HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Ist mit 34 die beste Zeit vorbei? Nein, sie kommen wieder, diese "Gigamomente"

Ein Satz warf Rechtsanwältin Laura Karasek aus der Bahn: "Für 34 sehen Sie gar nicht so schlecht aus!" Eine Frechheit, aber dennoch kam sie ins Grübeln: War die schönste Zeit schon vorbei? Gibt es jetzt nur noch Routine oder kommt da noch was.


"Wird das Leben irgendwann eine Wiederholung, eine Rückkehr, ein Abonnement? Ein Mal im Jahr Venedig zu zweit?"

"Wird das Leben irgendwann eine Wiederholung, eine Rückkehr, ein Abonnement? Ein Mal im Jahr Venedig zu zweit?"

 "Für 34 sehen Sie gar nicht so schlecht aus!" sagte neulich einer zu mir, nachdem er mich nach meinem Alter fragte. "FÜR 34!" Als sei ich kurz vorm Rollator. Dabei dachte ich, 40 sei die neue 30 und wir würden alle nicht oder zu spät erwachsen werden. Jetzt also dieser Spruch von einem – wie ich dann erfuhr – 48-jährigen Mann. "Meine Frau war mit 25 eine !" erzählte er mir später. Inzwischen sei sie – bedauerlicherweise – schon 39. Ich schaute ihn mitfühlend an.

 "Sooo alt schon?!" Und der Gipfel an mir und meinem kleinen Ego aus Wackelpudding oder war – ich wollte diesem Depp trotzdem gefallen. Ich wollte ihm beweisen, dass ich immer (noch!) mit 34 eine "Granate" war! Ha! Warum wollen wir manchmal genau die Leute beeindrucken, die uns am wenigsten gefallen? Ich wollte ihm etwas beweisen. Aber was?

Ein weiterer Freund sagte mir, er würde keine Frauen über 32 daten. Nicht, weil die nicht mehr "hot" seien – da gäbe es durchaus scharfe Exemplare. Nein, sie seien ihm zu "gefährlich". "Die wollen dann gleich Kinder und laufen mit einem mobilen Klapp-Altar herum. Da liegt das Brautkleid schon im Schrank und wartet nur auf das Startsignal."

Männerprobleme in allen Altersstufen

Nun, aber was sagt uns ein Mann, der zwischen 30 und 48 noch Single ist, kinderlos, ehelos? Freak, beziehungsgestört oder schlecht im Bett. Oder hat Mundgeruch. Gonorrhoe? Geiz? Oder alles zusammen. Der wiederum Ü-50-Jährige bringt meist schon ein paar Kinder, Unterhaltszahlungen und Geliebte mit in die Beziehung. Auch nicht optimal. 

Ein Teenager? Toyboy? Schwierig wird’s nur, wenn man seine Mutter um Erlaubnis fragen muss, ob man unter der Woche mit ihm ausgehen darf. Und Hausaufgaben oder Klausuren sind bei mir nun auch schon ein Weilchen her. Auch wenn das Abitur mir gar nicht so weit weg vorkommt. Ich fühle mich so einer Schülergruppe im Park irgendwie immer noch zugehörig. Vertraut nicke ich ihnen zu, während ich vorbei jogge – und sie an mir vorbei kiffen. Sie erkennen mich nicht als ihresgleichen und verstecken den Joint. 

Ein Freund erzählte mir mal, 18 sei die gefühlte Mitte des Lebens. Die Zeit, die vergeht bis man 18 wird und die Zeit, die man danach noch lebt, scheinen dem Individuum gleich lang. Deprimierend. Die Kindheit war so endlos. Weihnachten war selbst am 29. November noch unfassbar weit weg. Jeder Frühling war wie der erste und für die Klausur übermorgen hatte man noch ganz viel Zeit, zum Lernen! Ach, die verflixte Zeit und ihre Umstellung. Das ganze Erwachsensein ist ein Jetlag. Du kommst nie hinterher, Du bist nie ausgeschlafen und nachts liegst Du trotzdem wach.

Gibt es noch ein "erstes Mal"

Und wie viele "erste Male" würde das Leben noch für uns bereithalten? Hört das Neue irgendwann auf? 

Neulich hat meine Tochter sich mit einer kleinen Babybürste über ihren nackten Fuß gestreift. Sie hat dabei so gelacht, war erstaunt, dass es kitzelt und kribbelt und kratzt. Wann waren wir zum letzten Mal über etwas so rührend Alltägliches erstaunt? Wann haben wir eine Stadt, ein Gefühl, einen Gedanken – zum ersten Mal gesehen, gespürt, gedacht? Wird das Leben irgendwann eine Wiederholung, eine Rückkehr, ein Abonnement? Jeden Sommer in die Toskana, jeden Winter in die , ein Mal im Jahr Venedig zu zweit?

Wie war es denn mit "18"?

Ich wäre ungern wieder 18. Mein Gott, war ich da unsicher, unsouverän, habe Zigaretten geraucht und dachte, ich würde dadurch Marlene Dietrich und cool. Ich fühlte mich unwohl, wenn ich allein im Café saß. Ich fühlte mich unwohl, wenn ich allein in einen Klamottenladen ging. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Und mit 15 war es doch noch schlimmer! Ich hörte Ace of Base, Dr. Alban, Snap und Take That. Ich hatte Poster von 2Unlimited und Haddaway in meinem Zimmer. Ich sammelte Parfumproben und Miniaturschnapsflaschen (die mein Vater oft heimlich verschwinden ließ… falls sein Digestif wieder einmal leer war. Dann klirrte es aus meinem Kinderzimmer und er verschränkte die Arme hinter dem Rücken, als sei er unschuldig, als habe er nichts angerührt). Wir spielten Tat, Wahrheit oder Pflicht, um endlich jemanden zu küssen. Wir kauften bei Benetton und Esprit ein. Wir liebten das Block House und wir tranken Kleiner Feigling oder Apfelkorn. Wir spielten Trinkspiele und wir schämten uns. Ich wurde beim Basketball oder Volleyball immer als eine der Letzten gewählt. 

Dafür war ich beliebt, wenn es ums Ausgehen oder Abhängen ging. Ich hing gar nicht so gerne ab. Eigentlich war es mir langweilig, dieses Rumliegen, Rumsitzen, Chillen – auch bei Sonne in dunklen Kellern, in denen gequalmt wurde und Cypress Hill oder Bob Marley gehört. Oder Wu Tang Clan. Gott, was musste man cool sein! Gott, was musste ich cool spielen! Cooltun ist anstrengend. In Wahrheit schlug mein Herz für die Backstreet Boys und für Rilke-Gedichte. Wie schön es doch da ist, 34 zu sein! Ich muss nichts mehr spielen, kann die Musik hören, die ich mag, muss nicht abhängen und liebe es, allein in einem Café oder Restaurant zu sitzen. Ich muss auch nicht mehr so tun, als ob ich auf Toilette müsste, wenn ich allein auf einer Party stehe (das hab ich jahrelang gemacht, immer wieder hin und her zwischen Bad und Bar. Nur um nicht allein zu stehen, stehenzubleiben und stehen gesehen zu werden).

Es gibt viel zu Entdecken

Oder hatte der Typ Recht? Und ich hatte meinen Zenit – wie seine Frau – bereits überschritten, den Höhepunkt des Lebens hinter mir gelassen? Ich glaube, es gibt keinen EINEN Höhepunkt, keine beste Phase oder schönste Zeit. Es gibt sie immer wieder, diese Gigamomente!

Nein, es gibt sie noch: diese ersten Male! Die Kindlichkeit in uns allen, das Jungsein, das Überraschungsgefühl, die Entdeckung. 

Zum Beispiel mit Kindern! Zum Beispiel, wenn man ein Lied zum ersten Mal hört und Gänsehaut hat. Zum Beispiel, wenn man das erste Mal in Dubrovnik ist oder auf einem Wakeboard steht - oder wenn man sich einfach mal mit der Bürste über die Fußzehen streicht und sich freut, wie es sich anfühlt.