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Banken-Desaster: Angst vor dem neuen Lehman

Drei Jahre nach der Lehman-Pleite zittern die Märkte um die europäischen Geldhäuser. Zwischen damals und heute gibt es beunruhigende Parallelen.

Ein Vergleich von Christian Kirchner

Gefunden bei FTD.de

EZB-Chef Jean-Claude Trichet läutet die Alarmglocken: "Diese Krise hat eine systemische Dimension erreicht", sagte der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank und Vorsitzende des Europäischen Rats für systemische Risiken (ESRB) am Dienstag. Damit rückte Trichet die Schuldenkrise in die Nähe der Folgen der Lehman-Pleite 2008. Die Insolvenz der US-Investmentbank brachte damals Geldhäuser weltweit ins Wanken.

Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann warnte schon Anfang September, die Lage auf den Finanzmärkten erinnere an den Herbst 2008. Allerdings sei "der europäische Bankensektor im Vergleich zu damals heute deutlich besser kapitalisiert und weniger von kurzfristiger Liquidität abhängig", sagte Ackermann damals. Die Bundesregierung und die EU-Kommission sind anderer Meinung: Sie wollen zahlreiche Banken zu Kapitalerhöhungen zwingen, um ein zweites Lehman zu vermeiden. Ein Vergleich der Situation damals und heute.

Parallelen: Turbulenzen auf den Finanzmärkten

Lehman 2008
Noch bis weit in das Jahr 2008 hinein konnten die Aktienkurse der Weltbörsen ihre seit den Tiefstkursen fünf Jahre zuvor erreichten Zugewinne verteidigen, glaubten viele an eine - wenngleich leicht gedämpfte - Fortsetzung des Aufschwungs.

Erst ab Ende September 2008 stürzten alle als risikobehaftet geltenden Vermögensklassen dramatisch und rund um den Globus ab: Aktien - allen voran Banktitel -, Rohstoffe, Verbriefungen brachen im Parallelflug ein. Der DAX verlor in der Spitze über 50 Prozent, der Ölpreis brach in der Spitze um 80 Prozent ein. Zugleich setzte eine Flucht in als sicher geltende Staatsanleihen ein, die deren Zinsen kräftig sinken ließen. Der Goldpreis begann eine Rally.

Schuldenkrise 2011
Es ist die vermutlich augenscheinlichste Parallele zur Post-Lehman-Ära: Fast alle als riskant oder konjunktursensibel geltenden Anlagen wie Aktien und Rohstoffe stehen seit Ende Juli unter Druck. Wie schon 2008 erfasst dieser Absturz alle großen Märkte rund um den Globus. Wie 2008 zeichnet sich eine deutliche Abschwächung des Wirtschaftswachstums ab und fürchten manche Ökonomen gar eine Rezession. Wie schon 2008 gehören Banken zu den größten Verlierern am Aktienmarkt, wie schon 2008 setzt eine Flucht in als sicher geltende Anleihen und Gold ein.

Allerdings fällt der Kursrutsch bei Banken bislang etwas milder aus: Rund 40 Prozent haben europäische Banktitel nun binnen eines halben Jahres verloren. Zwischen Herbst 2008 und Frühjahr 2009 verloren Bankaktien gemessen am Stoxx 600 Banks zwei Drittel an Wert, gemessen an den Kurshochs von vor der Krise 2007 fünftelten sie sich sogar seinerzeit.

Eine weitere erstaunliche Parallele zeigt der chinesische Aktienmarkt: Er begann seine Korrektur in der Krise 2007/2008 bereits deutlich vor den Industrieländern - und steht auch im aktuellen Börsenzyklus schon seit Ende 2009 unter Druck, während die Märkte der Industrieländer noch bis weit in das Jahr 2011 hinein haussierten.


Parallelen: Die Rolle der Ratingagenturen

Lehman 2008
Ratingagenturen wird eine Mitschuld an der Eskalation der Finanzkrise ab 2007 insgesamt gegeben. Der Vorwurf: Sie hätten riskante Wertpapiere - etwa verbriefte Immobilienkredite und andere Forderungen - zu optimistisch bewertet, die Käufer erlitten mit vermeintlich sicheren Anlagen hohe Verluste.

Zudem warf man ihnen Interessenkonflikte vor, da sie von den Akteuren bezahlt werden, über die sie urteilen.

Schuldenkrise 2011
Wie schon in der Lehman-Krise stehen Ratingagenturen erneut am Pranger - diesmal allerdings dreht man die Vorwürfe um: Hielt man ihnen bislang jahrelang vor, zu unkritisch bei der Analyse zu sein, so sollen sie nun mit ihren kritischen Urteilen zur Bonität vorschnell handeln und damit - wie mit den Herabstufungen der Euro-Peripherie oder der USA - krisenverschärfend agieren.

Inzwischen mehren sich allerdings die Zeichen, dass sich die Märkte zunehmend von den Ratingurteilen emanzipieren: Selbst Herabstufungen Italiens oder britische und portugiesischer sowie italienischer Banken in der vergangenen Woche hatten keinen Einfluss mehr auf tagesaktuelle Kursveränderungen.

Auch der Verlust des Topratings "AAA" der USA hat der Nachfrage nach US-Staatsanleihen keinen Abbruch getan, stattdessen fielen die Renditen weiter. Auch griechische Staatsanleihen werden bereits seit Monaten gehandelt, als sei eine Insolvenz und/oder Umschuldung unvermeidlich, obwohl die Ratingagenturen sie noch nicht im "Pleitestatus" führen.


Parallelen: Die Rolle der Notenbanken

Lehman 2008
Nach dem Lehman-Kollaps waren die Notenbanken zentraler Akteur beim Krisenmanagement. Sie fluteten die Finanzmärkte mit Liquidität und akzeptierten bei Geldgeschäften Sicherheiten, die in geordneten Marktverhältnissen nicht die nötige Qualität gehabt hätten, um von den Währungshütern angenommen zu werden. Zudem griffen die Notenbanken zu unorthodoxen Mitteln: Die amerikanische Federal Reserve etwa kaufte allein bis Ende März 2010 rund 1700 Mrd. Dollar an hypothekenbesicherten Wertpapieren und Staatsanleihen.
Schuldenkrise 2011
Auch derzeit kommt den Notenbanken eine zentrale Rolle zu. Die Europäische Zentralbank (EZB) versorgt die Banken, die aufgrund der Sorgen um die Verschuldung ihrer Heimatländer kein Geld mehr bekommen, mit Krediten und hat ihre Maßnahmen aus der letzten Krise reaktiviert: Sie will künftig wieder Pfandbriefe aufkaufen und leiht Banken unlimitiert Geld zum Festzins. Zudem erwirbt sie immer wieder Staatsanleihen der kriselnden Euro-Peripheriestaaten - ein Tabubruch, gegen den sie sich lange gewehrt hatte.

Auch die US-Notenbank schichtet im Zuge der "Operation Twist" eine ihr bereits angekauftes Anleiheportfolio um, indem sie kurzfristige durch langfristige Anleihen ersetzt. Viele Beobachter rechnen zudem bald mit einem weiteren, nunmehr dritten Aufkaufprogramm ("QE3")


Parallelen: Fehlen historischer Muster

Lehman 2008
Einen kompletten Zusammenbruch ganzer Märkte, weil sich die Akteure und besonders Banken untereinander nicht mehr vertrauen, schien bis zur Lehman-Pleite kaum vorstellbar. Die hohen Bilanzsummen von Finanzinstituten und das Rad, das sie an den Kapitalmärkten insgesamt drehten, war historisch ungesehen. Daher war es auch ein gigantisches Experiment, eine Investmentbank von der Größe Lehmans in die Pleite schlittern zu lassen - ebenso wie es ein Experiment mit ungewissem Ausgang und ungewissen Folgen war, anschließend die Konjunktur und die Banken mit Billionensummen auf Pump wieder aufzupäppeln.
Schuldenkrise 2011
Wie schon nach der Lehman-Pleite fehlen für die aktuelle Krise historische Blaupausen, die Orientierung bieten und sinnvolle Reaktionen nahelegen. Schuldenkrisen gab es immer - aber keine zugleich in den wichtigsten Währungsräumen der Welt, also dem Euro wie auch dem Dollar.

Maßnahmen wie Rettungspakete für klamme Euro-Länder oder billionenschwere Gelddruckaktionen durch die US-Notenbank sind erneut gigantische Experimente mit offenem Ausgang. Stritt man bislang, ob man Lehman überhaupt hätte pleitegehen lassen sollen, zoffen sich Experten nun, ob man Staaten pleitegehen lassen darf oder gar muss - oder dies in eine Katastrophe á la Lehman mündet, weil die Krise etwa bei einer Umschuldung oder gar Insolvenz Griechenlands auch auf andere Euro-Peripheriestaaten übergreift.


Unterschied: Liquidität

Lehman 2008
Die Finanzkrise wurde von einem tiefen gegenseitigen Misstrauen der Banken geprägt - vor, aber erst recht unmittelbar nach der Lehman-Pleite. Aus dem Verdacht heraus, dass die fremden Sicherheiten für die untereinander vergebenen Kredite vermutlich genauso wenig Wert haben wie die eigenen, liehen sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr. So kam der übliche Liquiditätsfluss im System schlagartig fast komplett zum Erliegen. Nur die Zentralbanken konnten den Finanzsektor noch als "letzte Instanz" mit Geld versorgen.
Schuldenkrise 2011
Auch aktuell hakt es am Interbankengeldmarkt. Etliche europäische Banken sind auf Kredite von Notenbanken angewiesen - aber nicht alle. Da sich Staaten vor allem bei heimischen Instituten verschulden, bestehen deren Sicherheiten zu einem großen Anteil aus Schuldtiteln des Heimatlands. Wird dessen Bonität angezweifelt, akzeptieren Geschäftspartner die Papiere nicht mehr als Sicherheit oder verlangen hohe Aufschläge.

So geht es Banken aus Griechenland oder Italien. Häuser etwa aus Deutschland hingegen sind liquiditätsstark und können sich noch relativ günstig finanzieren. Allerdings trübt sich Liquidität auch am Anleihenmarkt inzwischen deutlich ein - auch das war ein Grund für die EZB, erneut bei Pfandbriefen ein Aufkaufprogramm zu starten. Die niedrige Liquidität potenziert die Gefahr von Schocks und erratischen Verlusten, weil im Krisenfall nur wenige Verkaufsaufträge schon Kursstürze auslösen können.


Unterschied: Rolle der Staaten

Lehman 2008
In der Finanzkrise traten vor allem die USA und Staaten in Europa als Retter auf. Sie - und damit die Steuerzahler - stützten taumelnde Finanzinstitute wie die HRE, AIG oder die Commerzbank über Kapitalspritzen und Absicherungssysteme für problembehaftete Wertpapiere in den Büchern der Geldhäuser. Außerdem gaben viele Regierungen Garantien für Verbindlichkeiten und Einlagen der Institute ab.

Im Gegenzug diktierten die Staaten den geretteten Banken Bedingungen. So mussten sich viele Institute aus bestimmten Auslandsmärkten zurückziehen und Gehaltsbegrenzungen für Manager hinnehmen.

Schuldenkrise 2011
Vom Retter sind die Staaten zum zentralen Problem geworden. Viele sind hoch verschuldet, Investoren zweifeln daher an ihrer Fähigkeit, ihre Schulden zu bedienen. Die Solvenz der Banken hängt direkt auch mit der Solvenz der jeweiligen Heimatstaaten zusammen. Ironischerweise haben in einigen Fällen die Hilfen für die Banken sowie Konjunkturprogramme gegen die Folgen der Finanzkrise zu der Misere beigetragen.

Wie zuvor die Banken werden nun die Staaten gestützt: Die Euro-Zone greift mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) Griechenland unter die Arme und legt den Euro-Rettungsfonds auf, der bisher Irland und Portugal hilft. Im Gegenzug müssen die Länder Sparprogramme und Reformen umsetzen.


Unterschied: Rolle der Banken

Lehman 2008
Spiegelbildlich zu den Staaten verlief die Entwicklung bei den Banken: In der Finanzkrise sind sie in vielen Fällen auf Staatshilfen angewiesen. Allein in Europa summiert sich die Unterstützung zwischen Oktober 2008 und März 2010 auf rund 4000 Mrd. Euro, auch wenn drei Viertel davon "nur" aus staatlichen Garantien bestehen. Zum Vergleich: Der Euro-Rettungsfonds ist 440 Mrd. Euro schwer. Ohne Steuergeld durch die Krise zu kommen wird zum Qualitätsmerkmal - etwa für die Deutsche Bank.
Schuldenkrise 2011
In der Schuldenkrise waren die Banken zumindest eine Weile in der Rolle der Geldgeber. Die Länder der Euro-Zone waren auf ihr Entgegenkommen angewiesen, wenn es darum geht, den Finanzsektor an den Kosten für die Rettung verschuldeter Staaten zu beteiligen. Beim zweiten Rettungspaket für Griechenland machen sie über einen Anleihetausch mit, ihr Beitrag könnte sich auf rund 135 Mrd. Euro belaufen.

Allerdings dreht sich der Wind - seit offen über eine Pleite Griechenlands spekuliert wird, ist klar, dass auch bei den Banken eine Kapitallücke von rund 200 Mrd. Euro klaffen könnte, falls Griechenland in die Pleite schlittert und sich die Krise ausweitet. Nun sollen Banken zwangskapitalisiert werden - indem man die Kapitalanforderungen anhebt. Im Gegenzug müssen die Länder Sparprogramme und Reformen umsetzen.


Unterschied: Internationale Koordination

Lehman 2008
Während die Notenbanken in der Finanzkrise international kooperierten, etwa über Währungstauschgeschäfte, setzten die Regierungen bei der Bankenrettung auf Alleingänge. Ein gemeinsames Vorgehen gab es lediglich bei Fortis, einem Finanzkonzern mit Sitz in den drei Beneluxländern.

Dieser Mangel an Koordination löste Irritationen aus, etwa als Irland im Herbst 2008 eine Garantie für sämtliche Guthaben und Verbindlichkeiten der Banken abgab, die zunächst nur für heimische Institute galt. In der Folge transferierten britische Bankkunden Milliarden auf Konten irischer Häuser.

Schuldenkrise 2011
Bei der Staatenrettung in der Währungsunion gehen die Regierungen nunmehr gemeinsam vor. Sie haben den Euro-Rettungsfonds EFSF aufgelegt, der von den Mitgliedsländern nach einem festgelegten Schlüssel befüllt wird. Die Staaten garantieren dafür, dass die EFSF jederzeit zahlungsfähig ist. Rettungsgeld nimmt die Gesellschaft über Anleihen am Markt auf.

Die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone stimmen ihr Vorgehen in einer Serie von Gipfeltreffen ab, auch wenn etwa die neue IWF-Chefin Christine Lagarde jüngst beklagte, es werde noch zu unkoordiniert kommuniziert. Auch in der Lösung der Krise der Eurozone zeichnet sich seit Tagen eine bessere Koordination und auch ein Plan bis spätestens Anfang November ab.


FTD