal mehr raus. Und als nun letzte Woche sein Geburtstag nicht wie geplant im Indoor-Spielplatz, sondern in kleiner Runde zu Hause stattfand, war er todunglücklich. Das hat Frau D. das Herz gebrochen. Dabei versucht sie seit Wochen, es ihm schön zu machen, ihm die Corona-Zeit irgendwie erträglich zu machen.

Ich frage Frau D. zum Einstieg, wie sie eigentlich in der Corona-Krise mit all ihren beruflichen und privaten Herausforderungen zurechtkommt. Es sei schon nicht so leicht, alles unter einen Hut zu bringen: Job, Kind, die eigenen Sorgen… Und wie stark belasten sie die beobachteten Verhaltensänderungen ihres Sohnes im Alltag? Sehr, sagt Frau D. 

Reinhild Fürstenberg
Reinhild Fürstenberg ist Gesundheitswissenschaftlerin, systemische Beraterin und Familientherapeutin. Das von ihr geleitete Fürstenberg Institut aus Hamburg berät Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter, wie sie psychische Belastungen reduzieren, Veränderungen gesund gestalten und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben verbessern können. Für den stern berichtet die Expertin in loser Folge von Fällen aus ihrer Beratung - und erklärt, was wir daraus lernen können. 
© Verena Reinke

Hier setze ich an und gebe Frau D. ein paar generelle Informationen. Das dient vor allem ihrer Entlastung. Corona macht Angst – und ja: Es nimmt Einfluss auf uns alle. Zusätzlich wiegen die Sorgen unserer Liebsten schwer. Das ist ganz normal, es ist menschlich. Als Eltern liegt die große Herausforderung darin, für die Kinder trotz allem eine Stütze zu sein. Dem Kind das Gefühl zu vermitteln: Bei Mama (oder Papa) kann ich Sicherheit auftanken. Das ist nicht immer leicht, gerade aktuell nicht. Aber es ist möglich.  

Trauen Sie Ihrem Kind mehr zu

Eine ganz andere Frage ist: Traut Frau D. ihrem Sohn denn überhaupt zu, diese Krise bewältigen zu können? Hat sie dieses Vertrauen? Hmmm… Frau D. überlegt kurz: Eigentlich schon… aber egal, wie sie es ihm erklärt, er rutscht immer wieder in diese negative Haltung. Das "eigentlich" verrät es: So richtig traut sie es ihm doch nicht zu. Das wiederum spürt das Kind intuitiv­ und traut es sich selbst auch nicht zu. Ein Teufelskreis. 

Darf er die Krise denn doof finden oder erwartet Frau D., dass sie es ihm erklärt und er dann sagt: "Okay, Mama. Jetzt habe ich verstanden. Wie doof von mir, ich muss ja gar nicht traurig sein!"? Frau D. lacht: Doch, das dürfe er. Es ist ja auch ziemlich doof mit Corona. Aber ja, irgendwie versucht sie ihm immer wieder, die Situation zu erklären und schön zu reden.

Hier gehe ich mit Frau D. wieder in die Meta-Perspektive: Indem ich erwarte, dass das Kind Hurra schreit, weil ich es erkläre, verlasse ich die Augenhöhe mit dem Kind. Denn, ich weiß etwas, weshalb die aktuellen Gefühle des Kindes offensichtlich keinen Sinn ergeben. Aber das Kind möchte sich gesehen fühlen in seinem Gefühl. Möchte mit seiner Traurigkeit, seiner Wut, seiner Ratlosigkeit nicht so allein sein. 

Resilienz ist wichtiger als eine sorglose Kindheit

Wir gehen noch etwas mehr in die Distanz und betrachten gemeinsam das Big Picture: Frau D.s Familienideal, in dem das Kind eine sorglose Kindheit haben soll. Wenn es die hat, dann wird es ein glücklicher Mensch. Ist dem so? – möchte ich wissen. Frau D. nickt: Sie selbst hatte keine schöne Kindheit, ihrem Sohn soll es da besser ergehen.

Die Schwierigkeit an dieser weit verbreiteten Betrachtungsweise ist die Objektivierung des Kindes: Wenn das Kind genau auf die eine Weise seine Kindheit erlebt, wird es ein glückliches Kind – auf die andere Weise unglücklich. Dieser Kausalzusammenhang ist so nicht haltbar und nimmt dem Kind seine persönliche und freie Entscheidung, wie es auf die Welt und ihre Herausforderungen reagieren möchte. Die Tatsache, dass zwischen Reiz und Reaktion der freie Wille des Menschen liegt, unterscheidet uns von den Tieren.

Aufgrund dieser Tatsache startete Emmy Werner 1955 ihre Pionierstudie zu Entwicklung von Resilienz und legte damit den Grundstein für die heutigen Konzepte zu dem Thema. Resilienz ist die Widerstandskraft in Krisen. Sie ist nicht etwas, das man tun oder sein kann: Resilienz ist das Ergebnis von dem, was ich tue und wie ich denke. Und das Schöne daran: Sie ist lernbar. Aber dafür braucht es tatsächlich Krisen. Und das lernt man am besten schon in der Kindheit – mit Eltern, die einem in diesem nicht einfachen Prozess zur Seite stehen Die Botschaft ist: Wir gehen zusammen durchs Leben, auch dann, wenn's mal nicht einfach ist. Denn seien wir ehrlich: Krisen gehören zum Erwachsenwerden – von den ersten schlechten Noten bis hin zum Liebeskummer. Falsche Hoffnungen machen, bringt nichts. Und selbst in der aktuellen Pandemie-Ausnahme-Situation, hilft es, den Blick auf etwas Gutes zu richten: wie die Erfahrung des familiären Zusammenhalts. 

Kleine Freiheiten im Alltag finden

Die restliche Zeit verbringen wir damit, das Gehörte in tatsächliche To-Dos für zu Hause zu übersetzen, damit Frau D. etwas zu tun hat und sie und ihr Sohn aus der Ohnmacht rauskommen: So könnte sie ihm mehr Wahlmöglichkeiten bauen, aus denen er aktiv wählen kann. Sei es die einfache Tatsache, dass ihr Sohn beim Einkauf einen Aufstrich aussuchen soll, der wohl allen schmecken könnte oder ihn zu Hause entscheiden zu lassen, ob er heute oder morgen baden möchte. Oder doch lieber duschen? Es geht also vor allem um kleine Freiheiten, die gleichzeitig den Eltern Entlastung bringen. So kommt Ruhe ins System.

Sie könnte ihrem Kind auch mehr Verantwortung und Aufgaben übertragen, so dass er sich gebraucht fühlt und wirken kann. Zum Beispiel könnte Sie ihn bitten, den Abendbrottisch zu decken – ganz auf seine Weise. Frau D. lacht: Sie hat schon eine Ahnung, wie's dann aussehen wird! Aber die Idee gefällt ihr.  So erfährt auch der Sohn von Frau D. wieder Selbstwirksamkeit. Und das ist eines der stärksten Tools, um Krisen zu bewältigen. Außerdem möchte Frau D. ihm, wenn er wieder wackelt, sagen, dass das völlig in Ordnung ist. Frau D. spürt, wie sehr es sie selbst beruhigt, wenn sie ihm das sagen kann. Kein Wunder: Hilfe zu geben, ist immer auch Selbsthilfe.

Hier meine Tipps für Sie:

  • Trauen Sie ihrem Kind Corona zu! Lassen Sie ihm seine Krise. Sehen Sie sein Leid und bestätigen Sie es. Damit fühlt sich Ihr Kind gesehen und nicht allein gelassen. So kann es die Sicherheit tanken, die es gerade braucht.
  • Achten Sie auch mit Kindern auf Augenhöhe in der Kommunikation. Reine Erklärungen führen zu Distanz und Verlust der Augenhöhe: Wir erklären, weil wir wollen, dass das Gegenüber zustimmt. Benennen Sie lediglich, was ist.
  • Lassen Sie Ihrem Kind bei all den öffentlichen Beschränkungen dort die Wahl, wo immer Sie können. Dadurch kann es sich in dem von außen vorgegebenen Rahmen aktiv für oder gegen etwas entscheiden und kommt so aus dem Gefühl der Ohnmacht raus.
  • Auch das hilft: Durch die Nähe beim Kuscheln wird Oxytocin ausgeschüttet, durch Tanzen, Raufen oder Balgen wird das Stresshormon Cortisol abgebaut. 
  • Wenn Ihnen die Krise Ihres Kindes doch zu lange oder zu heftig vorkommt, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen. Ihr Kinderarzt kann die Situation abschätzen und gegebenenfalls zu therapeutischer Hilfe überweisen.

*Anonymisiertes Fallbeispiel aus der Beratungspraxis des Fürstenberg Instituts. Der Fall wurde mit dem Einverständnis des Betroffenen anonymisiert.

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