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Tarifstreit: Wer alles mehr Geld will

Zehn Prozent mehr Einkommen - an solch stolze Lohnforderungen muss sich Deutschland erst wieder gewöhnen. Klinikärzte und Erzieher sind dabei nicht die Einzigen, die 2008 ihren Anteil am Aufschwung fordern. stern.de zeigt, wie es den einzelnen Branchen geht und wie hoch die Forderungen sind.

Von Doris Schneyink und Roman Heflik

Es sind keine geringen Ansprüche. Die Beschäftigten der Chemieindustrie wollen bis zu sieben Prozent mehr, die Kollegen in der Textilbranche 5,5 Prozent und der Marburger Bund will für die Klinikärzte gar zehn Prozent mehr Lohn und Gehalt durchboxen. 2008, sagt IG-Metall-Chef Berthold Huber, werde das "Megatarifjahr". Dabei geht es auch um einen Machtkampf zwischen den Gewerkschaften und Arbeitgebern. Die Tarifverhandlungen sind die Bühne dazu.

So entschlossen wie seit Jahren nicht, versuchen die Arbeitnehmervertreter das Ruder bei der Lohnentwicklung herumzureißen - trotz Bankenkrise und wachsender Angst vor einer Rezession in den USA. "Die Voraussetzungen für erfolgreiche Lohnabschlüsse sind günstig", sagt der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel.

Zwar schwächt sich der Aufschwung in Deutschland 2008 leicht ab, aber er ist immer noch robust. Viele Branchen haben im vergangenen Jahr Rekordergebnisse eingefahren, die Auftragsbücher sind voll, 40 Prozent der mittelständischen Unternehmen wollen neue Mitarbeiter einstellen. Die Arbeitslosenquote ist gesunken, die Gewinne gestiegen. Der Staat nimmt im Gegenzug deutlich mehr Steuern ein. Die Kommunen erzielten 2007 Überschüsse von 6,4 Milliarden Euro.

In einigen Branchen stehen die Tarifsteigerungen für 2008 bereits fest. Diese länger laufenden Abkommen sind bereits im vergangenen Jahr vereinbart worden. Für die Beschäftigten der Deutschen Bahn AG gibt es seit Januar ein Plus von 4,5 Prozent, für die Mitarbeiter beim RWE-Konzern sind es 3,9 Prozent. Versicherungsbeschäftigten erhalten 3,0 Prozent mehr und die Gehälter der Beschäftigten bei den Ländern steigen um 2,9 Prozent.

Der erste große Tarifabschluss in diesem Jahr ist bereits unter Dach und Fach: Die 85.000 Beschäftigten in der nordwestdeutschen Stahlindustrie sollen ab März 5,2 Prozent mehr Gehalt bekommen.

Die Arbeitgeber im Öffentlichen Dienst warnen bereits jetzt vor den Folgen eines Arbeitskampfes und eines zu hohen Tarifabschlusses. "Würden wir die Forderungen von Verdi erfüllen, würde uns das sieben Milliarden Euro kosten. Das wäre der gesamte Überschuss des vergangenen Jahres", sagte der Verhandlungsführer der Kommunen, Thomas Böhle, stern.de.

Stahlindustrie

Für die 85.000 Beschäftigten in der nordwestdeutschen Stahlindustrie ist die Tarifrunde 2008 bereits beendet. Sie sollen ab März 5,2 Prozent mehr Lohn und Gehalt bei einer Laufzeit von 13 Monaten bekommen. Für den Monat Februar wurde eine Einmalzahlung von 200 Euro vereinbart. Auszubildende erhalten 70 Euro mehr. Das ist der höchste Abschluss in der Branche seit 15 Jahren.

Dem Kompromiss waren massive Warnstreiks vorangegangen, an denen sich nach Gewerkschaftsangaben fast 40.000 Beschäftigte beteiligt hatten. Für den Fall, dass es in der vierten Verhandlungsrunde nicht zu einem Tarifabschluss gekommen wäre, hatte die Gewerkschaft einen unbefristeten Streik angekündigt. Unklar ist, inwieweit dem Stahl-Abschluss eine Pilotfunktion für andere Branchen zukommt. Denn die Stahlbranche profitiert derzeit von einem Jahrhundertboom.

Die Arbeiter wollen ihren Anteil an der Erfolgsgeschichte: Die Umsätze der deutschen Stahlindustrie sind förmlich explodiert, die Erlöse seit 2003 von 26 auf über 42 Milliarden Euro gestiegen. Die einstige Krisenbranche Stahl erlebt dank der großen Nachfrage aus China und den asiatischen Schwellenländern einen ungeheuren Boom und fährt hohe Gewinne ein.

Öffentlicher Dienst

Die Kommunen und der Bund haben - im Gegensatz zur privaten Wirtschaft - ein Problem: Sie sind massiv verschuldet und zahlen Tag für Tag hohe Zinssummen. Trotzdem verlangt die Gewerkschaft Verdi acht Prozent mehr für die 1,3 Millionen Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes beim Bund und in den Kommunen. Sie beruft sich dabei auf die stark gestiegenen Steuereinnahmen.

Zudem wurden im öffentlichen Dienst seit 1991 zwei Millionen Stellen abgebaut. Die Arbeitnehmer mussten mehrere Nullrunden hinnehmen.

Einzelhandel

Seit sechs Monaten ringen die rund 2,5 Millionen Beschäftigten im Einzelhandel um einen Tarifvertrag. Von den Forderungen anderer Branchen können sie nur träumen: Ungefähr die Hälfte der Beschäftigten sind Teilzeitkräfte oder Mini-Jobber, die sich schlecht organisieren, aber leicht ersetzen lassen. Die Streiks verpufften bisher wirkungslos, die Arbeitgeber heuerten einfach Leiharbeiter an.

Im Einzelhandel herrscht ein brutaler Lohnkampf. Die Arbeitgeber wandeln sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen in schlecht bezahlte Minijobs um.

Weil die Tarifverhandlungen im Einzelhandel schleppend voran gehen, erhöhen immer mehr Unternehmen die Löhne auf eigene Faust. Der Supermarktbetreiber Kaisers Tengelmann zahlt seinen 17.000 Mitarbeitern ab Februar zwei Prozent mehr. Die Metro-Töchter Real und Extra erhöhen die Gehälter ihrer 55.000 Beschäftigten ab März ebenfalls um zwei Prozent. Als erste Handelsunternehmen hatten sich laut "Welt" die Kölner Handelsgruppe Rewe und der Möbelhändler Ikea bereit erklärt, ihren Mitarbeitern mehr zu zahlen. Verdi führt in allen Bundesländern getrennte Tarifverhandlungen für die rund 2,6 Millionen Beschäftigten der Branche. Die Forderungen liegen zwischen 3 und 6,5 Prozent. Überall sollen die Zuschläge für Spät- und Wochenendarbeit erhalten beziehungsweise ausgebaut werden. Außerdem fordert Verdi in den meisten Ländern ein Mindesteinkommen in Höhe von 1.500 Euro.

Chemieindustrie

Die Beschäftigten der Chemieindustrie fordern sieben Prozent mehr Lohn und Gehalt. Außerdem sollen die Ostgehälter in einer zweiten Tarifrunde Mitte des Jahres noch mal um drei Prozent steigen. Die Chemie-Tarifverträge gelten für 550.000 Beschäftigte.

Die Chemie boomt. Der Umsatz stieg 2007 um 7,5 Prozent. Im laufenden Jahr erwartet die Branche ein stabiles Wachstum von 4,5 Prozent. Nachdem die Tarifverhandlungen in Hessen bereits am 26. Februar beginnen und die übrigen Regionen folgen, wird am 1. April auf Bundesebene verhandelt.

Die Arbeitgeber erwarten eine schwierige Tarifrunde. Das Argument: Die Beschäftigten seien bereits an der guten Entwicklung im vergangenen Jahr beteiligt worden: Durch Lohnerhöhungen von 3,6 Prozent und Einmalzahlungen. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie warnt angesichts sinkender Wachstumsraten vor überzogenen Forderungen.

Klinikärzte

Der Marburger Bund fordert für die Ärzte in den kommunalen Kliniken im Durchschnitt zehn Prozent mehr Lohn. Die geforderten Steigerungen liegen zwischen 8,33 und 14,29 Prozent. Je nach Arztgruppe und Berufsjahren entspricht das Zuwächsen zwischen 310 und 800 Euro im Monat.

Klinikärzte leisten viele unbezahlte Überstunden, ihre Arbeitszeiten wurden verlängert, Sonderzahlungen gekürzt. 2006 kam es zum bisher größten Ärztestreik in Deutschland. Der Marburger Bund erkämpfte für die Klinikärzte einen eigenen Tarifvertrag, konnte nennenswerte Gehaltssteigerungen aber nur für junge Mediziner herausholen.

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Von:

Roman Heflik und Doris Schneyink