Affäre Jagdschein im Visier


Max Strauß, dem Sohn des großen Franz Josef, drohen Jahre im Knast, der CSU drohen peinliche Enthüllungen. Helfen soll jetzt der Psychiater.

Tränen in den Augen habe ihr Bub gehabt, als er zu ihr ins Bett kroch, erinnerte sich die Mama später. Und immer wieder hätte das Kind gesagt: "Ich will nicht, dass der Onkel Max ins Gefängnis muss." Die rührende Familienszene liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Der Bub schlüpft nicht mehr in das Bett der Mama, die Monika Hohlmeier heißt, geb. Strauß, 41 Jahre alt und bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus ist. Doch um ihren Bruder, des Buben Onkel Max, steht es schlechter als je zuvor. Seit zwei Monaten liegt der Münchner Rechtsanwalt, 44, in der psychiatrischen Abteilung einer Münchner Klinik. Seine Familie will ihn daraufhin begutachten lassen, ob seine "persönliche Struktur in Schieflage gekommen sein könnte", wie es sein Rechtsanwalt Wolfgang Dingfelder diplomatisch formuliert.

Der "Jagdschein", wie verminderte Zurechnungsfähigkeit an Bayerns Stammtischen drastisch heißt, würde zwar das Ende der beruflichen Karriere des ältesten Sohnes von Franz Josef Strauß bedeuten, aber ihn, seine ministeriale Schwester, den jüngeren Bruder Franz Georg, vor allem aber die CSU möglicherweise vor weitaus größeren Schwierigkeiten bewahren. Dem einst juristisch scheinbar unangreifbaren Sohn des bayerischen Ministerpräsidenten und ungekrönten Weltenlenkers Franz Josef Strauß, der im Herbst 1988 im Gehege des Fürsten von Thurn und Taxis mit Herzversagen zusammengebrochen war, drohen zwei Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe und Beihilfe zum Betrug. Die könnten ihn möglicherweise für ein paar Jahre hinter Gitter bringen, abgesehen von einer anhängigen Schadensersatzforderung in Höhe von vier Millionen Euro.

Das sind keine guten Aussichten für die Partei, die angeblich das schöne Bayern erfunden hat. Denn ein Max Strauß im Knast, so ein hochrangiger CSU-Politiker zum stern, bedeute, "dass der nach zwei Tagen alles sagt, was er weiß. Und dann fliegt die CSU in die Luft". Schon werden im erweiterten Familienkreis Informationen gestreut, die belegen sollen, dass Max eine schwere Kindheit hatte. Aus dem unmittelbaren Umfeld von Schwester Monika, die ihre Nächsten bei Bedarf gern mit Eisbären vergleicht, "die ihre Familienmitglieder gegen den Rest der Welt verteidigen", ist zu hören, dass der Vater den Sohn fast schon missbraucht habe, indem er Max ständig überforderte.

Strauß, das ist auch heute noch in Bayern mehr als nur ein Name, eher schon ein Gefühl wie mpfdada und Hosianna zugleich. Ganze Säle und Bierzelte sind früher in Andacht versunken, wenn ER kam, umschmeichelt von willigen Dienstboten, die heute per internationalem Haftbefehl gesucht werden (Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber, Staatssekretär Holger Pfahls), als gewaltigste Steuerhinterzieher Bayerns Karriere machten ("Bäderkönig" Eduard Zwick), Milliardenpleiten verursachten (Leo Kirch) oder im rechtsradikalen Nirwana verschwanden (Franz Schönhuber). Ein Ministerpräsident und Spitzenpolitiker, der, wie es "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein nannte, vom "Ruch der Korruption" umgeben war.

Franz Josef Strauß hatte seinen ältesten Sohn mit 17 zu einer Art Privatsekretär gemacht und mitgenommen zu den Großen dieser Zeit. Max war von da an fast immer dabei, wenn der Vater Weltpolitik machte. In Riad, wo es um Waffenexporte ging, rüffelte Max Josef Strauß 1986 den deutschen Botschafter Walter Nowak ("halten Sie das Maul"), nachdem sich der Diplomat erdreistet hatte, auf die Exportbeschränkungen für Kriegsmaterial hinzuweisen. Eine Anfrage der SPD im bayerischen Landtag zu diesem Vorfall endete mit einer Belobigung Stoibers für Max Josef, der sich um deutsche Wirtschaftsinteressen verdient gemacht habe. Damit sollte nur verdeckt werden, dass Max höchstselbst mit den Saudis in ein Geschäft Waffen gegen Öl kommen wollte.

Abends, nach der Weltpolitik, saßen Franz Josef, Max Josef und der Tross gerne beieinander, lösten die Baskenfrage in Spanien und die Lage in Nahost. Der Vater, so der Sohn, "dachte in großen Dimensionen", der Rest hörte zu und applaudierte. Manchmal wurde zünftig gefeiert. Wenn der Eduard Zwick dabei war, passierte es zuweilen, dass der Zwick sagte: "Franz, heute zahlst du", und ihm einen Umschlag voller Banknoten zusteckte. Die Geburtstage von FJS, die gerne an der Côte d'Azur zelebriert wurden, finanzierte Zwick, wie er später behauptete, persönlich. Mit angeblich jeweils so zwischen 150.000 bis 200.000 Mark, inklusive der Hotel- und Reisekosten für den erweiterten Freundeskreis des Ministerpräsidenten, wobei zuweilen auch der Edmund Stoiber zu den eingeflogenen Gratulanten zählte.

Im Windschatten des Übervaters war auch der Filius wichtig geworden und Teil der Münchner Schickeria. Bayerns First Son, obwohl dem Vater immer ähnlicher, galt als eine der besten Partien im Freistaat. Eine Zeit lang war der angehende Rechtsanwalt mit Fräulein Gabriele, Tochter der Münchner Society-Lady Renate Thyssen-Henne, verbandelt, die es allerdings später vorzog, einen leibhaftigen Fürsten und danach gleich den Aga Khan zu freien. 1988, nach dem Tode des Vaters, übernahm Max Josef das Amt als Sprecher der Erbengemeinschaft Strauß. Was der Vater hinterlassen hat, blieb geheim. Aber es wurden Details bekannt, die sogar Fachleute beeindruckten. "Erstaunliche Dinge über das Entstehen des FJS-Vermögens erfahren", notierte der ehemalige CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, selbst heimlicher Empfänger einer "schwarzen Millionenspende" für sein Buch "Was bleibt ist große Zuversicht".

Zu den "erstaunlichen Dingen" gehören etwa 300.000 Mark pro Jahr, die der Parteivorsitzende und Ministerpräsident als Testamentsvollstrecker eines Ehepaars aus Burgkunstadt ohne jeden Aufwand kassiert hatte. Das noch ausstehende Geld aus dieser Quelle am äußersten Rand der Legalität beanspruchten nun die Erben. Und wer sie daran hindere, so Max Josef im Namen seiner Schwester Monika und des Bruders Franz Georg, werde sich "eine blutige Nase holen". Münchens Reporter stürzten sich dennoch geradezu inbrünstig auf die Nebenerwerbsbetriebe des FJS, zu denen auch die klammheimliche Beteiligung an einer Werbeagentur zählte, die durch Aufträge der Staatsregierung alimentiert wurde. Einen dieser Reporter knöpfte sich der Sprecher der Erben persönlich vor und erhob ihn zum "Mitglied der journalistischen Totenkopfdivision Joseph Goebbels", alles in allem also eine "ausgemachte Drecksau". Für die ausgemachte Drecksau hat er sich später entschuldigt. Für die übrigen Verbalinjurien zahlte er ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Mark, was Franz Josef nie passiert wäre.

Inzwischen war Edmund Stoiber in die Staatskanzlei eingezogen, wo er sich als bloß kleiner Trabant im System des Franz Josef Strauß outete und sich selbst Generalabsolution erteilte. Von den Amigos seines Vorgängers will er nichts mehr wissen. Gegen die ließ er der Justiz freie Hand. Augsburger Staatsanwälte begannen mit Ermittlungen, die sich zunächst gegen Karlheinz Schreiber richteten, dem einst engen Freund von Franz Josef Strauß. Dabei stießen die Fahnder schnell auf dessen Namen und den des Sohnes Max Josef. Beide sollen mit Schreiber vereinbart haben, Provisionen in Millionenhöhe, die für Airbusgeschäfte und die Vermittlung von Spürpanzern geflossen sind, an der Steuer vorbei auf ein Schweizer Konto mit den Codenamen "Master" und "Maxwell" zu leiten. Mit "Master", so die Ermittler, war der Vater gemeint, mit "Maxwell" der Sohn.

Acht Jahre lang dauerten die Ermittlungen. Unter anderem darum, weil Schreiber sich nach Kanada abgesetzt hatte, von wo aus er mit immer neuen Geschichten die Justiz beschäftigt. Doch auch die nach wie vor große Ehrfurcht vor dem toten FJS ist an dem langen Verfahren schuld. Einen Antrag der Augsburger Staatsanwälte, auch bei Max Josef Strauß - wie bei weiteren Beschuldigten - eine Hausdurchsuchung zu genehmigen, lehnte am 13. Dezember 1995 die Augsburger Richterin Brigitta Schiffelholz ab, womit sie die wohl schrillste Staatsaffäre seit dem mysteriösen Tod von Ludwig II. im Starnberger See auslöste. Denn gerade nachdem die Staatsanwälte bei den übrigen Verdächtigen aufgetaucht waren, wurde die Festplatte im Computer von Max Josef Strauß von einem Virus befallen, der die gespeicherten Daten so nachhaltig löschte, dass sie "blank wie ein Kinderhintern" war, wie Bruder Franz Georg erklärte, als die Staatsanwaltschaft doch noch haussuchen durfte.

Rekonstruieren war auch nicht möglich, weil das Beweismittel inzwischen auf dem Weg von oder zu einem privaten Experten spurlos verschwunden war, worüber Max Josef angeblich sehr gelacht hat. Den Grund, warum sie überhaupt dahin geschickt wurden, offenbarte der als sachverständiger Zeuge geladene Computer-Experte Bernd Wissner, Augsburg, gegenüber dem "Festplatten-Untersuchungsausschuss" im Bayerischen Landtag mit der Aussage, die Steuerfahndung sei der Meinung gewesen, "LKA ist ein bisschen kritisch. Wer weiß, wo die Familie Strauß noch ihre Freunde sitzen hat. Wir geben es lieber einem Privaten".

Nothelfer hat Max Strauß immer noch. Der Kammervorsitzende Maximillian Hofmeister will mit dem Gericht sogar nach Toronto reisen, falls Schreiber bereit sei auszusagen. Der hat Max Josef Strauß bisher entlastet und 5,2 Millionen Schmiergeld der CSU zugeschrieben. Für die ehemaligen Thyssen-Manager Jürgen Maßmann und Winfried Haastert galten allerdings andere Maßstäbe. Obwohl es keine sicheren Beweise für Schmiergeldflüsse gab, verurteilt sie Hofmeister in derselben Sache zu langjährigen, wenn auch noch nicht rechtskräftigen Haftstrafen. Ihren Antrag, den Entlastungszeugen Schreiber zu befragen, hatte das Gericht mit der Begründung abgelehnt, von dem seien "keine Erkenntnisse von Beweiswert zu erwarten".

Max Strauß aber hat sich so tief in den Sumpf manövriert, dass wohl alle Nothelfer zu spät kommen. Das zweite Verfahren ist womöglich noch gefährlicher für ihn. Es geht um 100 Millionen Mark, um die etwa 5.000 Anleger des "WABAG"-Konzerns betrogen worden sind. Max Josef Strauß war seit 1995 Rechtsberater des Konzern, der mit den Begriffen "Bio" und "Recycling" Anleger köderte. Doch da, so sein Anwalt, habe es dem Rechtsanwalt Strauß schon am "Totaldurchblick" gefehlt, was nun zwei psychiatrische Gutachten belegen sollen. Das ist, wie schon Franz Josef Strauß wusste, ein probates Mittel, der Justiz zu entgehen. In einem zur Geheimsache hochgestuften Brief an seinen Spezi Zwick, der sich 1982 mit 70 Millionen Mark Steuerschulden in die Schweiz abgesetzt hatte, empfahl er am 29. April 1986, sich auf Verhandlungsunfähigkeit hin untersuchen zu lassen. Werde diese festgestellt, "wird die Strafjustiz, wie mir mitgeteilt wird, das Verfahren entweder vorläufig oder endgültig einstellen".

Rupp Doinet, Rudolf Lambrecht <br/>Mitarbeit: Georg Wedemeyer print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker