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KarstadtQuelle: Gegenwind für Sanierungsplan

Die Gewerkschaften wollen den Sanierungsplan für den kränkelnden KarstadtQuelle-Konzern nicht kampflos hinnehmen. Aber auch die Bundesregierung hat angesichts der bevorstehenden Kündigungen Gespräche mit dem Konzern aufgenommen.

Die Gewerkschaft ver.di hat Widerstand gegen das von der Karstadt-Unternehmensführung angekündigte Sanierungskonzept angekündigt. "Wir werden die Belegschaften mobilisieren", sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Franziska Wiethold der "Berliner Zeitung". Wiethold bezeichnete das am Dienstag präsentierte Konzept als "Kahlschlag", der die Zukunft der Karstadt-Warenhaussparte eher gefährde als stabilisiere. "Dazu wird es am kommenden Montag eine Zusammenkunft der Gesamtbetriebsräte und Gewerkschaftsvertreter geben, in dem das gemeinsame Vorgehen koordiniert wird," zurrte ver.di-Pressesprecherin Martina Sönnichsen die nächsten Schritte fest.

Etliche Warenhäuser blieben zu

Die Gewerkschaft ver.di und die Betriebsräte hatten die rund 100.000 Karstadt-Mitarbeiter bundesweit zu Betriebsversammlungen eingeladen, um sie über bevorstehende drastische Sanierungsmaßnahmen und den Umbau des Konzerns zu informieren. Für die Dauer der Veranstaltungen blieben zahlreiche Warenhäuser und Fachgeschäfte des Konzerns vorübergehend geschlossen, darunter auch das Berliner Flaggschiff KaDeWe.

Betriebsräte mehrerer Filialen sagten, die Belegschaft habe gefasst auf die Pläne reagiert. "Für uns wird sich erstmal nichts tun", sagte ein Betriebsrat in Bocholt. "Es wird sich kein Käufer finden und es wird bleiben wie es ist."

Angesichts des drohenden Wegfalls tausender Arbeitsplätze hat auch die Bundesregierung Gespräche mit dem Handelskonzern aufgenommen. Clement sagte Reuters-TV am Mittwoch in Berlin, man stehe in Kontakt mit der Konzernführung. "Ich gehe davon aus, dass dort nicht abrupt Entscheidungen fallen zu Lasten von Standorten und vor allen Dingen zu Lasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern." Die Bundesregierung stehe hier "mit den Instrumenten, die wir haben, zur Verfügung".

In der Vergangenheit waren politische Einflussversuche allerdings eher nicht von Erfolg gekrönt, wie etwa bei dem Pleite gegangenen Baukonzern Philipp Holzmann. Kurze Zeit, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder die vermeintliche Rettung gefeiert hatte, war das Schicksal von Holzmann doch besiegelt.

Analysten bezweifeln Erfolgsaussichten

Während die Banken des Essener Traditionskonzerns mit dem Management über die harten Sanierungsschritte berieten, äußerten Branchenexperten Zweifel an der Umsetzbarkeit des von Vorstandschef Christoph Achenbach am Vortag bekannt gegebenen Restrukturierungsprogramms. Analysten bezeichneten die Erwartungen des Vorstandes angesichts der schwierigen Marktlage als zu optimistisch. Die im Nebenwerteindex MDax der Börse notierten KarstadtQuelle-Aktien verloren bis zum Nachmittag 5,8 Prozent an Wert auf rund 13,04 Euro und büßten damit die kleinen Gewinne vom Vortag mehr als ein.

Volker Hergert von der Berliner Bankgesellschaft sagte, er frage sich, wo es einen Käufer für die zum Verkauf gestellten 77 Warenhäuser geben solle. Der deutsche Einzelhandelsmarkt sei angesichts der Kaufzurückhaltung der Verbraucher nicht interessant für Investoren. Ein anderer Branchenexperte wurde noch deutlicher: "KarstadtQuelle will Dinge verkaufen, die nicht gerade zu den Perlen des Konzerns gehören. (...) Ich kenne niemanden, der hier zuschlagen wollte." Zahlreiche mittelständische Kauf- und Warenhäuser sind in den vergangenen Jahren in Deutschland vom Markt verschwunden.

Auch ausländische Firmen wie der britische Einzelhändler Marks & Spencer (M&S) traten wieder den Rückzug an. Selbst der Riese Wal-Mart verbucht noch immer Verluste in Deutschland. Der französische Handelskonzern Carrefour wies am Mittwoch jegliches Interesse an Teilen von KarstadtQuelle zurück. Auch die spanische Handelsgruppe El Corte Ingles erklärte, sie wolle nicht in Deutschland investieren.

Der KarstadtQuelle-Konzern hatte am Dienstag das radikalste Sparprogramm seiner Geschichte angekündigt. Das 181 Warenhäuser umfassende Filialnetz wird glatt halbiert, etwa 10.000 Stellen sollen abgebaut. Lediglich 89 Warenhäusern räumt der neue Konzernchef Christoph Achenbach eine Perspektive unter dem Karstadt-Dach ein. Ganz trennen will sich KarstadtQuelle von den meist auf Kleidung spezialisierten Fachketten mit noch einmal mehr als 300 Geschäften. Die Kosten der Radikalkur - einschließlich hoher Wertberichtigungen - bezifferte Achenbach am Dienstag auf fast 1,4 Milliarden Euro.

ver.di: Problem ist der Umsatzverfall

Die Gewerkschaft wendet sich vor allem gegen die geplante Ausgliederung und den Verkauf der kleineren Warenhäuser. Das Problem der Warenhäuser sei nicht die Kostenstruktur, sondern der Umsatzverfall, auf den immer nur mit Kosteneinsparungen, aber nicht mit neuen Konzepten reagiert worden sei. "Für die Weiterentwicklung der Häuser liegen gute Konzepte vor, sie müssten nur endlich umgesetzt werden", sagte Wiethold.

Nach Berechnungen der Gewerkschaft ver.di sind 30.000 der rund 100.000 KarstadtQuelle-Beschäftigten direkt oder indirekt betroffen. Zu den von der Streichung bedrohten rund 10.000 Stellen müssten rund 20.000 Beschäftigte mit persönlichen Konsequenzen aus Ausgliederungen oder Umstrukturierungen rechnen, sagte ver.di-Sprecher Folkert Küpers. Achenbach wollte diese Zahlen nicht kommentieren.

Das Sanierungskonzept auf einen Blick

* Die jetzige Karstadt Warenhaus AG mit 188 Waren- und 25 Sporthäusern wird zerschlagen. 77 kleinere Häuser mit weniger als 8.000 Quadratmeter Fläche werden in einem ersten Schritt verselbstständigt und danach verkauft. Auch 10 größere Filialen und vier Sporthäuser mit mehr als 2.500 Beschäftigten werden verkauft - findet sich kein Käufer, sollen sie geschossen werden. * Für den "Rest" von 89 Filialen und 21 Sporthäusern, hat der Vorstand einen drastischen Personalabbau angekündigt. Mehr als 4.000 Arbeitsplätze sind hier bedroht.

* Die

Arbeitszeit

soll bei gleichem Lohn von 37,5 auf 42 Stunden verlängert werden, die Belegschaft auf 5 Tage Urlaub verzichten.

* Die

130 Restaurants

in den Warenhäusern (2.250 Mitarbeiter) sollen ausgegliedert, die Beschäftigten nach dem niedrigeren Gastronomie-Tarif bezahlt werden.

* Die

Logistik-Betriebe

sollen zum 1. Januar 2005 komplett verkauft werden. Betroffen sind u.a. die Lagerstandorte in Unna, Essen-Vogelheim und Brieselang mit insgesamt rund 2.500 Beschäftigten.

* Im

Versandhandel (Quelle, Neckermann)

sollen mehr als 1.000 Beschäftigte ihre Arbeit verlieren, 1.000 Mitarbeiter in Call Centern, Vertrieb und Verwaltung werden ausgegliedert.

* Der

Quelle-Hauptkatalog

wird eingestellt, künftig sollen Quelle und Neckermann ihre Waren schneller übers Internet anbieten.

mit Agenturen (DPA, Reuters)