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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Spart euch die Nettigkeiten nicht für die Grabrede auf!

Auf dem Kommunikationskongress in Berlin sagte der evangelische Landesbischof in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, dass er es nie verstanden hätte, warum wir uns die schönen Dinge immer erst beim Nachruf am Grab sagen. Frank Behrendt mag Menschen, die anderen im Hier und Jetzt liebenswürdig gegenübertreten.

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"Unterhaltet euch in 2er Gruppen und sagt dann über euren Gesprächspartner etwas Nettes." Ich erinnere mich noch heute an die Seminarleiterin, die unseren Workshop im kreativen Haus in Worpswede mit dieser Übung einleitete. Es ging nicht darum, die Vita herunterzubeten, sondern einen Aspekt herauszuarbeiten, der beim anderen besonders liebenswert war und diesen dann der Gruppe zu kommunizieren.

Ich weiß noch, wie sich die eine oder der andere schwer tat mit dieser Herangehensweise. Es ist schließlich viel einfacher zu kritisieren, zu meckern, die negativen Seiten aufs Tablett zu bringen. Gerade in den sozialen Netzwerken ist Bashing an der Tagesordnung, Politiker wissen manches Lied davon zu singen. Von der einst erwünschten "Netiquette" - den Regeln für "soziales Kommunikationsverhalten im Internet" - halten zahlreiche Zeitgenossen offenbar weniger als nichts.

Aber Unfreundlichkeit zu akzeptieren, ist zum Glück für viele Fans eines konstruktiven Miteinanders keine Option. "Nichts irritiert Menschen mehr, als grundlose Höflichkeit" twitterte kürzlich Storymachine-Lenker und Ex-stern.de Frontmann Philipp Jessen. Recht hat er! Meine Kinder und ich machen uns mittlerweile einen Spaß daraus, an Wochenenden Menschen mit unserer Nettigkeit regelrecht zu erschrecken. Wir wünschen dann grimmigen Fremden auf dem Wochenmarkt "einen wunderbaren Tag", bedanken uns ausdrücklich mit einem strahlenden Lächeln für guten Service an der Käse- und Wursttheke, helfen alten Damen unaufgefordert beim Tragen schwerer Tüten oder über die Straße, lachen und stecken andere damit an.

Ein älterer Herr fragte uns gar, warum wir denn so unglaublich nett wären. "Es herrscht doch in unserer Gesellschaft sonst oft eine Kultur der Unfreundlichkeit", meinte er. Damit liegt er nicht falsch, wie auch verschiedene Studien belegen. Im vergangenen Jahr dokumentierte eine Untersuchung des Expat-Netzwerks "InterNations", dass Deutschland seit 2015 erheblich an Freundlichkeit eingebüßt hätte. Es reichte gerade noch für Platz 36 von 68. Befragt wurden 18.000 im Ausland lebende und arbeitende Personen aus 187 Ländern. Viele der Befragten finden, dass sich die Deutschen gegenüber Ausländern unfreundlich verhalten. Auch zu Kindern wären die Bürger unseres Landes im Vergleich zu anderen Ländern alles andere als zuvorkommend.

Wer selbst einmal im Ausland war, weiß, dass es auch anders geht. Meine Eltern, Geschwister und ich haben uns damals während unserer vielen Jahre in Brasilien immer extrem Willkommen gefühlt. Geradezu herzlich waren die Einheimischen bemüht, dass es uns gut geht in der neuen Umgebung. Wir Kinder wurden dabei besonders nett behandelt. Die Liebenswürdigkeit der Menschen haben wir nie vergessen, sie hat uns nachhaltig geprägt.

Aber auch der Umgang gegenüber den einheimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern lässt aktuell in Deutschland wahrlich zu wünschen übrig. Eine im Auftrag der Gothaer Versicherung erstellte Forsa-Studie zum Thema Nachbarschaftsstreitigkeiten förderte interessante Erkenntnisse zu Tage: Bei den Gründen für Differenzen mit den Nachbarn ist Unfreundlichkeit ein großes Thema. Allein in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland in dem ich wohne, gaben 38 Prozent der Befragten diesen Grund als den zentralen Auslöser für Streitigkeiten an. Interessant auch: Es wird immer mehr gestritten. Inzwischen gibt nahezu fast jeder Zweite an, schon einmal Streit mit seinem Nachbarn gehabt zu haben, 2014 war es erst jeder dritte.

Aber es gibt zum Glück auch die andere Seite. Das Hamburger Abendblatt startete kürzlich die Aktion "Seid nett zueinander". Die Redaktion sammelte kleine Geschichten aus dem Alltag, die zeigen sollten, wie nett Menschen zueinander sein können. "Es tut uns gut, wenn die Ellenbogen mal eingefahren werden und Großzügigkeit waltet", hieß es in dem Aufruf im Blatt.

Die Leserinnen und Leser machten eifrig mit und teilten jede Menge liebenswürdige Momente aus dem Leben. Eine Mutter hatte noch genau zwei Euro im Portemonnaie, gerade ausreichend für ein halbes Brot. Die kleine Tochter wollte aber unbedingt on top noch eine "Finkenwerder Scholle" für einen Euro. Eine nette ältere Dame in der Schlange hat dem Kind den Keks spendiert. Zum Dank gab es ein glückliches Strahlen.

Ein junger Mann übernahm die Tierarztrechnung eines älteren Herrn, dem das Geld für die Behandlung seines geliebten Katers fehlte. Kleine Gesten, die zeigen, dass ein herzliches Miteinander in unserer Gemeinschaft ganz wunderbar funktionieren kann. Dazu gehört auch, die bemerkenswerte Botschaft von Landesbischof Bedford-Strohm vom Kommunikationskongress möglichst oft in die Tat umzusetzen: Lasst uns anderen nicht erst in der Grabrede schöne Dinge sagen, sondern jetzt. Denn heute ist schließlich die beste Zeit.

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