Portrait Sie wurden gefeuert und sie haben entlassen


Überall in der deutschen Wirtschaft wird Personal "freigesetzt". Der stern zeigt die Gesichter hinter der Statistik.

Rainer M.* hat in einem kleinen PR-Büro im Raum Frankfurt am Main gearbeitet. Gekündigt im November 2002

"Direkt nach einer ziemlich erfolgreichen Veranstaltung, die ich organisiert hatte, wurde ich vom Chef in ein dunkles Eck gerufen. Da hat er dann rumgestottert: "Wir müssen Ihnen noch was sagen" und mir einen Brief mit der Kündigung in die Hand gedrückt. Es standen noch ein paar Gäste herum, und der Chef kam auch aus dem Eck wieder hervor - mit einem Gesicht wie ein Mörder, der noch das blutige Messer in der Hand hat. Obwohl ich es gefordert habe, hat er mir nicht einmal die Entlassungsgründe genannt. Muss er laut Gesetz auch nicht, weil das Büro so klein ist, dass sowieso kein normaler Kündigungsschutz gilt. Anderen hat er gesagt: "Wir wollen die Gründe nicht nennen wegen der gebotenen Rücksicht auf die Belange von Herrn M." Als hätte ich geklaut oder gelogen! Erst hab ich auch kein Zeugnis bekommen. Als ich dann ein vorformuliertes Zeugnis hingeschickt habe, wurde die Wertung kräftig gedrückt. Dagegen hab ich mich mit einem Anwalt gewehrt, und das hat zum Glück geklappt."

*Einige Betroffene wollten nicht mit vollem Namen genannt werden und ließen sich nur so fotografieren, dass sie nicht zu erkennen sind

Kündiger fühlen sich als Täter und als Opfer

Paul G., 44, Geschäftsführer einer Software-Firma bei Potsdam, muss in den nächsten Wochen mehreren Mitarbeitern kündigen

"Vor zehn Jahren habe ich die Firma gegründet. Wir sind 30 Kollegen, alle sehr gut ausgebildet, Physiker, Ingenieure. Eigentlich fühle ich mich wie einer unter Gleichen. Vor drei Jahren habe ich die Firma an ein Unternehmen in den USA verkauft, weil man für unsere Projekte richtig Geld braucht. Der Börsenwert ging damals steil nach oben. Bis vor zwei Jahren. Da platzte die Blase. Inzwischen haben unsere amerikanischen Geschäftspartner schon 500 von den 1500 Mitarbeitern entlassen. In zwei Wochen. Zack und raus. Meine Leute wissen auch, dass es immer enger wird. Manchmal ruft mich nachts der US-Boss der Firma an und sagt: "Hey, can you give me a plan how to cut five heads until the end of the month?" Ich antworte dann immer: "Du weißt, dass das nicht geht. In Deutschland gibt es Kündigungsschutz." Das ist den Amis völlig fremd. Inzwischen sieht es so aus, als müsste ich zwei Leuten kündigen. Im schlimmsten Fall sogar vier. Die Situation ist schon schizophren. Wir stehen in der Kaffeeküche und quatschen nett, und ich weiß: Wenn die Zahlen nicht besser werden, muss ich dich in drei Wochen entlassen. Ich habe lange darüber nachgedacht, auf wen ich am besten verzichten kann. In meiner Position muss man leider auch solche Entscheidungen treffen."

Bianca Bernhard, 28, Kommunikationsdesignerin aus Köln. Gekündigt im August 2002

"Schon seit Monaten gab es in der Agentur nur noch Druck. Die Motivation war total unten. Und dann im Sommer gingen drei große Ausschreibungen verloren. Zu meiner Kollegin habe ich gesagt: "Ich glaube, ich sehe das Arbeitsamt früher von innen, als mir lieb ist." Prompt hat mich dann auch der Personalleiter gerufen, und da war mir klar: Ich bin draußen. Trotzdem war ich geschockt. Ich habe zu ihm so was gesagt wie "Na, da kann man wohl nichts dran machen", und ich habe erst mal durchgerechnet, wie viel Geld ich demnächst noch habe. Und dann habe ich brav weitergearbeitet. Bis abends. Völlig irre. Als sei nichts passiert. Erst zu Hause ist mir dann richtig klar geworden, was passiert ist. Im Laufe der Woche habe ich meine ganzen Blumen mitgenommen. Wenn ich meinem Chef begegnet bin, hat er immer nur auf den Boden geguckt. Der hat nichts gesagt. Auch nicht zum Schluss. Kein Danke, nichts. An meinem letzten Tag habe ich zu meinen Kollegen gesagt: "Ich komme euch mal besuchen." Aber das habe ich dann doch nicht gemacht. In den ersten Wochen habe ich schon noch immer wieder an meine Projekte und die Kollegen gedacht, aber irgendwann hat das nachgelassen. Man gehört eben einfach nicht mehr dazu."

Heike K., 30, Designerin aus Stuttgart. Gekündigt zum April 2003

"Ich war in einer kleinen Agentur für Produktdesign. Mein erster richtiger Job, mein erster unbefristeter Vertrag. Aber schon nach den ersten Monaten brachen uns die Aufträge weg. Meine Chefs hätten mir schon damals kündigen können, aber sie haben es erst mit einer Kürzung auf drei Tage pro Woche versucht. Die waren schon wirklich o. k. Haben ehrlich über die Situation gesprochen. Meine Kollegin wird jetzt auch entlassen. Dann sind die Besitzer wieder unter sich. Wenn man von 4,7 Millionen Arbeitslosen hört, ist das immer so abstrakt. Und jetzt gehöre ich selber dazu. In dieser Masse wird man so bedeutungslos, so richtig klein und belanglos."

Kündigen muss nicht killen heissen

Joaquim dos Santos, 55, Angestellter bei der Taunus-Sparkasse in Bad Homburg von der Höhe. Gekündigt zum März 2003

"Wir haben uns im Einvernehmen getrennt - mit Aufhebungsvertrag und Abfindung. Seit 1979 habe ich bei der Sparkasse gearbeitet. Ich war in der Poststelle, im Fuhrpark und habe den Vorstand gefahren. In letzter Zeit ging es mir gesundheitlich nicht so gut. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall und musste zweimal operiert werden. Als es hieß, die müssen Leute entlassen, habe ich freiwillig gesagt, dass ich gehe. Weil es andere doch viel schlimmer treffen würde als mich. Frau Eisert und der Vorstandsvorsitzende sind dann zu mir nach Hause gekommen, und wir haben bei uns am Küchentisch den Aufhebungsvertrag ausgehandelt. Meine Frau war auch dabei. Wenn Leute gekündigt werden müssen, dann sollen die freiwillig gehen, die es nicht so hart trifft."

Susanne Eisert, 41, Personalleiterin der Taunus-Sparkasse in Bad Homburg von der Höhe

"Wir mussten die Personalkosten um zwei Millionen Euro reduzieren. Das hieß: 55 Mitarbeiter abbauen. Bevor wir überhaupt angefangen haben, haben wir Leitlinien und verschiedene Modelle für die Trennungen ausgearbeitet. Für einen 58-Jährigen mag eine Abfindung ja prima sein, aber für einen jungen Menschen muss man sich etwas anderes überlegen. Unser Ziel war, sich in Frieden zu trennen. Wenn man kündigen muss, dann ist das immer mit Schmerz für den Betroffenen verbunden. Ich habe immer versucht, die Gründe für die Entscheidung offen zu legen. Natürlich gibt es manchmal Tränen, auch viel Wut und Trotz. Da darf man nicht kalt reagieren. Diese Kälte ist oft nur ein Schutz, um sich die Gefühle vom Leib zu halten."

Kündigung tut weh wie der Tod eines Geliebten

Peter Richter, 53, ehemaliger Chef der Öffentlichkeitsarbeit beim Automobilzulieferer GKN Automotive Driveline in Rösrath bei Köln. Gekündigt zum Dezember 2003

"Schon vor eineinhalb Jahren habe ich gedacht, dass das nicht mehr lange gut geht, weil die immer mehr Leute in die Zentrale nach Birmingham geholt haben. Aber so richtig damit gerechnet? Nein, das habe ich nicht. Bis der Anruf vom Personalleiter kam. Er werde jetzt rüberkommen und den Mitarbeitern sagen, dass die Abteilung zugemacht wird. Und dann kam er. Wir haben uns in meinem Zimmer versammelt, und er hat die Entscheidung mitgeteilt - ohne Warum, ohne Datum, ohne Bedingungen. Wir haben danach ziemlich ratlos zusammengesessen. Ich habe direkt Schutzklage eingereicht und dem Personalleiter gesagt: "Das ist nicht gegen Sie gemeint, aber ich will meine Rechte gewahrt wissen." Meine Kündigungsbedingungen sind auch gar nicht schlecht. Die Firma hat sich schon fair verhalten. Ich habe Outplacement-Beratung bekommen und werde mich jetzt selbstständig machen. Das Wichtigste sind die Kontakte, die man hat. Die habe ich immer gepflegt, und das hilft auch jetzt beim Neustart."

Lilia Schiebelbein, 42, aus Böblingen bei Stuttgart, gelernte Buchhalterin mit vier Söhnen, ehemalige Firma: STP, ein Chip- und Leiterplattenhersteller. Gekündigt im September 2002

"Als ich fest angestellt worden bin, habe ich gedacht: Hier bleibe ich bis zu meiner Rente. Aber schon bald danach fingen die Probleme an. Die ganze IT-Branche krachte. Erst haben sie Kurzarbeit verkündet und zwei Jahre später Insolvenz angemeldet. Aber sogar da hat man sich weiter Hoffnungen gemacht. Dann aber hatten wir eine Betriebsversammlung. Das war an einem Montag im September. Der Haupteingang war schon verschlossen, und wir mussten durch die Kantine rein, und da haben sie gesagt: Von den 823 Beschäftigten sollen 375 "freigestellt" werden. Am nächsten Tag kam der Brief. Die Post war früher an dem Tag, und ich habe den Brief gesehen und gedacht: So, jetzt hat's dich also auch erwischt. Ich habe geheult und dann die Kolleginnen angerufen. Man fragt sich die ganze Zeit: Warum ich? Ich habe doch so viele Überstunden gemacht und war nicht ein Mal krank. Warum also ich? Das kann einem niemand erklären."

Axel Poblotzki, 39, Manager in Berlin bei der matino berlin GmbH, Herstellung von Metallkomponenten für Elektrogeräte und medizinische Implantate, 700 Mitarbeiter, 100 Millionen Euro Umsatz

"Auf der Hannover-Messe 1998 wurden wir von einem internationalen Unternehmen angesprochen: Unser Know-how im Titan-Bereich war gefragt, und wir sollten etwas völlig Neuartiges entwickeln. Auch die Produktion sollte bei uns stattfinden. Nach reiflicher Überlegung wagten wir den Schritt - eine strukturelle Neuausrichtung. Es wurden neue Maschinen angeschafft, neue Technologien eingeführt und der Personalstamm für die neuen Anforderungen qualifiziert. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit war es so weit. Wir lieferten die erste größere Stückzahl an unseren Kunden. Und dann kam das Fax. Man werde die Produktion nach China verlagern und die Zusammenarbeit mit uns beenden. Ich habe sofort den Betriebsrat informiert und die Mitarbeiter zusammengerufen. Es war sehr still in dem Raum, und ich habe angefangen zu reden. Die meisten der etwa 100 Anwesenden waren sehr gefasst, andere waren sichtlich geschockt. Ich wollte, dass alle zusammen davon erfahren, damit man sich nicht so allein und verlassen fühlt. Jetzt verfügen wir über hochmoderne Technik und Maschinen, die von unserer Forschungs- & Entwicklungs-Gruppe weiterbetrieben werden, um neue Chancen für uns zu nutzen. Ich habe den Mitarbeitern versprochen, dass wir uns in einem halben Jahr treffen und sehen, ob unsere jetzigen Aktivitäten Früchte tragen. Gutes Personal ist doch das Wichtigste."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker