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Kategorie "Lebenswerk": Ein Mann verschraubt die Welt

Er verkauft Schrauben. Nicht nur ein paar, sondern Milliarden. So wurde Reinhold Würth zu einem der reichsten Menschen der Erde.

Das Lieblingsspielzeug des Chefs ist die Falcon, und weil der Chef gerade Urlaub in Portugal macht, muss sein Pilot Benedikt Widmaier die Falcon jetzt nach Portugal bringen. Die Falcon ist nur eines von vier Flugzeugen des Chefs, aber eben ein besonders schönes. Sie hat einen Backofen an Bord, ein Bett, und in den Kühlfächern lagert Champagner. Aber den trinkt der Chef eigentlich nie. Er bevorzugt Mineralwasser, Kaffee und Schokokekse.

Seltsamerweise fliegt auch eine Plastiktüte voller Wurst- und Käsebrote mit. Für den Chef? "Nein", sagt der Pilot, "die sind für unerwartete Passagiere". Einmal seien nämlich spontan drei Leute mitgeflogen, und nachdem sie gelandet waren, fragte der ewig schwäbelnde Chef die Gäste: "Habet Se au was zum Essa kriegt?" Als sie verneinten, zitierte er seinen Piloten herbei: "Herr Widmaier, an so ebbes müsse se scho denke." Widmaier biss die Zähne zusammen, weil dem Chef widerspricht man nicht. Seitdem fliegen aber immer ein paar Wurst- und Käsebrote mit.

Mit an Bord ist der "Große Westermann Weltatlas"

Um die Mittagszeit landet die Falcon an der sonnigen Algarveküste, in Faro, wo der Chef ein Landgut hat. Die Maschine wird aufgetankt, und plötzlich steht er da. Ein älterer Herr mit weißen Locken, blau gestreiftem Hemd und roter Krawatte: der "Schrauben-Würth" von Künzelsau. Selbstverständlich hat Reinhold Würth, 69, nicht irgendeinen Schraubenladen, er nennt sich "Weltmarktführer für Montagetechnik" mit einem Umsatz von 5,4 Milliarden Euro im Jahr. Zusammen mit seiner Frau, einem Enkel und einem Freund des Enkels klettert er in die Maschine. Die Familie nimmt hinten Platz, der Chef schwingt sich auf den Pilotensitz. "So, habet ihr tankt?"

Bevor er startet, sagt der Chef, dass er 4.500 Flugstunden auf dem Buckel hat. Er lässt die Triebwerke an und schaut ein wenig irritiert übers Flugfeld: "Wo fahre mer denn naus?" Widmaier hat auf dem Copilotensitz Platz genommen, weist den Weg zur Rollbahn und überprüft dezent, ob der Chef den Bordcomputer mit den richtigen Daten gefüttert hat. Nachdem die Falcon sich in Bewegung gesetzt hat, tritt der Chef kurz so stark auf die Bremse, dass alle in die Gurte gedrückt werden. Widmaier rinnt der Schweiß vom Hals an abwärts, aber vielleicht liegt das auch an der Hitze im Cockpit. Mit an Bord ist der "Große Westermann Weltatlas", in dem der Chef gern mal blättert, wenn er über unbekanntes Gebiet fliegt.

Mehr als 45.000 Leute rund um den Globus arbeiten für ihn

Aber unbekannte Gebiete gibt es für Reinhold Würth kaum noch. In 80 Ländern zwischen Kambodscha und Mexiko hat er seine Niederlassungen, mehr als 45.000 Leute rund um den Globus arbeiten für ihn. Dabei kommt Würth selbst fast aus dem Nichts, ein Selfmademan. Sein Vater gründete 1945 eine Schraubengroßhandlung im Nebengebäude der Schlossmühle in Künzelsau, ein Ein-Mann-Handelsunternehmen plus Ehefrau. Reinhold war damals zehn Jahre alt. Zunächst kaufte Würth Senior Werkzeug und Schrauben ein und verkaufte sie wieder an Autowerkstätten, später an alle möglichen Handwerksbetriebe, aber eben nicht an Endverbraucher. Deshalb kennt bis heute kaum ein normaler Mensch die Firma Würth. Aber fragen Sie mal einen Handwerker.

Würths Vater starb 1954, und der 19-jährige Reinhold musste die Firma übernehmen. Er gründete zunächst Filialen in Deutschland, dann, 1962, wagte er den Sprung in die Niederlande, 1969 in die USA und 1970 nach Südafrika - überall kauften Handwerksbetriebe seine Ware wie bekloppt. Würth stieß in eine Marktlücke, lieferte nicht einfach nur Schrauben, sondern hörte genau zu, was die Betriebe brauchten und besorgte ihnen das in bester schwäbischer Qualität - zu etwas höheren Preisen. "Die einzige Sorge war immer, dass ich nicht genügend Geld für das Wachstum hatte."

Die Geldsorgen ist er heute los

In den Anfangsjahren kam es vor, dass Würth beim Leiter der Volksbank Künzelsau antreten musste. "Wenn Sie noch einmal den Kreditrahmen überziehen, sperre ich Ihnen das Konto", drohte der Volksbanker, "ich lass mir doch von Ihnen nicht meine Pension kaputt machen". Solche Anekdoten erzählt der Chef gern. Die Geldsorgen ist er heute aber los. Sein Konzern verfügt über eine Eigenkapitalquote von 48 Prozent, und das US-Magazin "Forbes" stuft ihn in der Rangliste der reichsten Menschen der Welt auf Platz 103 ein. Mit einem geschätzten Vermögen von 4,4 Milliarden US-Dollar steht Würth unter den reichsten Deutschen auf Platz 16.

An schwäbischer Sparsamkeit hält er aber fest. Beim Flug über die Pyrenäen gibt Würth zu, dass er der Schweizer Flugsicherung gelegentlich mitteilt, bis Nürnberg zu fliegen. Würde er das tatsächliche Ziel Schwäbisch Hall angeben, würden ihn die Schweizer schon kurz nach Genf zwingen, mit dem Sinkflug zu beginnen. Das wäre furchtbar, denn im Sinkflug verbraucht die Falcon mehr Sprit als oben. Also fliegt der Chef lieber in 12.000 Meter Höhe weiter und sinkt erst kurz vor dem Ziel umso steiler. Wer der Ansicht ist, dass sein Kerosinspartrieb unlogisch sei, da der Privatflug sowieso schon 15.000 Euro koste, den nennt er einen "Tüpfelesscheißer" (für Norddeutsche: "Korinthenkacker").

Höhepunkte im Kleinstadtleben sind die runden Geburtstage des Chefs

Privat wohnt Würth in einem Jagdschloss, zehn Kilometer vom Firmensitz entfernt. Als er 35 Jahre alt war, hat er es den Fürsten von Hohenlohe-Oehringen abgekauft. Die Leute in den nahe gelegenen Gaststätten sagen, dass der Hohenloher Gegend nichts Besseres hätte passieren können als Würth. Zum Beispiel der Stadt Künzelsau: Mehr als 60 Prozent der Gewerbesteuer stammen vom Würth, und Bürgermeister Volker Lenz bemüht sich, dem Chef jeden Wunsch zu erfüllen. Und sei es auch, eine Umgehungsstraße direkt ans Unternehmen anzubinden. "Was Würth gut tut, tut auch Künzelsau gut."

Höhepunkte im Kleinstadtleben sind die runden Geburtstage des Chefs. Wobei der Chef nie zugeben würde, dass die Spektakel seinetwegen veranstaltet werden. Offiziell wird immer nur das Firmenjubiläum gefeiert. Und es passt ja prima, dass die Firma exakt zehn Jahre jünger ist als der Chef. Zu Würths 50. kam der Zirkus Krone, und richtige Elefanten wurden durch Künzelsau gejagt. Zum 60. musste Christo die Firmenzentrale verhüllen, und Bud Spencer wurde engagiert, weil der Lieblingsfilm des Chefs "Vier Fäuste gegen Rio" ist. Bestimmt zehnmal habe er den Film gesehen, sagt Würth und gluckst, wenn er erzählt, wie die da aufeinander einschlagen.

Eigentlich ist Würth ein Patriarch

Über den Wolken verrät Würth auch, wie er sich die Gewerkschaften vom Leib hält. Naja, nicht ganz so wie Bud Spencer, aber auch ziemlich ausgebufft: Bis heute hat die Adolf Würth GmbH & Co. KG keinen Betriebsrat - weil der Chef über Tarif zahlt. "Wenn Verdi bei uns einen Betriebsrat gründen will", sagt er verschmitzt, "dann zahlen wir künftig halt Verdi-Tarif". Das heißt: weniger Lohn und längere Arbeitszeiten. Dass das "nicht zielführend" sei, hätten die Mitarbeiter immer eingesehen. Eigentlich ist der Chef ein Patriarch und erzählt solche Geschichten eher gutmütig, niemals klassenkämpferisch.

Neben seiner Firma kümmert sich Würth auch ums Allgemeinwohl und ist einer der größten Kunstmäzene in Deutschland. In seine Firmenzentrale ließ er ein Museum einbauen und in Schwäbisch Hall 2001 die Kunsthalle Würth hinstellen, in der man in Wechselausstellungen moderne Meister von Picasso bis Liebermann anschauen kann. Jeder Angestellte darf sich ein Kunstwerk aus dem Depot des Chefs ins Büro hängen. Zwei Tage nach der Rückkehr aus Portugal lässt er sich nach Mannheim fahren, um an der Universität einen Vortrag über Kunstförderung zu halten. Zuvor trifft er im Rektorat auf eine Professorendelegation, die ihm erklärt, wie toll die Uni sei. Würth bittet um Verständnis, dass er schon Ehrensenator in Tübingen sei, dass er vor allem "schöngeistige Dinge" sponsere, aber dennoch werde er auch "irgendwas" in Mannheim unterstützen. Später räumt er vor 400 Zuhörern freimütig ein, dass er als Mäzen eigene Interessen verfolge: Kunstförderung nutze dem Firmennamen.

Je mehr Umsatz, desto größer das Auto

Gelegentlich verspürt der Chef auch die Lust, sich kleiner zu machen, als er ist. Dann sagt er zum Beispiel, dass er gar nicht mehr der Chef von Würth sei. Offiziell hat er sich 1994 auf den Posten eines Beiratsvorsitzenden zurückgezogen und anderen die Geschäftsführung überlassen. So weit die Theorie. Tatsächlich ist der Alte aber präsent wie eh. Zu spüren bekommen das auch seine Außendienstmitarbeiter. Wenn ihm danach ist, verbringt der Chef einen ganzen Tag damit, einem Verkäufer über die Schulter zu schauen. An diesem Morgen taucht er kurz nach acht Uhr in der Niederlassung Würzburg auf und wundert sich, dass "nur zwei Hansel" da sind: "Wo sin die andere?" Bei einem sei die Tante gestorben, entschuldigt Stefan Sahlmüller die Kollegen, zwei andere seien krank. "So", sagt der Chef, "dafür habe die sich ja schöns Wetter raus g'sucht".

Heut fährt der Chef beim Verkäufer Sahlmüller, 29, mit. Weil Sahlmüller einen BMW 318d fährt, ist dem Chef auch gleich klar, dass er ein mittlerer Verkäufer ist. Denn den Stand eines Würth-Außendienstlers kann man am Auto ablesen: Je mehr Umsatz, desto größer das Auto. An der Spitze stehen die "Top-Club-Verkäufer" mit mehr als 50.000 Euro Umsatz im Monat. Sie bekommen einen Mercedes E-Klasse oder BMW 520 plus Extraurlaub mit der Frau plus eine Gehaltsprämie. Sahlmüller kutschiert den Chef zum ersten Kunden, dem Installateurbetrieb Andreas Fröhlich. Würth trägt eine rote Kühlbox, in der ein Sortiment Dübel verpackt ist, und plaudert mit dem Handwerker über die Rohstoffpreise. Sahlmüller dreht ihm anschließend die Kühlbox an: "Die macht sich im Schwimmbad gut." Als der junge Handwerker sie kauft, hakt Würth nach: "Brauche Se net noch eine für Ihre Mutter?" Späßle g'macht. So geht das eineinhalb Stunden, und am Ende haben sie Material für über 1.500 Euro verkauft.

"Ich frag mich, was aus dem Unternehme amol werde soll, wenn ich nimmer da bin"

Würth und Sahlmüller steigen wieder ins Auto, und der Chef erklärt: "Die Kunst ist es, dem Kunden so viel Ware zu verkaufen, dass er nichts mehr braucht, wenn die Konkurrenz kommt." Der Chef erzählt, dass er früher eigentlich immer gern auf Tour gewesen sei. "Wissen Sie, Verkäufer ist für mich der schönste Beruf überhaupt. Da kommen Sie mit allem zusammen, was auf Gottes Erdboden rumläuft, mit den hinterletzten und skurrilsten Typen."

Doch plötzlich fällt ihm ein, dass es jetzt doch geschickt gewesen wäre, wenn man noch ein Set Schraubenzieher zum Verkaufen dabei gehabt hätte. Sapperlot! Schon vor Monaten hatte er doch seine Manager gedrängt, solche Sets in den Kofferraum jedes Verkäufers legen zu lassen. Genervt greift er zum Handy und diktiert einen Brief an seine Geschäftsführer: "An die Herren Zürn und Wölfe. Seit zwei Monaten kämpfe ich wie gegen Windmühlenflügel für diese Schraubenziehersets. Ich verlange hiermit, dass bei jedem Verkäufer in Deutschland binnen einer Woche zehn solche Sets liegen." Seiner Sekretärin schärft er ein: "Stecke Se den Brief dem Zürn nicht in die Hauspost, sondern drücke Se ihm des sofort in die Pfote." Als Würth auflegt, muss er selbst lachen und jammert: "Ich frag mich, was aus dem Unternehme amol werde soll, wenn ich nimmer da bin."

Beim Würth gibt's eben noch den Chef

Das nächste Ungemach naht in Gestalt des jungen Sahlmüller, der jetzt zum Tanken fahren will. Der Chef ist fassungslos: "Hah, Herr Sahlmüller", sagt er, und schaut seinen Verkäufer an: "Jetzt rechne Se doch amol: Mir hen weltweit 24.000 Verkäufer. Wenn do jeder nur zehn Minute am Tag tankt, dann beschäftige mir jeden Tag 500 Verkäufer nur fürs Tanke." Sahlmüller ist baff, aber der Chef fährt fort: "Tanke tut mer nach Feierabend."

Abends auf einer Außendienstlerkonferenz gibt der Chef die Tankepisode noch mal zum Besten. Tanken während der Arbeitszeit ist für ihn offenbar der Anfang vom Niedergang. Deshalb wird er jetzt mal grundsätzlich: "Unserem Land ist insgesamt etwas der Ehrgeiz und der Leistungswille abhanden gekommen. Man ruht sich aus, meine Damen und Herren, aber wir dürfen uns niemals ausruhen, gerade wir bei Würth dürfen niemals aufhören, was Besonderes zu sein." Applaus! Sogar Sahlmüller applaudiert zaghaft. Der Chef erzählt weiter, wie er schuftet: gestern Vortrag in Mannheim, um Mitternacht nach Hause gekommen, heut um 5.45 Uhr aufgestanden. Und das mit 69 Jahren! Während die Jungspunde im Saal erst 30 sind! "Meine Herren, Sie wissen: Ich bin nicht der Schweinehirt, der die anderen antreibt. Ich bin der, der die Fahne nimmt und voranschreitet."

Donnernder Applaus! Andere Firmen leisten sich teure Motivationstrainer. Beim Würth brauchen sie diesen Schnickschnack nicht. Beim Würth gibt's eben noch den Chef.

Markus Grill / print