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Lebensmittelverschwendung 40 Prozent aller Nahrungsmittel landen im Müll – ein Großteil schon bevor er in den Supermarkt kommt

Essenreste in einer Biotonne.
Weltweit landen rund 1,2 Billionen Tonnen Lebensmittel im Müll.
© Andrea Warnecke / Picture Alliance
Allein in Deutschland landen jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Weltweit sind es sogar 1,2 Billionen Tonnen. Das entspricht bis zu 40 Prozent aller produzierten Nahrungsmittel. Eine alarmierende Zahl.

Im Kampf gegen die Verschwendung liegt der Fokus meist auf dem Einzelhandel, der Gastronomie und den Haushalten der Verbraucher. Allerdings werden deutlich mehr Lebensmittel weggeworfen, bevor sie überhaupt auf dem Markt landen: 1,2 Billionen Tonnen an Essen werden bereits bei Anbau, Ernte oder auf dem Weg zum Konsumenten zu Abfall. Das ergab eine Studie der Umweltorganisation WWF.

Entwicklungsländer verschwenden weniger Lebensmittel

Die Verschwendung von Nahrungsmitteln erstreckt sich über die gesamte Lieferkette, begonnen mit dem Anbau von Nutzpflanzen. Zum einen können extreme Wetterphänomene die Ernte vernichten, zum anderen sorgen aber auch menschengemachte Faktoren für Ausfälle.

In Entwicklungsländern sind das zum Beispiel der Mangel an modernen Technologien, Arbeitskräften oder einer Infrastruktur für Transport und Lieferung. Trotzdem haben diese Länder den geringeren Anteil an der Lebensmittelverschwendung in der Landwirtschaft. Nach Angaben des WWF sind Staaten in Europa, Nordamerika und Asien für 58 Prozent des Abfalls verantwortlich.

Bauer in Nigeria, der Reis per Hand in den Boden pflanzt.
Handarbeit: Ein Landwirt pflanzt in Nigeria Reis an.
© imago/photothek / Imago Images

Dabei machen diese Länder gerade einmal 37 Prozent der Weltbevölkerung aus und arbeiten zudem mit fortschrittlicher Agrartechnik. Dieser Widerspruch lässt sich leicht erklären. In Industrienationen werden Lebensmittel oft zu Schleuderpreisen verkauft. Im Vergleich zum Einkommen sind die Kosten für Essen sehr gering. Eine Tatsache, die verschwenderischen Konsum laut WWF befeuert.

Umgang mit Lebensmitteln befeuert Verschwendung

Trotzdem scheinen die Ansprüche der Kunden hoch. Denn Obst und Gemüse, das optisch nicht perfekt aussieht, landet oft gar nicht erst im Einkaufswagen. Der Umgang mit den Lebensmitteln in den Industrienationen heizt wiederum die Verschwendung in der Produktion an. So werden die Früchte von Kulturpflanzen, die ästhetisch nicht den Erwartungen entsprechen, gar nicht erst geerntet.

Die Dumpingpreise für Nahrungsmittel verhindern außerdem, dass Landwirte in Entwicklungsländern in Technologien oder Infrastruktur investieren können. Auch Weiterbildungen, mit denen die Produzenten sich effektivere und nachhaltigere Methoden zur Viehzucht und zum Anbau von Pflanzen eignen könnten, bleiben auf der Strecke.

Ein Teufelskreis, der in Zukunft noch mehr Fahrt aufnehmen könnte. Immer mehr Menschen ziehen in Städte. Die zunehmende Urbanisierung könnte dafür sorgen, dass im Jahr 2050 bereits 80 Prozent aller weltweit produzierten Nahrungsmittel in Städten konsumiert werden. Das schätzt die britische Ellen MacArther Stiftung, die sich mit Kreislaufwirtschaft und im Zuge dessen mit Lebensmittelverschwendung beschäftigt.

Lebensmittel in Städten anbauen

Das macht die Transportwege, entlang derer Essen verloren geht, noch länger. Die Lösung für dieses Problem könnte aber wortwörtlich nahe liegen. "Städte können etwa ein Drittel ihres gesamten Lebensmittelbedarfs innerhalb des Stadtgebiets produzieren", sagt Emma Chow, Leiterin der Ellen MacArther Stiftung, der BBC

Kulturpflanzen könnten in Folientunneln, Gewächs- oder Lagerhäusern angebaut werden. Kreislaufsystemen wie Aquaponik könnte eine wichtige Rolle zukommen. Dabei handelt es sich um eine Technik, bei der Exkremente aus der Fischzucht mit Hilfe von Bakterien in Nährstoffe für Pflanzen umgewandelt werden. Das somit gefilterte Wasser fließt schließlich wieder zurück ins Fischbecken.

Obst -und Gemüseanbau auf einem Dach in Frankreich.
So könnte es zukünftig in vielen Städten aussehen. 
© imago images/IP3press / Imago Images

Eine nachhaltige Anbaumethode, die an nahezu jedem Ort und in jeglicher Größenanordnung umgesetzt werden könnte. Zum Beispiel auf Hausdächern. Langfristig gehe es laut Chow darum, verderbliche Lebensmittel schneller auf den Teller zu bringen.       

Das könnte auf lange Sicht zwar weniger Abfälle bei den Endkonsumenten entstehen lassen. Doch die Wurzel des Problems liegt tiefer. Dass bei der Debatte über die Lebensmittelverschwendung sich oft auf den Teil nach der Produktion beschränkt wird, hat laut WWF mehrere Gründe.

"Verlust" oder "Verschwendung"

Zum einen werden die Nahrungsmittel, die während der Produktion im Müll landen, oft schlicht als "Verlust" und nicht als "Verschwendung" bezeichnet. Eine irreführende Kategorisierung, da der Markt in Industrienationen zu einem Großteil für die "Verluste" verantwortlich sei. Deshalb müsse auch hier die Rede von Verschwendung sein.

Überschüssige Lebensmittel werden zum Teil als Tierfutter oder anderweitig verwertet. Auch dann zählen sie nicht mehr offiziell als "verschwendet". Da die Nahrungsmittel aber in erster Linie für den Menschen gedacht waren, müssten auch diese berücksichtigt werden, so der WWF.

Erst dann werde das Ausmaß des Problems wirklich sichtbar. Die Nahrungsmittel, die angebaut und dann vergeudet werden, nehmen im Jahr 4,4 Millionen Quadratkilometern Land in Anspruch. Eine Fläche, die größer als der indische Subkontinent ist. Die 870 Millionen an Mangelernährung leidenden Menschen könnte mit dieser Menge an Essen problemlos satt werden.  

Umdenken auf vielen Ebenen nötig

Auch für die Umwelt hat die Lebensmittelverschwendung katastrophale Folgen. Mehr Treibhausgase, Wasserverschwendung, Übersäuerung der Böden und Verlust der Biodiversität von Pflanzen und Tiere. Das Problem ist vielschichtig und komplex. Es braucht ein Umdenken auf vielen Ebenen, um einen Ausweg zu finden.

Eine junge Frau packt Karotten im Supermarkt ein
Wer beim Kauf von Obst und Gemüse weniger auf die Optik achtet, leistet bereits einen Beitrag im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln.
© imago images/ITAR-TASS / Imago Images

Der WWF sieht dabei sowohl die Regierungen als auch nicht-staatliche Organisationen und Akteure entlang der Lieferkette in der Verantwortung. Letztere könnten mit Landwirten beispielsweise Verträge über faire Bezahlung und Risikoteilung abschließen. Zuletzt liegt es aber auch in der Hand des Konsumenten.

Dabei geht es nicht nur darum, weniger Lebensmittel wegzuwerfen, sondern schon um die Kaufentscheidung zuvor. Die Umweltorganisation empfiehlt, weniger Fleisch zu essen und mehr Vielfalt in die Ernährung zu bringen, um Landwirten auf lange Sicht mehr Auswahl beim Bepflanzen des Landes zu garantieren. Und auch wer im Supermarkt nach den weniger schönen Äpfeln greift, leistet bereits einen Beitrag.

Quellen: Ellen McArthur StiftungBBCWWF

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